Staatsarchiv gibt Einblick in «Sammlung Graphica»

In der grafischen Sammlung befinden sich auch Kunstwerke. Die Geschichte zweier Künstler.

Carla Arnold
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Die Sammlung Graphica des Urner Staatsarchivs umfasst rund 4200 Einheiten. Sie ist sowohl nach topografischen Kriterien (Gebiet des Kantons Uri einschliesslich der ehemaligen Herrschaftsgebiete im Tessin sowie die gemeineidgenössichen Vogteien) wie auch nach sachlichen Kriterien (unter anderem Personenbildnisse, Trachtenbilder, Tell und Rütlischwur) geordnet. Zur Sammlung gehören neben der eigentlichen Druckgrafik auch zahlreiche Werke der bildenden Kunst. Diese wertvollen Originale werden wegen des vorwiegend ikonografischen und bilddokumentarischen Charakters nicht der Kunstsammlung zugewiesen. Die Bilder aus den letzten Jahrhunderten sind sehr bedeutend, weil sie präzise Einblicke in das Leben aus vergangenen Tagen geben.

Die Substanzerhaltung der zum Teil sehr alten Stiche hat oberste Priorität. Das Staatsarchiv Uri lässt die Neueingänge der Sammlung zuerst restaurieren und fertigt dann für jede einzelne Grafik einen Passepartout aus säurefreiem Karton an. Die Stiche werden digitalisiert und in der Datenbank den Kundinnen und Kunden zugänglich gemacht. Die Werke von zwei Künstlern ragen ganz besonders heraus.

Franz Xaver Triner dokumentiert die Urner Landschaften

Zeichnung von Franz Xaver Triner (1767 - 1824) mit dem Titel «Fontaine de Tell sur la Place d’Altdorf Ct. D’Ury». Auf diesem Bild zeigt Triner eine Dorfansicht mit dem Türmli. Noch gut sieht man die Brandruinen. Es zeigt auch links das Wohnhaus Karl Franz Lussers (heutige Tellsgasse 12).

Zeichnung von Franz Xaver Triner (1767 - 1824) mit dem Titel «Fontaine de Tell sur la Place d’Altdorf Ct. D’Ury». Auf diesem Bild zeigt Triner eine Dorfansicht mit dem Türmli. Noch gut sieht man die Brandruinen. Es zeigt auch links das Wohnhaus Karl Franz Lussers (heutige Tellsgasse 12). 

Bild: Staatsarchiv Uri, 12.10-N-4141

Franz Xaver Triner, geboren am 24. Oktober 1767 in Arth, war der Sohn des Kunstmalers Karl Meinrad Triner. Wenige Jahre nach seiner Geburt zog die Familie nach Uri. Sein Vater, welcher unter anderem die Altarbilder der Kirche Erstfeld und Andermatt malte, erkannte früh das Talent seines Sohnes und förderte ihn in seinem Atelier. Gemeinsam führten sie 1786 die malerische Ausstattung der Pfarrkirche St. Michael in Gurtnellen aus.

Ab anfangs 1792 diente Franz Xaver Triner in Bürglen als Schulmeister und Organist. Zwei Jahre später heiratete er Maria Josepha Arnold, gemeinsam hatten sie 14 Kinder. Besonders der älteste Sohn Johann Heinrich erbte die künstlerische Begabung seines Vaters. Von der Malerei konnte Franz Xaver Triner wahrscheinlich nicht leben. Deswegen betätigte er sich in der Zeit der Helvetik zusätzlich als Gemeindeschreiber.

Lange schulfreie Zeit für Kunst genutzt

Die Schulausbildung funktionierte damals ganz anders als heute, so dauerte die Schulzeit nur von Martini (11. November) bis Ostern. Dies bot dem Landschaftszeichner Triner natürlich optimale Möglichkeiten und er nutzte die schulfreie Zeit oft, um schöne Plätze aufzusuchen und diese sehr gelungen auf Papier zu bringen. Sein in der Freizeit entstandenes Lebenswerk umfasst Urner und Schwyzer Landschaften. Zahlreiche Kupferstecher benutzten seine Bilder als Vorlage. Dies zeigt deutlich, wie bekannt und anerkannt seine Werke schon zu Lebzeiten waren. Franz Xaver Triner starb am 6. März 1824 in Bürglen.

Franz Karl Lusser, ein Universalgelehrter

Porträt von Karl Franz Lusser (1790-1859), Kohlezeichnung von Guillaume.

Porträt von Karl Franz Lusser (1790-1859), Kohlezeichnung von Guillaume.

