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So kam Uri zu seinen Lehrbüchern

Der Silener Josef Maria Walker war im 19. Jahrhundert in Silenen als Lehrer tätig. Aufgrund seiner Erfahrungen verfasste er eigene Lehrmittel.
Carla Arnold*
Eine Mädchenklasse mit Jahrgang 1874 mit zwei Kapuzinerschwestern und einem Kapuziner. Es ist gut möglich, dass diese Schulmädchen noch mit Walkers «Lesebuch» unterrichtet wurden. (Bild: Staatsarchiv Uri)

Eine Mädchenklasse mit Jahrgang 1874 mit zwei Kapuzinerschwestern und einem Kapuziner. Es ist gut möglich, dass diese Schulmädchen noch mit Walkers «Lesebuch» unterrichtet wurden. (Bild: Staatsarchiv Uri)

Die Urner Lehrmittel haben ihren Ursprung im luzernischen Zisterzienserkloster St.Urban. Schon 1780 versuchte man dort, die Normalmethode des österreichischen Schulreformers Johann Ignaz von Felbiger einzuführen. Der Abt des Klosters beauftragte damit den Leiter der Elementarschule in St.Urban, Pater Nivard Krauer. So entstand die erste Lehrerbildungsstätte in der Schweiz. Hier war Pater Krauer selber aktiv und führte Lehrerbildungskurse durch. In seinen Augen bildeten gute Schulbücher eine wichtige Voraussetzung für vielseitigen Schulunterricht. Vorerst standen den Lehrpersonen nur Handschriften, Kalender, Katechismen oder Gebetsbücher zur Verfügung, oder eben gerade die Schriftstücke, welche die Schülerinnen oder Schüler zu Hause vorfanden.

Dies veranlasste Pater Krauer, eigene Lehrmittel zu verfassen, damit alle Schulkinder die Möglichkeit hatten, auf dem gleichen Stand zu sein. 1781 erschien von ihm das «ABC- oder Namenbüchlein». Dieses Buch fand in der Deutschschweiz – auch in Uri – bis weit ins 19. Jahrhundert Verbreitung. Begünstigt wurde dies auch dadurch, dass diese Bücher sehr kostengünstig waren. Die von Krauer geschriebenen Schulbücher bildeten die Grundlage für die neueren schweizerischen Lehrmittel. Pater Krauer nahm die Volksschulreform an die Hand und änderte das Schulkonzept im 18. Jahrhundert in der Schweiz massgeblich.

Walker wünschte sich Wand- und Schiefertafeln

In seinem «Lesebuch» lehrte Walker die Schülerinnen und Schüler auch das Lesen der Kurrentschrift. (Bild: Staatsarchiv Uri)

In seinem «Lesebuch» lehrte Walker die Schülerinnen und Schüler auch das Lesen der Kurrentschrift. (Bild: Staatsarchiv Uri)

Im Kanton Uri setzte sich Josef Maria Walker ein Leben lang für die Schule ein. Geboren wurde er 1806 in Silenen. Schon sein Vater diente dort als Schulmeister. Josef Maria Walker war während Jahrzehnten Lehrer in Silenen. Er betätigte sich nebenbei in vielen verschiedenen politischen Ämtern, unter anderem war er Regierungsrat, Gemeindeschreiber und Mitglied des Kantonsgerichts.

Nach seiner Ausbildung in Hofwil und Luzern begann Walker an der Hauptschule in seinem Geburtsort zu unterrichten. Er löste seinen Vater, der aus Altersgründen vom Lehrerposten zurückgetreten war, ab. Nach der ersten Euphorie folgte schnell Ernüchterung. Wie in anderen Urner Gemeinden funktionierte die Schule auch in Silenen nicht so, wie er sich das vorstellte. So beklagt sich Walker 1932 in einem Brief an seinen Mentor Philipp Emanuel von Fellenberg: «Das Auswendiglernen eines saftlosen Katechismus, ein ganz mechanisches Lesen ohne Geist und das Abzeichnen einiger Buchstaben von wenigen Schülern waren die einzigen eingeführten Lehrgegenstände. Weder Wand- noch Schiefertafeln fanden sich vor. Ein unzweck Buchstabierbüchlein und ein trockenes, eigentlich gar nicht für Kinder geeignetes Lesebuch, nebst dem Katechismus, waren die einzigen Schulbücher, welche die Kinder mitbringen mussten.»

Die grösste Sorge war der Platzmangel

Doch wie muss man sich einen Schulalltag im 19. Jahrhundert vorstellen? Walker beschrieb ihn in einem Brief an einen ehemaligen Mitschüler mit folgenden Worten: «Morgens von 9 bis 10 Uhr durch die ganze Schule Lesen, Syllabieren, Buchstabieren et cetera und mit höhern Klassen Erklären des Gelesenen; von 10 bis 11 Uhr mit vier Klassen teutsche Sprachlehre und mit zwei Klassen Kopfrechnen; von 11 bis 12 Uhr mit fünf Klassen Zifferrechnen von 12 bis 1 Uhr alle Klassen das Schönschreiben üben; von 1 bis 1.30 bis 2 Uhr gemeinnützige Gegenstände, als Natur- und Vaterlandsgeschichte, allgemeine Verhaltensregelns und so weiter. Alle Samstage habe ich anstatt dem Lesen Religionsunterricht.» (Beat Arnold, Josef Maria Walker 1806-1866, ein Leben für die Urner Schulen. Lizenziatsarbeit, Altdorf, 1980. S. 90f.)

