STELLWERK: Gurtnellen: Die SBB stellen auf digitale Technik um

Das letzte elektromechanische Stellwerk auf der Gotthardstrecke ist seit gestern nicht mehr in Betrieb. Der Abschied war emotional.

Florian Arnold
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Vinzenz Zgraggen (links) bespricht sich ein letztes Mal mit dem Bahnhofvorstand Alex Wipf. (Bild Florian Arnold)

Vinzenz Zgraggen (links) bespricht sich ein letztes Mal mit dem Bahnhofvorstand Alex Wipf. (Bild Florian Arnold)

Sonntagabend, kurz nach halb zwölf: Alex Wipf legt den Schalter um. Es klimpert und rattert im Innern des grün gestrichenen Kastens. Kurz darauf öffnet Wipf die Glastür, macht einen Schritt nach draussen und grüsst den vorbeirasenden Zug. Eine alltägliche Handlung für den Bahnhofvorstand von Gurtnellen. Doch nun ist damit Schluss: Das letzte elektromechanische Stellwerk auf der Gotthardstrecke wird nicht mehr benutzt. In Zukunft werden die Weichen und Signale rund um den Bahnhof Gurtnellen von Göschenen aus ferngesteuert. Wipf wird dort bereits ab dem kommenden Donnerstag als Zugverkehrsleiter arbeiten.

Der Gotthard: Ein Erlebnis

Vor elf Jahren hat der Ostschweizer in Gurtnellen seine Stelle angetreten. «Mir war damals schon bewusst, dass es irgendwann Veränderungen auf der Gotthardstrecke geben wird», sagt Wipf. «Aber ich wollte den Bahnbetrieb auf dieser speziellen Strecke mit der Gebirgsbahn, dem internationalen Güterverkehr und den Schnellzügen noch am eigenen Leib miterleben.» Besonders in Erinnerung sind ihm kalte Winternächte geblieben – gerade diejenigen vom 24. auf den 25. Dezember. «Es war für mich eine Ehre, dann zu arbeiten. Denn ich konnte den Leuten, die an Weihnachten unterwegs sein möchten, eine Dienstleistung bieten.»

Dass nun definitiv auf digitale Technik umgestellt wird, ist für Wipf logisch: «Die SBB sind immer mit der neusten Technik mitgegangen. Vor 58 Jahren war diese Anlage das Modernste, das es gab. Jetzt kommt wieder etwas Neues.» Und Wipf hat vollstes Vertrauen: «Es ist ja nicht das erste Stellwerk, das umgebaut wird», erklärt er.

Am 10. Oktober 1955 ging das elektromechanische Stellwerk in Gurtnellen in Betrieb. Gearbeitet wurde 24 Stunden am Tag in drei Schichten. Für rund 220 Züge galt es pro Tag die Weichen und Lichter zu stellen. Nur in der Nacht von Sonntag auf Montag gab es eine Ruhezone. Bis jetzt waren noch vier Personen im Stellwerk angestellt. So auch der Gurtneller Vinzenz Zgraggen. Kurz nach 23 Uhr konnte auch er am Sonntag «seinem letzten Zug» zuwinken, ehe er seinem Chef Alex Wipf übergab. Für Zgraggen war das Stellwerk etwas mehr als 24 Jahre lang der Arbeitsplatz. Bis 2007 wurden neben den Arbeiten am Stellwerk auch noch Billette verkauft, bis der Schalter geschlossen werden musste. Zgraggen geht nun wie zwei weitere Kollegen in Pension.

Know-how geht verloren

«Es macht absolut Sinn, auf die neue Technik umzustellen», sagt SBB-Projektleiter Martin Bieri. Der Unterhaltsaufwand werde mit der digitalen Technik bedeutend kleiner. Denn immer schwieriger wird es, für die elektromechanischen Stellwerke Ersatzteile zu finden. Ausserdem fehlt es immer mehr am Know-how, solche Maschinerien zu reparieren.

Die ganze Umstellung lassen sich die SBB denn auch einiges kosten. Zusammen mit Gleiserneuerungen und der Sanierung eines bisher unbewachten Bahnübergangs werden in Gurtnellen 20 Millionen Franken investiert. In der ganzen Schweiz gibt es noch ein paar Dutzend alte Stellwerke. Die SBB sind bemüht, diese nach und nach umzurüsten und an eines von vier Betriebszentren anzuschliessen. So soll denn auch längerfristig die Arbeit, die nun in Göschenen verrichtet wird, nach Bellinzona ausgelagert werden.

Das alte Stellwerk Gurtnellen wird allerdings nicht abgerissen. Es soll bis auf weiteres als historisches Monument erhalten bleiben.