Bild.: Staatsarchiv Uri, StA 1452, kantonale Kunst- und Kulturgutsammlung Uri

Karl Franz Lusser kam am 7. März 1790 in Altdorf als jüngster Sohn von Helena Franziska und Josef Maria Lusser auf die Welt. Er wuchs – wie Triner – in einer äusserst turbulenten Zeit auf, als die Franzosen den Kanton besetzten, was Armut und Hunger mit sich brachte. Als er 8 Jahre als war, starb sein Vater. Nur vier Monate später, am 5. April 1799, brach in Altdorf ein Dorfbrand aus, welchem auch Lussers Elternhaus zum Opfer fiel. «Schrecklich war der Anblick am folgenden Morgen: Das ganze Thal von stinkendem Rauche erfüllt, und da, wo Tags vorher noch ein schöner, wohlgebauter und von Wohlhabenheit zeugender Flecken gestanden, war jetzt ein dampfender Schutthaufen, aus welchem noch von Schreck und Kummer ganz entstellte Menschen von ihren Habseligkeiten aufzuwühlen und zu retten suchten», schrieb Lusser im Buch «Leiden und Schicksale der Urner». «390 Gebäude, Kirchen, Kapellen, Wohnhäuser, Stallungen und sonstige Nebengebäude lagen in Asche und der Schaden an diesen, ward später, gering angeschlagen, auf drei Millionen Gulden geschätzt, den unersetzbaren Verlust an Urkunden durch Zerstörung der Archive nicht mitberechnet. Mehrere Familien, die in Wohlstand lebten, waren für immer verarmt, und heute noch, nach mehr denn vierzig Jahren, zeugen noch mehrere Brandstätten von diesem erschrecklichen Ereignis.» Die Witwe Lusser mit ihren Kindern blieb aber nicht lange ohne ein Obdach, Karl Thadäus Schmid, ein Verwandter der Familie, nahm sie in seinem Haus an der Schmiedgasse auf.

Altdorf brennt 1799 lichterloh. Der Dorfbrand von Altdorf, gezeichnet von Karl Franz Lusser nach seiner Erinnerung 1810.

Altdorf brennt 1799 lichterloh. Der Dorfbrand von Altdorf, gezeichnet von Karl Franz Lusser nach seiner Erinnerung 1810.

Bild: Staatsarchiv Uri, Grosses Skizzenbuch von Karl Franz Lusser, LU GSB 041.02.

Karl Franz Lusser konnte trotz all dieser Ereignisse eine akademische Ausbildung absolvieren. Nach dem Besuch des Kollegiums Karl Borromäus zog er nach Solothurn und schloss dort das Lyzeum ab. Danach bildete er sich an der Akademie Bern und an der Universität Freiburg im Breisgau zum Mediziner aus. Im Alter von 24 Jahre erhielt er das Urner Patent der Arzneikunst und eröffnete eine eigene Praxis in Altdorf. 1817 heiratete er Therese Müller, die als Unternehmer-Tochter auch zu der oberen Schicht gehörte. Die beiden hatten einen Sohn namens Gebhard, der später in Altdorf als Pfarrer amtete. Karl Franz Lusser erwarb 1830 das Haus an der Tellsgasse 12 in Altdorf.

Seine Leidenschaft galt nicht nur der Medizin, er interessierte sich auch für viele andere Themengebiete. Er war ein Universalgelehrter wie es im Buche stand. Lusser leistete täglich ein riesiges Arbeitspensum. Wenn er nach einem langen Tag als Arzt nach Hause zurückkehrte, setzte er seine Arbeit am Schreibtisch fort, las Bücher und fertigte eigene Notizen und Forschungen an. Auch die Geografie und die Geologie interessierten ihn sehr. Dass er selbst bei den Botanikern ein grosses Ansehen besass, zeigen die nach ihm benannten, damals neu entdeckten Pflanzen: Eine Rose mit dem Namen Rosa Lusseri und eine Plattererbse mit dem Namen Lathyrus Lusseri. Nebst all dem bekleidete Lusser diverse politische Ämter, so war er Mitglied der Zentralarmenpflege, diente zuerst als Landesstatthalter und danach als Landammann. Ausserdem engagierte er sich als Historiker und schrieb 1862 die «Geschichte des Kantons Uri von seinem Entstehen als Freistaat bis zur Verfassungsänderung vom 5. Mai 1850». Karl Franz Lusser starb am 21. August 1859 in Altdorf.

Karl Franz Lusser nahm sich auch Franz Xaver Triner zum Vorbild und malte einige Werke von ihm ab. So zum Beispiel den Meierturm in Bürglen. Dazu schrieb er: Der Thurm in Bürglen welcher ehedem den Meyern des Fraumünsters in Zürich zur Wohnung diente. N. X. Thr. Cop. 1821.

Karl Franz Lusser nahm sich auch Franz Xaver Triner zum Vorbild und malte einige Werke von ihm ab. So zum Beispiel den Meierturm in Bürglen. Dazu schrieb er: Der Thurm in Bürglen welcher ehedem den Meyern des Fraumünsters in Zürich zur Wohnung diente. N. X. Thr. Cop. 1821.

Bild: Staatsarchiv Uri, Grosses Skizzenbuch von Karl Franz Lusser, LU GSB 207.01

Seine zwei Skizzenbücher, die sich in der Sammlung Graphica des Staatsarchivs befinden, umfassen eine grosse Sammlung an Landschaftszeichnungen, die er oft malte, wenn er unterwegs zu seinen Patientinnen und Patienten war oder wenn er eine seiner Forschungswanderungen unternahm. Seine Zeichnungen zeigen ein grosses Spektrum an verschiedenen Urner Ortschaften, die man sonst aus der damaligen Zeit eher weniger kennt. Das sogenannte grosse Skizzenbuch umfasst rund 360 Seiten mit über 600 Grafiken (zum Teil auch Werke von Franz Xaver Triner), Bleistift- und Kohlezeichnungen und Aquarelle. Es entstand in den Jahren 1817 bis 1853. Das kleine Skizzenbuch (Entstehungszeitraum: ca. 1830 – ca. 1859) besteht aus rund 50 Zeichnungen.

Dieser Text von Carla Arnold wurde vom Staatsarchiv Uri zur Verfügung gestellt.