Spazieren mit dem Kaninchen – so lebt es sich als Mädchen auf der Alp

Die neunjährige Jenny Zurfluh ist mit ihren Eltern neun Wochen im Gitschital. Sie erzählt von ihren Erlebnissen und von ihren Träumen.

Christof Hirtler
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Die zweigeschossige, grosse Alphütte fällt schon von weitem auf. Ungewöhnlich: ein Flachdach, ein schneeweiss gestrichenes Untergeschoss und blaue Fensterläden. Vor dem Eingang stehen ein Suzuki Jimmy, ein Milch­anhänger, ein grosser Tisch und zwei Sonnenschirme, die Schatten spenden. Fabian Zgraggen, Alpmitarbeiter in olivgrünen Tenue, spritzt den Vorplatz sauber. Nach einem Kaffee muss er weiter zum Heuen aufs Brüsti. Beat, der Mann von Agnes Zurfluh, ist dort am Mähen. Auf der Alp sind die neunjährige Jenny und ihre Mutter Agnes. Sie misten den Stall. Weit weg weiden die Kühe und Geissen. Es ist warm. Jenny liegt in der kühlen Stube auf dem Sofa und spielt ein Game auf dem Natel ihrer Mutter.

Seit über einem Monat ist Jenny «z Alp». Ihre Eltern haben Alpdispens eingegeben, das Schuljahr war für die Zweitklässlerin bereits drei Wochen vor den Sommerferien zu Ende. «Jenny verbringt als Einzige ihrer Klasse den Sommer auf der Alp», erzählt Agnes Zurfluh. «Die Alp ist darum in der Schule ein grosses Thema, etwas Besonderes.» Ein Mädchen aus der Klasse habe Jenny eine Kuh gewünscht, die Goldmilch gibt und ein Bub ein Pferd.

«Versteckis» spielen, Bäche stauen und mithelfen

Auf der Alp hat Jenny genug zu tun, und es wird ihr fast nie langweilig. Bei Nebel oder Regen spielt sie im riesigen Saal des ehemaligen Restaurants mit ihren Barbiepuppen. Oft gibt’s auch Besuch: Cousinen und Cousins kommen jeden Sommer für ein paar Tage vorbei und drei Freundinnen aus ihrer Klasse dürfen je eine Woche mit Jenny auf der Alp verbringen. Die Alp und die Tiere faszinieren. Mit Begeisterung helfen alle mit. So ist Jenny nicht nur unter Erwachsenen und kann mit Gleich­altrigen zusammen sein, Bäche stauen, «Versteckis» spielen oder mit den Geissen herumrennen. Die Kinder sind ziemlich aufgedreht und können am Abend vor lauter Gekicher kaum einschlafen. Sind die Sommerferien vorbei, muss Jenny, wie alle anderen, wieder zur Schule. Sie kann am Morgen mit ihrem Vater und der Milch ins Tal fahren. Am Mittag isst sie beim Gotti oder beim Grosi. Um 15 Uhr kehrt sie mit dem Vater zurück auf die Alp.

Am 16 Juli wurde Jenny 9 Jahre alt. «Zum Geburtstag bekam ich von meinem Gotti eine Meerjungfrauenflosse», erzählt sie. «Das ist eine enge Badehose mit einer grossen Flosse – die Füsse sieht man nicht. Ich fühle mich wie eine Meerjungfrau aus einem Märchen. Und eine Hasenleine habe ich auch bekommen. Damit kann ich mit meinem Kaninchen Lucy auf der Alp spazieren.»

Auch auf der Alp gibt es Rituale: «Am Morgen weckt mich mein Mami zum ‹Zmorgen›. Dann lassen wir die Kühe auf die Weide und ich helfe beim Misten der Ställe. Anschliessend lasse ich die Mastkälber nach draussen, füttere den Hasen Lucy und die beiden Hühner.» Ihre Lieblingskuh heisse Flavia, das braune Huhn Strolch, und das schwarze wurde Chef getauft. Auch die Geissen haben alle einen Namen: Amanda, Uschi, Wanda, Viva und Daina. «Sie kommen oft auch am Abend mit, wenn ich die Kühe zum Melken hole.» Und da ist noch das schwarze Kätzchen, «ds Tyfäli», und das übermütige Kälbchen Bianca.

«Ich helfe auch im Haushalt, zum Beispiel beim Abtrocknen. Beim Wildheuen muss ich rechen und bringe die Getränke.» Doch was mag sie am liebsten auf der Alp?

