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Göschenen: Statt Flugzeugbauer wird er Bergführer

Vor 16 Jahren kam Dan Loutrel in den Kanton Uri, hatte weder eine Aufenthaltsbewilligung noch eine Arbeitserlaubnis und konnte kein Wort Deutsch. Heute ist er gerne mit Gästen zusammen – nicht nur in den Bergen.
Claudia Naujoks
Dan Loutrel gönnt sich im Jahr 2017 auf einer Tour im Lötschental eine Pause. (Bild: Martin Wabel/bildsektor)

Dan Loutrel gönnt sich im Jahr 2017 auf einer Tour im Lötschental eine Pause. (Bild: Martin Wabel/bildsektor)

Dan Loutrel erinnert sich noch genau, wie er im Alter von 16 Jahren – kaum, dass er den Führerschein in den Händen hält – mit dem Auto zwar in Richtung Schule in Boston losfährt, dann jedoch das Lenkrad ein rätselhaftes Eigenleben entwickelt und ihn nach New Hampshire in sein angestammtes Klettergebiet entführt. «Schule ist nichts für mich», stellt er ganz einfach fest. Schon seine Eltern legen bei ihm den Grundstein für seine Naturverbundenheit und den Bergsport, indem sie zusammen mit ihm Segelreisen und Wanderungen unternehmen. Mit 18 Jahren bricht der abenteuerlustige Amerikaner sein Ingenieurstudium für Flugzeugbau ab und geht stattdessen in Kalifornien zum Klettern und Skifahren. Finanzieren kann er sein Leben durch Jobs bei der Skipatrouille und als Lawinensprenger in Colorado.

Aber die dortigen Berge sind ihm bald nicht mehr hoch genug, und um zum Einstieg zu gelangen, muss er zuerst weite Distanzen überwinden. Dies und das Wissen, dass Europa höhere Gebirge zu bieten hat, veranlassen den damals 22-Jährigen, an einer Segelregatta mit 6,5-Meter-Booten über den Nord-Atlantik teilzunehmen. Er landet in der circa 4100 Kilometer entfernten spanischen Küstenstadt A Coruña und verbringt den Sommer 2002 dort.

Erfahrung aus dem Bootsbau einfliessen lassen

Das war wie ein Fühlerausstrecken, denn wenige Monate später kehrt er zurück nach Europa und reist mit nur einem Rucksack bis in die Westschweiz. Als er mit der Bahn das Urserntal erreicht, ist der Anblick, der sich ihm bietet, wie eine Offenbarung. Die dortigen Schneemengen lassen sein Skifahrerherz höher schlagen. Er erobert in der Folge die Region auf den beiden Brettern, die ihm die Welt bedeuten. Und schon bald knüpft er auch wieder an ein Projekt an, das er in den USA lanciert hat: den Bau von breiten Freeride-Skiern, die speziell für das Tiefschneefahren konstruiert sind. Diese weisen keine Taillierung auf, wie die Carving-Skier, die zu dieser Zeit in Mode sind. Damit erobert Loutrel eine Produktnische und kann beim Entwickeln und beim Bau der Modelle seine in der Heimat gesammelte Erfahrung aus dem Bootsbau einfliessen lassen.

Bereits in der Wintersaison 2003/04 gründet der leidenschaftliche Skifahrer die Firma Birdos.ch, eine kleine Manufaktur, welche die Freeride-Skier individuell für ihre Kunden anfertigt. Eine aus den 1960er-Jahren stammende gebrauchte Skipresse aus Frankreich passt er diesem Skityp an. Vor allem Schweden und Norweger zählen danach zu seinen Kunden. Sieben Jahre kann Dan Loutrel so seinen Lebensunterhalt bestreiten und gleichzeitig seinem Hobby frönen, dem Skifahren.

Im Winter ist Dan Loutrel mindestens sechs Tage in der Woche damit beschäftigt, seine Gäste durch die Bergwelt – hier in der Jungfrauregion – zu führen. (Bild: Martin Wabel/bildsektor

Im Winter ist Dan Loutrel mindestens sechs Tage in der Woche damit beschäftigt, seine Gäste durch die Bergwelt – hier in der Jungfrauregion – zu führen. (Bild: Martin Wabel/bildsektor

Seine Firma wirft nicht genug Geld ab

Als seine damalige Frau das erste gemeinsame Kind erwartet, steht er an einer Weggabelung, denn für einen Familienunterhalt wirft die Firma nicht genug ab. Mit spürbarem Bedauern erzählt er, dass er gedacht habe, drei Stunden Arbeit am Abend würden reichen, um eine Firma aufzubauen. Er erkennt, dass er mehr Zeit hätte investieren müssen, um sie ertragreicher zu machen. Anderseits ist das Arbeiten in der Werkstatt und im Büro immer schon nur Mittel zum Zweck und «nüt miins» gewesen, wie er es ausdrückt. «Ich wollte eigentlich immer nur für mich Skifahren.»

Nicht irgendwo, sondern im Urner Oberland

Alle diese Überlegungen und der Druck, eine Familie ernähren zu müssen, münden in der Ausbildung zum Bergführer. Sie dauert drei Jahre und versetzt ihn in die Lage, überall auf der Welt zu arbeiten, weil sie ihm Grundlagen vermittelt und nicht nur auf eine Region speziell ausgerichtet ist, so wie es in den USA der Fall ist. Ausserdem ist Bergführer in der Schweiz ein vom Bund anerkannter Beruf. Dan Loutrel will allerdings nicht irgendwo auf der Welt, sondern genau hier im Kanton Uri respektive in der Region Andermatt als Bergführer arbeiten. Zusammen mit Kollegen gründet der heute 38-Jährige deshalb die Dienstleistungsfirma andermatt-guides.ch und füllt damit eine Lücke in der Region, in der es an professionellem Bergführernachwuchs mangelt.

