So meistern Altdorfer Coiffeusen den Neustart

Endlich kann man wieder Haare fallen lassen. Die Nachfrage bei Coiffure Widmer in Altdorf ist riesig. Eine Bilanz von Tag 1 und ein Rückblick auf die turbulente Zeit der Vorbereitungen.

Christian Tschümperlin
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Coiffeur Widmer gibt einen Einblick in das Geschäft während der Corona-Zeit: Haare schneiden mit Maske und Handschuhen.

Coiffeur Widmer gibt einen Einblick in das Geschäft während der Corona-Zeit: Haare schneiden mit Maske und Handschuhen.

Bild: Urs Hanhart

Im Salon von Coiffure Widmer in Altdorf liegen etwas mehr Haare am Boden als auch schon: Denn das Haarwachstum kennt keinen Lockdown. Annemarie Bissig aus Altdorf ist sehr froh, dass sie endlich wieder zum Coiffeur kann: «Meine Haare waren noch nie so lang wie jetzt. Es ist höchste Zeit, sie zu schneiden.» Zwischendurch habe sie sich mal die Stirnfransen mit der Schere gekürzt, «sonst hätte ich nichts mehr gesehen», meint sie. «Aber an den Rest habe ich mich nicht herangewagt.»

Ruth Wenger von Coiffure Widmer trägt den ganzen Tag lang eine Schutzmaske.

Ruth Wenger von Coiffure Widmer trägt den ganzen Tag lang eine Schutzmaske.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Draussen vor dem Schaufenster mustern ein paar neugierige Passanten das Plakat mit den Sicherheitsbestimmungen. Eintreten darf, wer sich beim Spender die Hände desinfiziert und sich eine der bereitliegenden Schutzmasken angezogen hat. Zur Begrüssung gibt es von Inhaberin und Geschäftsführerin Ruth Wenger eine thailändische Verbeugung. Das Lächeln hinter ihrer Maske kann man sich mühelos dazu denken. «Wir haben in unsere gewohnte Lockerheit zurückgefunden», bilanziert sie den Tag 1 nach dem Lockdown. Etwas «kribbelig» sei sie am Wochenende zwar schon gewesen. Schliesslich sei aber alles glatt gelaufen. Ihrem Team möchte sie deshalb ein grosses Lob aussprechen.

Humor zahlt sich aus

Dass die Kaffeemaschine und Zeitschriften verschwunden sind, das haben die Kunden laut Wenger gut aufgefasst. «Sie sind vorbereitet und die Akzeptanz ist da», sagt sie. Und wer noch etwas nervös ist, dem dürfte das ruhige und professionelle Auftreten der Coiffeusen die nötige Sicherheit geben. Kunde Michael Bissig aus Altdorf sagt: «Es ist schön, dass man wieder zum Coiffure kann. Die Coiffeusen hier sind gut gelaunt wie immer und nehmen es mit Humor.» Die Schutzausrüstung sei zwar etwas speziell, aber die Gesundheit sei eben das Wichtigste.

Was auch auffällt: Die Frisuren der Coiffeusen sitzen gewohnt perfekt. «Am Samstag haben wir uns gegenseitig die Haare geschnitten und uns im Umgang mit den Schutzkleidern geschult», verrät Wenger. Dass die Vorbereitungen auch mit Turbulenzen einhergingen, sieht man dem Team an Tag 1 nicht mehr an. «Als am Donnerstag vor zwei Wochen der Bundesrat ankündigte, dass Coiffeursalons wieder öffnen dürfen, dachte ich ‹judihui› und hatte gleichzeitig viele Fragezeichen im Kopf», berichtet Wenger. Damals stand noch kein Schutzkonzept fest, und die Branche kannte die Bedingungen nicht, unter denen sie wieder tätig werden darf.

Die langjährige Geschäftsführerin wusste sich aber zu helfen: Sie besorgte, was ihr aufgrund erster Konzeptentwürfe des Verbandes Coiffure Suisse plausibel erschien und der Plan ging auf. «Wir haben uns alles selber organisiert, von den Masken über die Handschuhe bis zu den Einwegumhängen oder dem Desinfektionsmittel.» Mittlerweile stehen 15 Liter Desinfektionsmittel im Lager, die Vorräte reichen für mindestens vier Wochen. «Das Zauberwort heisst: Nicht nur bei einem Lieferanten bestellen», weiss Wenger. Momentan sei all dies gut verfügbar. Wenn aber nächste Woche die Coiffeursalons in Deutschland wieder aufgehen, könnte es erneut zu einem Engpass kommen.

Ansturm nach Bekanntgabe der Wiedereröffnung

So kam es, dass Coiffure Widmer am vergangenen Donnerstag die Wiedereröffnung via Social Media und E-Mail bekannt geben konnte. Die Telefondrähte liefen heiss. «Von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr mittags war ich nonstop am Telefon und nahm Termine entgegen», so Wenger. Die Agenda ist vorerst offen bis Ende Mai. Schliesslich weiss niemand, wie es weitergeht. 

Und was denkt die Geschäftsführerin, weshalb ausgerechnet Coiffeure wieder öffnen dürfen? «Das haben wir uns auch gefragt», sagt sie und lacht. Wenger zitiert die Überlegungen des Bundesamtes für Gesundheit – Coiffuresalons sind keine Massenveranstaltungen und die Infektionsketten lassen sich aufgrund der gespeicherten Adressdatenbanken der Kunden detailliert zurückverfolgen – um dann doch noch etwas Persönliches anzufügen: «Frisuren sind zwar nicht überlebenswichtig, sie sind jedoch ein wichtiges Bedürfnis und wir sind nahe am Kunden. Es ist schön, dass man uns vermisst hat.»