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STANS: Inhaftierter Wirt schreibt einen Roman

Ab Mittwoch steht Ignaz W. vor dem Urner Obergericht. Im Interview sagt er, was er erwartet, wie sein Gefängnisalltag aussieht und was er über Sasa S. denkt.
Interview Bruno Arnold
Das Gefängnis in Stans: Hier lebt zurzeit der Urner Ignaz W. (Bild Corinne Glanzmann)

Das Gefängnis in Stans: Hier lebt zurzeit der Urner Ignaz W. (Bild Corinne Glanzmann)

Diese Woche beginnt vor dem Obergericht Uri der Prozess gegen Sie. Was erwarten Sie?

Ignaz W.: Nach dem bisherigen Albtraum hoffe ich, dass wenigstens das Obergericht an der Wahrheit interessiert ist. Bisher wurde einzig der irreführenden und unseriösen Bewirtschaftung von Emotionen Rechnung getragen, und dabei wurden die Fakten völlig verdrängt.

Zu den Fakten: Hat sich seit der Verhandlung vor dem Landgericht Uri im Oktober 2012 etwas geändert?

Ignaz W.: Neben der Sache mit der angeblichen DNS auf der Patronenhülse (siehe unsere Zeitung vom 31. Juli; Anm. d. Red.) hat sich zusätzlich erst vor kurzem herausgestellt, dass die Staatsanwaltschaft wichtige Informationen, die mich entlasten könnten, vor dem Landgericht zurückgehalten hat. Es fand sich zwar ein Hinweis in den Akten, dass solche Informationen existieren könnten. Dieser Hinweis war aber ganz hinten in den rund 8000 Seiten Akten an einer unüblichen Stelle platziert, sodass ihn alle übersehen haben. Das Obergericht hat nun entsprechend reagiert und die Staatsanwaltschaft aufgefordert, diese Informationen sofort auf den Tisch zu legen. Ich hoffe, dass diese unwürdigen Versuche, die Wahrheit mit Manipulationen und konstruierten Beweisen zu verdrehen, vom Gericht auch entsprechend gewertet werden. Gerade die Beweisergänzung betreffend der angeblichen DNS auf der Patronenhülse hat hohe Wellen geworfen. Die Reaktion lässt erhoffen, dass man der Sache nun endlich auf den Grund geht. Ähnliches erhoffe ich mir von den bisher zurückgehaltenen Akten, welche die Staatsanwaltschaft nun einreichen muss.

Sie hoffen noch – im Gegensatz zu Sasa S., der die Berufung zurückgezogen hat. Was heisst dieser Schritt von Sasa S. für Sie?

Ignaz W.: Ich kann nicht in Sasa S. hineinschauen, ich weiss nur, dass ich mit den Schüssen auf meine Ex-Frau nichts zu tun habe. Ich kann aber auch gut nachfühlen, dass Sasa S., auch wenn er unschuldig ist, das Vertrauen in die Justiz verloren hat. Es kann aber auch sein, dass in jüngster Zeit etwas vorgefallen ist, das ihn zum Rückzug bewogen hat. Es fällt auf, dass der Rückzug ausgerechnet jetzt erfolgte, nachdem herausgekommen ist, dass die Staatsanwaltschaft gewisse Fakten zurückgehalten hat, die darauf hinweisen, dass hinter der ganzen Sache eine ganz andere Geschichte steckt. Eine, die mit mir nichts zu tun hat, in die jedoch auch Sasa S. verwickelt sein könnte. Aber wie gesagt: Ich weiss es nicht und kann deshalb nur darüber speku­lieren.

Sasa S. hat unter anderem Angst, dass er eine höhere Strafe erhalten könnte. Sind Sie sich bewusst, dass auch für Sie ein höheres Strafmass resultieren kann?

Ignaz W.: Das wäre eine riesige Ungerechtigkeit, die mein Leben zerstören würde. Im Moment möchte ich gar nicht daran denken, denn ich besitze noch Vertrauen in die Oberrichter, dass sie die Akten sorgfältig und seriös prüfen und die Wahrheit erkennen. Ich möchte nur nach Hause. Ich bin in Uri geboren, und Uri war immer meine Heimat. Ich kann mir keine andere Heimat vorstellen.

