Süsse Versuchungen im Job und Hobby

Guetzlen gehört im Advent für manche zum Alltag – andere suchen darin ihren Ausgleich zum Beruf. Eine Gegenüberstellung von Konditorin Corinne Imhof und Philipp Zurfluh, Redaktor der «Urner Zeitung».

Philipp Zurfluh
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Konditorin Corinne Imhof gewährt UZ-Redaktor Philipp Zurfluh einen Einblick in ihre Arbeit bei der Bäckerei Hauger in Altdorf.

Konditorin Corinne Imhof gewährt UZ-Redaktor Philipp Zurfluh einen Einblick in ihre Arbeit bei der Bäckerei Hauger in Altdorf. 

Bild: Urs Hanhart (18. Dezember 2019)

Feiner, süsser, verlockender Duft durchzieht an diesem Morgen die Backstube der Bäckerei Hauger in Altdorf – eine wahre Verführung von Nase und Gaumen. Es ist 6 Uhr. Rund 20 Personen sind damit beschäftigt, Brote, Gipfeli, Guetzli, Torten und noch vieles mehr zuzubereiten. Überall Leckereien, so weit das Auge reicht. Die Bäcker und Konditoren haben alle Hände voll zu tun. Im Geschäft gleich nebenan wartet schliesslich der Kunde auf das Endprodukt.

Die Stimmung ist gelöst, aber dennoch wird konzentriert gearbeitet. Mittendrin steht Corinne Imhof. Die 23-Jährige ist gut gelaunt und voller Tatendrang. Dass sie bereits seit 1.30 Uhr auf den Beinen ist, merkt man ihr nicht an. «An das frühe Aufstehen habe ich mich längst gewöhnt. Doch es gibt natürlich auch Tage, an denen ich mehr zu kämpfen habe.» Es sei nicht immer einfach, das private Leben und diesen Beruf unter einen Hut zu bekommen. Wenn ihre Freunde am Abend in den Ausgang gehen, legt sich Corinne Imhof meistens bereits schlafen.

Jedes Guetzli wird von Hand ausgestochen

Die dreijährige Lehre als Konditorin/Confiseurin EFZ hat sie beim Lehn-Beck in Altdorf absolviert. Nun ist sie seit drei Jahren bei der Bäckerei Hauger beschäftigt. «Weil auch meine Cousinen in dieser Branche arbeiten, bin ich auf den Geschmack gekommen», sagt die Konditorin, während sie Mailänderli aussticht. Es ist augenscheinlich, Corinne Imhof beherrscht ihr Handwerk. Jede Bewegung sitzt, es ist ihr tägliches Brot. Obwohl auch maschinell gearbeitet wird – zum Beispiel bei der Herstellung von Teig – stechen die Konditoren jedes einzelne Guetzli von Hand aus.

Die 23-Jährige hat Freude daran, ihre kreative Ader auszuleben und Fantasie walten zu lassen. «Das liegt mir im Blut», so die Bürglerin. Die Arbeit verlange viel Fingerspitzengefühl – sei es beim Ausstechen, Formen, Füllen oder Verzieren von Produkten. «Man braucht ein gutes Vorstellungsvermögen.» Am meisten Spass mache ihr das Dekorieren von Torten. «Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich nach getaner Arbeit mein Endprodukt begutachten kann.»

Vom Mailänderli-Teig ist nur noch wenig übrig. Die gefüllten Bleche werden im Sammelwagen in den Ofen geschoben. Zwei Knopfdrücke genügen und die Guetzli werden gebräunt. «Mir gefallen die Aufgaben sehr gut und ich darf mit einem tollen Team zusammenarbeiten.» Im November und Dezember sei mehr los als sonst, erklärt die Konditorin.

«Auch wenn es mal hektisch zu und her geht, muss man Ruhe bewahren. Auch unter Zeitdruck ist präzises Arbeiten Pflicht.»

Zu Hause wird nicht gebacken

Es ist kurz vor 9 Uhr. Wenn andere langsam in den Tag starten, oder ihr Znüni einnehmen, geht für Corinne Imhof der Arbeitstag bald zu Ende. Die Müdigkeit spürt sie noch nicht. Obwohl Corinne Imhof ihren Beruf mag, backt sie so gut wie nie in ihrer Freizeit. «Wenn ich schon im Beruf täglich damit zu tun habe, möchte ich mich zu Hause anderen Dingen widmen.» Die Mailänderli kommen mittlerweile goldbraun aus dem Ofen und werden an der frischen Luft auskühlt, bevor sie dann später in der Bäckerei über den Ladentisch gehen.

