So war das erste Mal

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Die glücklichen Gewinner geniessen die erste Fahrt durch den neuen Gotthardtunnel. (Bild: EPA/Christian Beutler)

Die glücklichen Gewinner geniessen die erste Fahrt durch den neuen Gotthardtunnel. (Bild: EPA/Christian Beutler)

So ein kleines Land und so ein langer Tunnel», murmelt der Herr mit norddeutschem Akzent durch seinen weissen Schnauz. «Bei der Eröffnung eines solchen Bauwerks dabei zu sein, ist sicher etwas Einmaliges.» Seine Frau vis-a-vis nickt. «Es macht absolut Sinn, dass sich die Schweiz dafür entschieden hat, etwas dafür zu unternehmen, dass die Lastwagen auf die Schiene kommen.» Der Herr deutet Richtung Fenster. «Die schöne Landschaft von hier, das soll es auch in hundert Jahren noch geben.»

Das Zugabteil ähnelt einem fahrbaren TV- und Radiostudio: Mikrofone, Kameras und Laptops prägen das Bild. Noch warten die geladenen Gäste und Journalisten, bis es endlich losgeht. Eineinhalb Stunden nach dem Zug, in dem ausschliesslich Wettbewerbsgewinner mitfahren durften, ist die Reihe an ihnen. Man unterhält sich über die hohen Kosten, welche allein die Eröffnungsfeier der Neat verschlingt – fast 10 Millionen sollen es sein. «Aber das darf sich die Schweiz doch leisten», meint die Frau nebenan. Sie stellt sich als Vertreterin des VCS vor, des Verkehrs-Clubs der Schweiz. «Jetzt gibt es keine Ausreden mehr für die Politik», schaltet sich Jon Pult ein, der Präsident der Alpen-Initiative.

«Ahh, jetzt», unterbricht die VCS-Frau. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Ein letzter Blick auf den Marmorgranit, der das Tunnelportal ziert, dann wird es dunkler. Angenehm ruhig beschleunigt der Zug. Ingenieurs- und Handwerkskunst haben sich hier vereint. Einzigartig, wozu man heute in der Lage ist. «Faszinierend, oder?», fragt die VCS-Frau. «Wahnsinn», tönt es von der anderen Seite. Kurz bleibt die andächtige Stimmung im Abteil bestehen. Dann nehmen die Journalisten ihre Arbeit auf. Ein Journalist streckt Jon Pult ein Mikrofon hin. Er antwortet auf Italienisch: «Grande emozione ...»

«Wir passieren nun Amsteg. Hier beginnt die grosse Steigung der Gotthard-Bergstrecke», so die Durchsage über Lautsprecher, die mehrmals wiederholt wird. Die herrliche Aussicht über das Urner Oberland wird nun nicht mehr jedem Reisenden in den Süden gegönnt, das «Chiläli» von Wassen nicht mehr jedem Schulkind ein Begriff sein. Wird Uri nach dem Fahrplanwechsel im Dezember plötzlich in Vergessenheit geraten?

Bereits tritt Jon Pult sein zweites Interview an: Schweizer Radio SRF – diesmal deutsch. «Die Schweiz hat jetzt die Hardware hergestellt, jetzt muss die Politik für die Software sorgen.» Ausnahmsweise sei heute zur Eröffnungsfahrt die Beleuchtung des Tunnels eingeschaltet, ertönt die scheppernde Durchsage. Später werde es nur bei Notfällen so hell sein. Doch die Abwechslung beim Blick aus dem Fenster hält sich in Grenzen. Das gelbe Geländer schlängelt sich beim Vorbeifahren auf und ab, immer wieder unterbrochen von den grünen Notfalltafeln, welche die Verbindungsstollen der beiden Röhren markieren.

Als ob sie von der gelben Schlange hypnotisiert würde, blickt die Ehefrau des schnauzbärtigen Deutschen wie versteinert aus dem Fenster. Dann steigen ihr die Tränen hoch. Ihr Mann erklärt: «Mein Bruder ist beim Bau der Neat vor 13 Jahren ums Leben gekommen.» Bei einer Sprengung wurde der Mineur unter dem Fels begraben. Es war sein erster Tunnel. «Wir durften ihn nicht mehr sehen», sagt die Frau. Hat sich die Schweiz mit dem Bauwerk übernommen? Musste es Tote geben? Am Dienstag waren die Angehörigen der neun Todesopfer der Neat zu einer besinnlichen Feier eingeladen worden, an der eine Gedenktafel enthüllt wurde. «Es war ein trauriger Moment», so die Frau. Die Zugfahrt durch den Tunnel sei nun Teil des Verarbeitungsprozesses.

«Wir haben den Kanton Uri nun verlassen und befinden uns unter Sedrun», so die Durchsage. Eine Druckwelle macht sich auf dem Trommelfell bemerkbar, denn soeben huschte die Multifunktionsstelle vorbei. Hier werden die Züge einst die Spur wechseln können.

Jetzt ist das Tessiner Radio an der Reihe. Jon Pult steht gerne Red und Antwort. Dahinter ist schon die Rätoromanisch sprechende Journalistenkollegin bereit, die kurz vor Tunnelende auch noch zum Zug kommen wird.

Es bleibt Zeit für ein Selfie. Das Smartphone zeigt vollen Empfang – und das in einem Tunnel! 2,3 Kilometer Stein trennen die Schiene vom Himmelszelt, so die Bordansage. «Doch Sie sind absolut sicher», beschwichtigt die Lautsprecherstimme. «In wenigen Augenblicken erreichen wir das Licht des Südens.» Schnell zückt die VCS-Frau ihr Handy für ein Bild der Ankunft. Es wird hell. ­Applaus. Kurze Zeit später wird Jon Pult auf dem Perron in Pollegio dem Schweizer Fernsehen ein Interview geben. Der schnauzbärtige Mann holt tief Luft. «Es hat gut getan, diese Fahrt zu erleben. Gewaltig.» Seine Gedanken seien bei seinem Bruder: «Er ist für etwas Grosses gestorben.»

Florian Arnold