Aber Hand aufs Herz: Ihr Ruf war in Uri schon vor dem Prozess vom Oktober 2012 nicht der beste. Wie gehen Sie damit um?

Ignaz W.: Der Ruf ist meistens nichts anderes als die Summe aller Vorurteile, die sich auf eine Person konzentrieren. Es muss nicht immer von Nachteil sein, wenn sich jemand konsequent erlaubt zu sagen, was er denkt. Sicherlich bin ich mir bewusst, dass ich eine Persönlichkeit mit einigen Ecken und Kanten bin, aber wenigstens habe ich Profil. Gerade diese Haft hat mir gezeigt, wer meine echten Freunde sind, und die schätzen offenbar meine konsequente Direktheit.

Wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten: Was würden Sie in Ihrem Leben anders machen?

Ignaz W.: Ich würde wahrscheinlich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.

Zum Gefängnisaufenthalt: Wie sieht ein Tag im Leben des Ignaz W. aus?

Ignaz W.: Der Alltag im Gefängnis ist von festen Strukturen und Ritualen geprägt. Auf der einen Seite kann schon der geringste Verstoss gegen die penible Hausordnung mit Sanktionen bestraft werden. Man hat aber auch die ungeschriebenen Gesetze zu beachten, wenn man die Zeit ohne Probleme überleben will. Ich verbringe täglich mindestens 19 Stunden in der 12 Quadratmeter grossen Einzelzelle: essen, schlafen, träumen. In den restlichen fünf Stunden kann man sich auf der Abteilung, die total fünf Zellen und einen Gemeinschaftsraum umfasst, frei bewegen, und man hat Zugang zu einer Dusche und einem Telefon. Man darf täglich eine Stunde lang im Dachhof spazieren. Einmal pro Woche ist Besuchszeit von einer Stunde. Das Gespräch mit dem Besuch wird seit dem Landgerichtsurteil vom Oktober 2012 nicht mehr aufgezeichnet. In jeder Zelle befindet sich ein fest installiertes Radio, einen TV darf man dazumieten. Pro Abteilung wird täglich eine Ausgabe der «Neuen Nidwaldner Zeitung» abgegeben. Der Zugang zum Internet ist nirgendwo möglich.

Was vermissen Sie am meisten?

Ignaz W.: Unbeschwerte Zeitabschnitte zu erleben, ohne diese dauernde Atmosphäre der Angst und des Misstrauens verspüren zu müssen. Jeder neue Tag unschuldig verbrachter Haft ist eine enorme Belastung und verlorene Zeit. Den Alltag kann man nur ertragen, wenn man lernt, den Schmerz zu umarmen. Die dauernde Demütigung lässt die Träume immer schmäler und das Denken eingeschränkter werden. Als Gefangener fühlt man sich nicht mehr als Mensch, man wird reduziert auf eine Zellennummer, auf ein Bündel der Angst, auf ein Objekt. Die Zelle ist das Grab, in das man noch lebend hineingelegt wird. Meistens sitze ich nur teilnahmslos da, höre, wie mein Herz schlägt, und spüre, wie das Leben langsam aus meinem Körper strömt.

Das tönt etwas gar nach Selbstmitleid. Haben Sie wirklich keine andere Beschäftigung?

Ignaz W.: Wenn ich mich dazu aufraffen kann, versuche ich mich fit zu halten. Ich lese viel, im Moment «Salomos Urteil zweite Instanz» von Ephraim Kishon. Etwas Abwechslung hat auch die tägliche Auseinandersetzung mit den Akten und das Schreiben eines Romans gebracht.

Worum geht es darin?

Ignaz W.: Nur so viel: In den Roman habe ich auch persönliche Erlebnisse direkt oder in Gleichnisform einfliessen lassen. Der Entwurf ist fertig und umfasst zirka 350 A4-Seiten.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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