Ob sie in ein paar Jahren immer noch im gleichen Beruf tätig ist, lässt sie offen. «Ich möchte gerne noch etwas anderes machen.» Die Arbeitszeiten würden nicht spurlos an ihr vorbeigehen. Doch vorerst will Corinne Imhof weiterhin ihrer Leidenschaft nachgehen und mit ihren Leckereien die Kundschaft verwöhnen.

UZ-Redaktor Philipp Zurfluh: «Beim Guetzlen bin ich Perfektionist»

Grundsätzlich fällt es mir schwer, den Wintertagen etwas Positives abzugewinnen. Wenig Tageslicht und frostige Temperaturen lassen mich bereits den Frühling herbeisehnen. Doch in der Adventszeit ist alles etwas anders. Den Weihnachtsguetzli sei Dank. Sie sind bei mir der Lichtblick in der ansonsten düstersten Zeit des Jahres. Der Duft und Geschmack von selbstgemachtem Gebäck ist das Schönste in diesen Tagen. Seit Jahren backe ich aus Leidenschaft, auch heuer. An drei Tagen war die in eine Backstube umfunktionierte Küche mein Arbeitsplatz. Rund 1500 Stück sind zusammengekommen. Ein Guetzli-Marathon sozusagen – inklusive süsser Zwischenverpflegung.

UZ-Redaktor Philipp Zurfluh

UZ-Redaktor Philipp Zurfluh

Bild: Florian Arnold

Wie bei besagtem Sportevent ist auch beim Guetzlen eine gute Vorbereitung hilfreich. Ich kann ein Lied davon singen. Exakt aufgelistet besorge ich mir die Zutaten für die Herstellung der Köstlichkeiten. Der Beginn fällt leicht, der Tatendrang und die Motivation sind hoch.

Meditativ – aber ohne Langeweile

Während die einen sichtlich nervös über ihren Geschenkideen brüten, bringt mich währenddessen nichts aus der Ruhe. Beim Backen kann ich abschalten, entspannen und es lässt mich den beruflichen Alltag vergessen. Guetzlen hat etwas Meditatives. Langeweile kommt nie auf, obwohl ich immer alleine bin. Nichts gegen ein gesellschaftliches Miteinander, aber niemand unterbricht mich, macht mir Vorschriften oder lenkt mich ab. Und falls es dann doch etwas gar still um mich herum wird, drehe ich die Musikbox auf und lasse mich durch Weihnachtsmusik berieseln.

Vanillekipferl von Philipp Zurfluh.

Vanillekipferl von Philipp Zurfluh.

Bild: Philipp Zurfluh

Mailänderli, Zimtsterne, Brunzli und Vanillekipferl gehören bei Schweizer Familien zu den beliebtesten Leckereien. Mein Favorit: die Spitzbuben – die klare Nummer eins, auch in meinem Freundeskreis. Sogar während des Jahres beglücke ich Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen mit meinem Lieblingsguetzli. Butter, Puderzucker, Eiweiss, Mehl, Vanille und Himbeerkonfitüre- oder -gelee. Das ist alles, was es für einen leckeren Spitzbub braucht. Doch leichter gesagt als getan. Die richtigen Mengen machen das süsse Mürbeteigguetzli zu einem wahren Leckerbissen.
Übung macht den Meister. Diese Weisheit bestätigt sich beim Guetzlen. Hier bin ich Perfektionist.

Ungenauigkeiten verzeihe ich mir ungern.

Auf der Suche nach Perfektion muss man auch Rückschläge einstecken. Eine leicht gelb verfärbte Glasur auf den Zimtsternen, unregelmässig bestäubte Spitzbuben oder zu harte Mailänderli, die zu spät aus dem Ofen geholt wurden. «Missratenes» Gebäck lässt mich verärgert zurück.
Doch genau solche Erfahrungen sind ein Antrieb, es beim nächsten Mal noch besser zu machen. Sie haben einen Lerneffekt. Guetzlen braucht Geduld. Jedes Jahr lerne ich dazu. Irgendwo gibt es immer etwas zu verbessern.

Wenn der Backofen kühlt, geht der Marathon weiter

Das Beste kommt aber ganz zum Schluss. Wenn ich die Backofentüre öffne, mir der feine Duft entgegenströmt und auch die Optik passt, dann bin ich fast am Ziel. Aber eben nur fast. Weil ich alle meine Köstlichkeiten verschenke, ist der Marathon noch nicht geschafft. Für mich ist es das schönste Gefühl, wenn sich meine Familie, Verwandte, