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SRF-SOMMERSERIE: Urner Frohnatur will sich durchbeissen

Marie-Therese Zgraggen ist seit Montag auf Pilgerreise. Bei einem Augenschein vor Ort erzählt die Altdorferin, wie sie die kräftezehrenden Fussmärsche erlebt hat und was sie am meisten vermisst.
Philipp Zurfluh
Die langen Fussmärsche machen durstig: Marie-Therese Zgraggen gönnt sich einen Schluck Wasser. (Bilder: Thomas Züger/SRF (Basel, 24. Juli 2017))

Die langen Fussmärsche machen durstig: Marie-Therese Zgraggen gönnt sich einen Schluck Wasser. (Bilder: Thomas Züger/SRF (Basel, 24. Juli 2017))

Philipp Zurfluh

philipp.zurfluh@urnerzeitung.ch

Es ist schon nach 19 Uhr, als die Pilgergruppe auf dem Pferdehof Dubhof in Ramiswil, Kanton Solothurn, eintrifft. Die dritte Etappe der Reisenden führte am Mittwoch über hügelige und teilweise unwegsame Wege über eine Distanz von rund 16 Kilometern. Der Urnerin Marie-Therese Zgraggen ist der kräftezehrende Fussmarsch kaum anzumerken, sie strahlt: «Eigentlich sollte ich körperlich völlig am Ende sein, doch mir geht es überraschend gut.» Sogar der Muskelkater sei bislang ausgeblieben, sagt die 63-Jährige und lacht. Für das Abendessen muss sich die Altdorferin noch ein wenig gedulden. Für das Schweizer Radio und Fernsehen müssen auf dem Hof noch einige Sequenzen gedreht werden.

So gut gelaunt wie an diesem Abend war Marie-Therese Zgraggen nicht immer auf der bisherigen Reise, wie sie unserer Zeitung vor Ort erzählt: «Am ersten Abend war ich geschockt. Ich dachte, wir übernachten im Kloster Mariastein.» Doch daraus wurde nichts: Denn anscheinend habe dort 1517 noch gar kein Kloster existiert. Also musste das Schlafgemach in einer Höhle im Wald eingerichtet werden, in der sich auch viele Spinnen tummelten. «Es war eine fürchterliche Vorstellung. Doch glücklicherweise konnten wir auf mit Stroh gefüllten Leinendecken übernachten.»

«Meine Barfuss-Etappen werden noch kommen»

In zwölf Tagen von Basel nach Freiburg. Diese Herausforderung hat die Gruppe um die Urnerin Marie-Therese Zgraggen mit drei weiteren SRF 1-Hörern sowie «Nachtclub»-Moderator Ralph Wicki am vergangenen Montag in Angriff genommen. Viel Hab und Gut haben sie nicht dabei. Bekleidet mit einem Pilgergewand wie vor 500 Jahren und ausgerüstet mit einem Messer, einer Leinentasche mit Essnapf und Besteck sowie einem Ledertäschli für die Wertsachen sind die Pilger unterwegs – tagtäglich bis 25 Kilometer. «Ich habe bislang keine Gedanken ans Aufgeben verschwendet.» Von Leiden und Gebrechen sei sie bislang verschont geblieben. Im Vorfeld der Pilgerreise machten ihr die Lederschuhe Sorgen. Diese sind nun verflogen. «Ich habe die Schuhe schon in mein Herz geschlossen.» Ihr ausgetüfteltes Rezept: Schafwolle, die sie in ihre Schuhe steckt, damit der Schuh nicht drückt.

Im Vorfeld des langen Reiseabenteuers hat sich die frühpensionierte Krankenpflegerin mit langen Fussmärschen auf das Abenteuer vorbereitet – auch barfuss, um ihre Fusssohlen etwas abzuhärten. «Auf dem Weg lag bisher viel gebrochener Schotter, oder der Boden war sehr schmierig. Meine Barfuss-Etappen werden noch kommen, wenn wir im Flachland sind.» Sie glaubt, dass sich ihre intensive Vorbereitung gelohnt hat.

Nur lobende Worte findet die Kräuterfrau für die Stimmung unter den Pilgern. «Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht. Wir sind ein sehr unterschiedliches Team, aber bis jetzt ist alles harmonisch abgelaufen.» Weniger anfreunden konnte sie sich mit der Nahrung. Hülsenfrüchte, Lauch, Gerste oder Hafer stehen auf dem Speiseplan. «Das Essen ist monoton, ich muss mich noch an das mittelalterliche Essen gewöhnen.» Glücklich ist Marie-Therese Zgraggen über die Tatsache, dass sich die Temperaturen (noch) auf angenehmem Niveau bewegt haben. «Die schweisstreibenden Etappen werden noch kommen», gibt sie sich überzeugt.

Mitreisende loben Urnerin in höchsten Tönen

Ihr Wissen als Kräuterfrau konnte sie bereits in die Praktik umsetzen. Ein Pilger hat sich mit dem Messer an der Hand eine Schnittwunde zugezogen. Da war sie natürlich zur Stelle: «Mit einem Ringelblumenpflaster konnte ich ihm helfen.» Ihre vorgängig zubereiteten Salben zur Linderung von Muskelkater kamen auch schon zum Einsatz. Was sie in diesen Tagen am meisten vermisse, sei der Milchkaffee und den Wetterbericht: «Normalerweise schaue ich mir jeden Abend die Wetterprognosen für den nächsten Tag an.»

Jeder der Pilger hat einen persönlichen Glücksbringer dabei. Für die Urnerin sind es Kräuter, Weihrauch und ein Engel, die sie vor Unheil bewahren sollen. Zusätzlich hat sie mehrere Talismane bei sich, die ihr Glück bringen sollen. Des Weitern soll eine kleine Taube für Frieden in der Gruppe sorgen.

Marie-Therese Zgraggen geniesst innerhalb der Pilgergruppe ein hohes Ansehen. Befragt man den Moderator Ralph Wicki nach der Altdorferin, so muss er nicht lange überlegen: «Ich bewundere, wie sie die anspruchsvollen Etappen bisher gemeistert hat.» Ihre lebensfrohe, witzige und direkte Art habe einen positiven Einfluss auf die Dynamik innerhalb der Gruppe. «Sie wirkt äusserst authentisch und zieht keine Show ab.» Diesen Eindruck kann Mitpilgerin Andrea Reber nur unterstreichen: «Man kann sich auf sie verlassen, und sie hat immer wieder einen lockeren Spruch auf Lager.» Auch für den Fitnesszustand der 63-Jährigen findet sie nur lobende Worte. «Sie ist fit wie ein Turnschuh und jammert nicht.»

Marie-Therese Zgraggen ist optimistisch

Für die noch bevorstehenden Etappen hofft die Pilgerin, dass alle gesund bleiben. «Es wär schön, wenn wir am 4. August die Reise in Freiburg zusammen beenden können.» Marie-Therese Zgraggen ist auf jeden Fall frohen Mutes und meint kämpferisch: «Ich packe das, ohne Wenn und Aber.»

Hinweis

Die Sommerserie «Auf Pilgerreise – Leben vor 500 Jahren» ist am 24. Juli gestartet und dauert noch bis zum 4. August. Radio SRF 1 und «Schweiz aktuell» berichten täglich von der Reise.

Von Basel nach Freiburg: 246 Kilometer absolviert die Pilgergruppe in zwei Wochen. (Bild: Thomas Züger/SRF)

Von Basel nach Freiburg: 246 Kilometer absolviert die Pilgergruppe in zwei Wochen. (Bild: Thomas Züger/SRF)

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