Im Herbst darf sie das erste Mal auf dem Pferd reiten

«Ich bade gerne im Bach, ganz in der Nähe der Hütte.» Auch Reiten zählt zu den Lieblingsbeschäftigungen, dafür nimmt sie Reitstunden. Angefangen habe sie auf dem Pony, Schritt und Trab könne sie schon ganz alleine. «Im Herbst darf ich das erste Mal auf einem Pferd reiten. Es heisst Latino.» Auf der Alp sammle sie vierblättrige Kleeblätter. «Dieses Jahr habe ich schon 12 gefunden, sogar ein fünfblättriges.»

Jenny hat auch Wünsche: Sie möchte gerne Ukulele lernen. «Einmal wollte ich Tierärztin werden, das will ich jetzt nicht mehr. Vielleicht werde ich Tierpflegerin.» Gerne hätte sie einen neuen Stall mit einer Rohrmelkanlage. Und Ferien in Sizilien am Meer. Ihre Mutter erzähle oft von diesen Ferien und zeige ihr Fotos auf ihrem Natel. «Ich denke oft an Sizilien», erzählt Agnes Zurfluh. «Wir waren schon zwei Mal in Triscina, im Haus meiner Schwester, in der Nähe der Tempelanlagen von Selinunte. Das Meer, der Strand – traumhaft.» Auch vom Essen schwärmt sie: Melonen oder Orangen hätten einen viel intensiveren Geschmack. «Und einmal haben wir im Gitschital Feigen aus Sizilien gegessen», erinnert sich Agnes Zurfluh.

Bei Hagel rennen die Kühe in Panik talwärts

Doch nicht alles ist angenehm auf der Alp. «Im Sommer 2017 hatten wir viele Gewitter», sagt Agnes Zurfluh. Diese ziehen sehr schnell auf. «Plötzlich siehst du über dem Gitschen oder dem Grat schwarze Wolken. Hörst du den Donner, dann ist es meist zu spät.» Am schlimmsten sei Hagel. «Dann schliessen die Kühe die Augen und rennen in Panik talwärts. So sind schon ganze Herden über die Flühe in die Tiefe gestürzt. Bei uns im Gitschital, ist es Gott sei Dank nicht so gefährlich.»

Agnes’ Mann kam am 1. August 2017 bei der Fahrt auf die Alp in ein Gewitter. Geschiebe und grosse Steine versperrten meterhoch die Strasse. Ein Weiterkommen war nicht mehr möglich. So musste Beat Zurfluh die halbe Nacht mit dem Bagger die Strasse öffnen, damit er am nächsten Morgen die Milch ins Tal bringen konnte. Das hat auch Tochter Jenny geprägt: «Jeden Sommer habe ich ein bisschen mehr Angst vor dem Gewitter», erzählt sie. «Einmal, wir waren bei den Kühen in den Planggen, schlug der Blitz direkt hinter uns ein. Ich fürchte mich vor dem Donner, weil es so laut kracht. Wenn es in der Nacht blitzt und donnert, darf ich bei Mami und Papi schlafen.» Und was mag Jenny ausserdem nicht? «Fliegen, Spinnen und Lügen.»

Beim diesjährigen Alpaufzug regnete es. «Wir mussten früh aufstehen. Ich habe den Wecker gerichtet, er heisst Schreihals, ist sehr laut und weckt das ganze Haus.» Rechtzeitig sei sie aufgestanden und schliesslich mit den Kühen voraus gegangen. Für den Alpabzug werden dann die Kühe geschmückt. «Wir gehen meistens erst am Nachmittag ins Tal», sagt Jenny. «Bei der Alpabfahrt laufen wir mit den Kühen durchs Dorf.» Jenny steckt dabei in der Tracht. «Flavia, meine Lieblingskuh, läuft immer hinter mir her. Ich laufe zuvorderst. Sie hat mich nie überholt oder gedrängt. Im September hat sie Zwillinge geboren.»

Ein Hauch Sizilien im Gitschital

Inzwischen wirft der Gitschen Schatten auf die Alp. Jenny ist mit ihren Geissen und den Kühen von der Weide zurückgekehrt. Fabian Zgraggen und Agnes Zurfluh binden die Kühe in den Stall. Bald ist es Zeit zum Melken. Die Hütte leuchtet im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Blaue Fensterläden, weisse Mauern und wer die Augen schliesst – für einen Moment ein Haus am Meer, in Sizilien...