Singen ist Jelly Kerkhofs Lebenselixier

Gleich bei zwei Konzerten im Theater Uri steht Jelly Kerkhof als Solistin auf der Bühne. Sie erzählt ihre spannende Lebensgeschichte.

Florian Arnold
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Jelly Kerkhof bei einem ihrer zahlreichen Auftritte.

Jelly Kerkhof bei einem ihrer zahlreichen Auftritte.

Bild: PD

Noch bevor sie sprechen konnte, habe sie schon gesungen – so zumindest habe es ihre Mutter immer erzählt. Und noch heute singt sie beinahe den ganzen Tag: Beim Autofahren, beim Kochen, beim Staubsaugen und sogar, wenn sie im Büro Arbeiten erledigt. «Manchmal merke ich es selber gar nicht, dass ich am Singen bin», sagt Jelly Kerkhof mit unverkennbarem holländischem Akzent.

Dass Jelly Kerkhof nicht nur viel, sondern auch gut singt, ist den Urnern längstens bekannt, war sie doch schon an Konzertabenden, Musicals; in Chören, als Solistin, im Duo oder in der Band; an Hochzeiten, Firmenfesten und Geburtstagen zu hören. Kommendes Wochenende ist sie gleich bei zwei Projekten im Theater Uri als Solistin gefragt: Am Samstagabend mit dem Intercity Jazz Orchestra und am Sonntagabend mit dem Ü60-Blasorchester, der Jugendmusik und der Band Esperanto.

Auch Luft im Profi- Business geschnuppert

Tönt ganz danach, als hätte sie sich auf die Begleitung mit viel Blech spezialisiert. Doch sie winkt ab: «Ich habe mich noch nie auf einen Stil festgelegt. In jeder Musik gibt es schöne Sachen», sagt sie. Durch all die Jahre habe sie sich daran gewöhnt, sich an die anderen Musiker anzupassen. «Ich weiss deshalb gar nicht, was meine ideale Stimmlage wäre», sagt sie und lacht. Auch in der Welt der Profimusik bewegte sich Jelly Kerkhof einst. Nachdem sie bei ihrem Schulabschluss in Friesland entdeckt wurde, stieg sie bei der Folk- und Countryband New Deal ein, welche auch international Auftritte bestritt. Dazu zählte etwa die USA, aber auch die Schweiz wurde öfters besucht. Ein Tagesausflug von Zürich aus führte sie damals, Ende der 1970er-Jahre, zum ersten Mal nach Altdorf. Obwohl sie die Landschaft schon damals atemberaubend fand, konnte sie sich damals nicht vorstellen, dass sie einst in Uri wohnen würde. Neben dem Musikerleben führte sie das Restaurant, das ihrem Vater gehörte. Oftmals wurde es mit den Musikauftritten früh morgens – und um 7 Uhr ging das Restaurant wieder auf. «Wenn man jung ist, kann man das meistern», meint sie.

In diesem Restaurant, das sich direkt am Meer befand, strandete einst auch ein Gast namens Johan Kerkhof. Die beiden verliebten sich – auch wenn der junge Mann wenige Wochen nach dem Kennenlernen in die Schweiz aufbrach, um hier als Physiotherapeut zu arbeiten. Etliche Male pendelte die Sängerin hin und her. Schliesslich entschied sie, ihr Leben als Gastgeberin und Musikerin aufzugeben, um in die Schweiz zu ziehen  – aus Liebe.

«Die ersten zwei Jahre waren nicht so einfach für mich», erinnert sie sich. «Ich durfte nicht arbeiten und kam nur zum Einkaufen aus dem Haus.» So lerne man die Sprache nicht so leicht.

«Es hat mir etwas gefehlt»

Als sie nach Flüelen zog, brachte ihr eine Nachbarin schliesslich das Schweizerdeutsch bei. Von ihrem Talent als Sängerin wusste zu dieser Zeit aber niemand. 10 Jahre betrat sie keine Bühne mehr. «Es hat mir etwas gefehlt», sagt sie. So trat sie 1999 dem Urner Gospel-Chor bei. Kurz darauf wurde ihr das erste Solo angeboten. Sie zögerte, sagte aber schliesslich zu. «Das war der Startschuss», so die Sängerin. Es folgten zahlreiche weitere Projekte. Mit dem Urner Pianisten Tino Horat trat sie oft im Duo auf. Er war es auch, der Jelly Kerkhof zum Inter City Jazz Orchestra brachte.

Sie habe es nie bereut, sich von der Profimusik abzuwenden, sagt Jelly Kerkhof rückblickend. «Ich habe bewusst ein anderes Leben gewählt, weil ich auch die andere Seite dieser Scheinwelt kennen gelernt habe.» Sie habe viel Alkohol, Drogen und Einsamkeit gesehen. Mühe hatte sie auch damit, sich selber in Szene zu setzen. «Manchmal bin ich mir sogar wie eine Prostituierte vorgekommen. Denn wenn man singt, zeigt man sein Innerstes, deine Gefühle. Da ist man sehr angreifbar.» Noch heute sei für sie jeder Auftritt mit Nervosität verbunden – und nach dem Konzert sei die Erleichterung riesig.

Nach wie vor gilt Jelly Kerkhof: «Musik ist mein Lebenselixier.» Und das hat sie schon früh in ihrem Leben erfahren. Als sie 17 war, erlitt sie eine Hirnhautentzündung, deren Folgen noch heute spürbar sind. Auf einen Schlag war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. «Durch die Musik habe ich diese Zeit überlebt. Während des ganzen Spitalaufenthalts hatte ich immer Musik auf dem Ohr.»

Mit leichten Einschränkungen konnte sie später wieder gehen – heute benützt sie Krücken als Hilfe. «Ich finde es manchmal schade, dass ich mich auf der Bühne nicht freier bewegen kann», sagt sie mit etwas Wehmut.

Die Tochter hat das Talent mitbekommen

Ihre Liebe zur Musik konnte sie auch ihren beiden mittlerweile erwachsenen Kindern mitgeben. Tochter Lise hat sich längst einen eigenen Namen gemacht und spielt etwa bei Musicals wie «Big Fish» Hauptrollen (siehe Artikel unten).

«Das macht mich natürlich sehr stolz. Denn das kann nicht jede Mutter erleben», meint Jelly Kerkhof. Diesbezüglich windet sie aber auch dem Kanton Uri ein Kränzchen: «Nicht überall hat man das Glück, auf so einer grossen Bühne wie im Theater Uri aufzutreten.» Nicht zuletzt deshalb sagt sie: «Ich fühle mich als Urnerin.»

Jelly Kerkhof mit dem Intercity Jazz Orchestra am Samstag, 8. Februar, um 20 Uhr; mit dem Ü60 Blasorchester am Sonntag, 9. Februar, um 17 Uhr im Theater Uri, Altdorf.

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