Am meisten Sorgen bereiteten ihm aber die grosse Schüleranzahl in einem kleinen Schulhaus. So unterrichtete er alleine über 100 Schüler. Josef Maria Walker nannte das Schulgebäude so klein, «dass ich den Kindern kaum allen Platz zu sitzen verschaffen kann.» Er brachte beim Gemeinderat sein Anliegen vor und erreichte 1831, dass er einen zusätzlichen Raum im Schulhaus benutzen durfte. Mit diesem Provisorium musste er noch weitere 25 Jahre vorliebnehmen. Das neue Silener Schulhaus erbaute man erst 1856.

Das erste Lehrmittel umfasste 118 Seiten

Seine Erfahrungen brachte Josef Maria Walker auch in die von ihm verfassten Schulbücher für die Urner Grundschulen ein. Das erste Lehrmittel mit dem Titel «Lesebuch für die Elementar-Schulen des Kantons Uri» bestand aus verschiedenen Teilen. Insgesamt umfasste das Büchlein 118 Seiten.

Im ersten Kapitel «Sätze mit sprachlehrlicher Ordnung» wurde in 27 Unterkapiteln die Grammatik erklärt, beispielsweise mit den Kapiteln «Zahlverhältnisse des Grundwortes», «der erweiterte Satz, genauere Bestimmungen eines Dinges oder Beifügung» oder «Redeweise der verschiedenen Satzarten». Anschliessend widmete er sich dem Thema «Beschreibungen». Diesen Bereich gliederte er folgendermassen: «Gerätschaften (z. B. die Schiefertafel, der Tisch und die Stubentür)», «Gebäude (z. B. die Kirche)», «Tiere (z.B. das Schaf, die Kuh oder der Hase)» und «Pflanzen (z. B. der Apfelbaum, der Wachholderstrauch und der Roggen).

Im dritten Kapitel «Sittenlehre in Beispielen» erläuterte Walker anhand von 31 kurzen Geschichten, wie sich die Kinder verhalten sollen. Er forderte sie auf, unter anderem fromm, sittsam, gewissenhaft, ehrlich, fleissig, lernbegierig, wahrheitsliebend, höflich und freundlich zu sein.

Darauf folgten die «Erzählungen». In 41 – zum Teil in Kurrentschrift («Schnüerlischrift») geschriebenen – Erzählungen bespricht Josef Maria Walker verschiedene Themen: «Der gebesserte Lügner», «Lerne Gutes und Nützliches, wo du kannst» und «die Singvögel», um nur einige zu nennen.

Es gab auch Kapitel zur Körperhygiene

Auch die Lyrik fehlte nicht. Themen wie «Reimsprüche», «erzählende Gedichte », «beschreibende Gedichte», «betrachtende Gedichte» und «Sprüche und Gedichte in alemannischer Mundart» nahm er in sein Lehrmittel auf. Im Kapitel «Allgemeine Regeln der Sittlichkeit und des Anstandes» beschrieb er Verhaltensregeln. Er zeigte auf, wie sich die Kinder benehmen sollen in der Kirche, Schule und zu Hause, aber auch gegenüber Fremden. Auch die Körperhygiene wurde im Abschnitt «Einige Regeln zur Bewahrung der Gesundheit» erwähnt. Josef Maria Walker erklärte, wie wichtig die Reinlichkeit ist, dass man das Zimmer lüften soll, und dass die Zähne geschont werden sollen. Den Abschluss des Buches bildete das Kapitel «Lehren aus dem Munde Jesu Christi unseres Herrn und Heilandes». Dieser Satz zeigt deutlich auf, welchen Stellenwert die Religion damals hatte.

Immer wieder betonte Walker sein Hauptziel als Pädagoge. Es bestand darin, aus den Kindern gute Menschen zu machen. Dieser schlichte, aber umfassende Leitsatz hat bis heute nichts an Aktualität verloren.

*Carla Arnold, die Autorin dieses Beitrags, ist wissenschaftliche Archivarin beim Amt für Staatsarchiv der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Uri. Der Beitrag erscheint im Rahmen der in loser Folge publizierten Serie Aus dem Urner Staatsarchiv. Quellen: Beat Arnold, Josef Maria Walker 1806-1866, ein Leben für die Urner Schulen. Lizenziatsarbeit, Altdorf, 1980. Historisches Lexikon der Schweiz. Josef Maria Walker, Lesebuch für die Elementar-Schulen des Kantons Uri. Drittes Heft. Altdorf, 1858.

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