Im Winter ist er mindestens sechs Tage in der Woche damit beschäftigt, Gäste auf seinen Skiern durch die traumhafte Urner Bergwelt zu führen und mit diesen fernab der Pisten durch Tiefschnee unberührte Berghänge hinunterzugleiten. Auf die Frage, ob dies nicht gefährlich sei und er als Bergführer nicht auch eine sehr grosse Verantwortung trage, meint er: «Es geht um das richtige Risikomanagement.» Das Gemsstockgebiet zum Beispiel kenne er inzwischen so gut wie seine Westentasche, und er führe Gäste, die das wünschen, auch in unbekanntes Gelände. «In diesem Fall geht es nicht unbedingt darum, das Risiko zu minimieren, denn die Gäste suchen ja das Abenteuer», erklärt Loutrel. Jeder Tour gehe eine gründliche Vorbereitungsphase voraus, zu der auch das sorgfältige Studium der topografischen Landkarte gehöre. «Daraus lese ich alle Daten, die ich für die Planung der Route brauche», erklärt der Bergführer.

Die Familie ist Dan Loutrel sehr wichtig

«Mehr Planung braucht es auch in einem Leben mit Kindern, das habe ich als inzwischen dreifacher Vater erkannt», meint er mit einem Schmunzeln. Seine Kinder Jay (8) und Zoey (6) leben mit ihrer Mutter in Andermatt, sodass er regelmässig Zeit mit ihnen verbringen kann. In den Sommermonaten unterstützt er seine zweite Frau Seraina. Sie führt zusammen mit mehreren Angestellten das Gasthaus Göscheneralp im Gwüest. Neben den handwerklichen Tätigkeiten, die dort anfallen – das Parterre mit der Gaststube und der Küche ist renoviert worden –, kümmert er sich um den gemeinsamen Sohn Luc (2). «Er steht immer auf Vollgas – Heaven or Hell!» Dan Loutrel lacht. Die Familie ist ihm sehr wichtig: «Die Kinder sind meine Hauptarbeit im Leben. Alles andere baut man drumherum», so der Amerikaner. Es fügt sich daher gut, dass er im Sommer als Bergführer eher weniger zu tun hat. «Hier fehlen halt die Viertausender», bedauert er - halb im Ernst, halb im Spass. «Aber hie und da ein Kletterkurs im Felsen, eine Gletschertour oder eine Tour im Wallis oder im Kanton Bern – dort gibt es die Viertausender – ist gut zum In-Übung-Bleiben.»

Im Winter ist das Gasthaus Göscheneralp jeweils geschlossen, und Seraina bleibt bei Luc, während Dan seiner Arbeit als Bergführer nachgeht. So ergänzen sie sich gegenseitig. Ein Glück ist, dass die Familie von den Grosseltern tatkräftig unterstützt wird. Sogar Dans Eltern reisen zweimal im Jahr für je drei Monate an, um für ihre Enkelkinder da zu sein.

«Andermatt ist viel teurer geworden seit dem neuen Projekt»

Mit Dan Loutrel ist auch die Skipresse von Andermatt nach Göschenen umgezogen und tut nach Bedarf immer wieder sporadisch ihre Dienste für Freunde und Verwandte. Dan fühlt sich in Göschenen gut aufgehoben und plant, 10 bis 15 Jahre zu bleiben, damit die Kinder an einem einzigen Ort aufwachsen können. «Andermatt ist viel teurer geworden seit dem neuen Projekt», bedauert Loutrel. «Viele junge Leute arbeiten in Andermatt und wohnen in Göschenen, weil ein Haus oder eine Wohnung für sie nicht bezahlbar ist.» Das und sein Eindruck, «dass die Leute in Göschenen offener sind», haben ihn darin bestärkt, seinen Lebensmittelpunkt hierher zu verlegen. Er erklärt sich die Offenheit der Menschen mit dem Bau der Tunnels: «Da haben viele Gastarbeiter mehrere Jahre lang in Göschenen gelebt.»

«Leute in Göschenen sind offener»

«Der Zufall», habe ihn in den Kanton Uri geführt, und dann sei der Zeitpunkt in seinem Leben gekommen, «an dem es fest wird». Er betont: «Wenn man nur unterwegs ist, macht man vielleicht keine Entwicklung. Ich hätte wohl das Gefühl, etwas im Leben zu verpassen. Ich wollte immer eine Familie haben.» Deshalb hat es für ihn gestimmt, dass er sich die nötige Zeit genommen hat, um hier anzukommen – als Amerikaner in Uri.

Zur Serie: In der Serie «(Ein)heimisch – in Uri eine neue Heimat gefunden» porträtiert die «Urner Zeitung» in loser Folge Personen ausländischer Herkunft, die aus unterschiedlichsten Gründen in den Kanton Uri gekommen sind und hier – meistens ungeplant – eine neue Heimat fernab ihres Heimatlands gefunden haben.

Mehr Infos gibt es auch unter www.andermatt-guides.ch und unter skiing.de/news/birdos-handgemachte-freeride-skis-aus-andermatt.htm

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