SISIKON: Sie vertreiben Geister und arme Seelen

Um Drei Könige sind im Kanton Schwyz die Greifler unterwegs. Der Brauch wird auch in Sisikon praktiziert – früher nicht zur Freude aller.

Elias Bricker
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Die Greifler zogen mit viel Getöse durch Sisikon. (Bild Urs Hanhart)

Die Greifler zogen mit viel Getöse durch Sisikon. (Bild Urs Hanhart)

Die Greifler Sisikon vertreiben am Abend vor Dreikönige mit Tryychlen... (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
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... böse Geister und arme Seelen. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Mit viel Getöse zogen Sie am 5. Januar durchs Dorf. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Der Lärm war so gross, dass es den zahlreich aufmarschierten Zuschauern durch Mark und Bein ging. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
In weissen Hirtenhemden und mit roten Zipfelmützen zogen am Dienstagabend rund dreissig so genannte Greifler durch Sisikon, ... (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
... von der Sägerei zum Hotel Eden und zurück zum Schulhaus, ... (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
... so dass der Verkehr auf der Axenstrasse kurzzeitig aufgehalten wurde. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Begleitet wurden die Greifler in diesem Jahr zudem von rund 25 Mitgliedern der «Tryychlergruppe» Attinghausen. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Der Greiflet ist ein uralter Brauch. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Um den Dreikönigstag wird er im ganzen Kanton Schwyz ausgelebt. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Aber auch im angrenzenden Sisikon, der nördlichsten Urner Gemeinde, wird seit rund fünfzig Jahren «greiflet». (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
«Woher der Brauch kommt, ist nicht ganz klar», sagt Josef Zwyer, Präsident des Greiflervereins Sisikon. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
«Für die einen ist er gleichbedeutend mit dem Fasnachtsanfang. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Einige Volkskundler sind der Auffassung, dass mit dem Greiflet das Ende der zwölf dunkelsten Nächte des Jahres gefeiert wird. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
In diesen Nächten soll in vorchristlicher Zeit der germanische Gott Wotan mit einem Heer von Geistern und armen Seelen sein Unwesen getrieben haben. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Die Greifler sollen nun mit viel Lärm und grossem Getöse diese Geister vertreiben. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)
Greifler (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Die Greifler Sisikon vertreiben am Abend vor Dreikönige mit Tryychlen... (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Elias Bricker

Am vergangenen Dienstagabend, kurz nach 20 Uhr, ging es in Sisikon los: «Tryychler» und «Geisslächlöpfer» machten einen derart höllischen Lärm, dass es den zahlreich aufmarschierten Zuschauern durch Mark und Bein ging. In weissen Hirtenhemden und mit roten Zipfelmützen zogen am Dienstagabend rund dreissig so genannte Greifler durch Sisikon, von der Sägerei zum Hotel Eden und zurück zum Schulhaus, so dass der Verkehr auf der Axenstrasse kurzzeitig aufgehalten wurde. Begleitet wurden die Greifler in diesem Jahr zudem von rund 25 Mitgliedern der «Tryychlergruppe» Attinghausen. Der Greiflet ist ein uralter Brauch. Um den Dreikönigstag wird er im ganzen Kanton Schwyz ausgelebt. Aber auch im angrenzenden Sisikon, der nördlichsten Urner Gemeinde, wird seit rund fünfzig Jahren «greiflet».

Gott treibt sein Unwesen

«Woher der Brauch kommt, ist nicht ganz klar», sagt Josef Zwyer, Präsident des Greiflervereins Sisikon. «Für die einen ist er gleichbedeutend mit dem Fasnachtsanfang. Andere wiederum glauben, dass das Greiflen ein alter Brauch aus heidnischer Zeit ist.» Einige Volkskundler sind der Auffassung, dass mit dem Greiflet das Ende der zwölf dunkelsten Nächte des Jahres gefeiert wird. In diesen Nächten soll in vorchristlicher Zeit der germanische Gott Wotan mit einem Heer von Geistern und armen Seelen sein Unwesen getrieben haben. Die Greifler sollen nun mit viel Lärm und grossem Getöse diese Geister vertreiben. Zudem führt in Sisikon jeweils ein Mann, der ein kleines Tännchen mit sich trägt, den Greiflerumzug an. Dieses so genannte «Grotzli» soll die Fruchtbarkeit symbolisieren, Segen bringen und mit seinen Nadeln Böses abhalten. Gewisse Volkskundler zweifeln diese Erklärungstheorie allerdings stark an und glauben, dass der Brauch erst viel später entstanden ist. «Eigentlich spielt es gar nicht eine so grosse Rolle», sagt Zwyer. «Heute stehen Kameradschaft und Geselligkeit im Zentrum.»

Sisikon verbietet den Brauch

Das «Greiflä» hat in Sisikon eine lange Tradition. Doch früher machten dabei nie Urner mit, sondern nur Schwyzer aus dem südlichen Teil von Morschach und Riemenstaldner, die ohnehin relativ stark nach Sisikon ausgerichtet sind. «Diese Morschächler kamen immer zum ‹Greiflä› zu uns nach Sisikon herunter», sagt Josef Zwyer. Denn im Gebiet Dorni, Läntigen, Binzenegg, Ried und Bühlacher gibt es nirgends ein Restaurant.» Die Morschächler und Riemenstaldner hätten es aber in Sisikon jeweils wild getrieben. Deshalb wurde ihnen schliesslich das «Greiflä» auf Urner Kantonsgebiet verboten. So kam es, dass die listigen Schwyzer jeweils an der Kantonsgrenze ihren Umzug beendeten und schliesslich ohne Treicheln den Sisiger Restaurants einen nicht minder wilden Besuch abstatteten.

Schwyzer feierten wilde Feste

Mitte der Sechzigerjahre durften die Morschächler und Riemenstaldner dann wieder in Sisikon «greiflä». Der damalige Pfarrer und der Gemeinderat gaben dazu ihr Einverständnis. Schliesslich gründeten die Greifler 1966 – also vor genau fünfzig Jahren – den Greiflerverein. Seither verläuft das wilde Treiben in geordneteren Bahnen, und die Gemeindebehörden erhielten dank der Vereinsgründung auch direkte Ansprechpartner. «Das war nötig – gerade wenn einmal etwas kaputtging», sagt Zwyer – und lacht. «Denn früher ging es manchmal wirklich wild zu und her.» Seit der Vereinsgründung beteiligten sich auch immer mehr Urner am Spektakel. «Heute machen die Urner rund die Hälfte der Greifler in Sisikon aus», weiss der Präsident des Dorfvereins.

Wegen des 50-Jahr-Jubiläums fand der diesjährige Greiflet nun bereits am Dienstag, also am Vorabend von Drei Könige, statt. Und nach dem traditionellen Umzug feierten die Greifler für einmal nicht in den Restaurants, sondern in der Turnhalle. Neben Ehrungen, einer Tombola und Barbetrieb standen auch musikalische Darbietungen mit den «Wildspitzjuutzern» und der Ländlerkapelle Gantegruess auf dem Programm. Es wurde so laut und lange gefeiert, bis alle Geister in Sisikon schliesslich das Weite suchten.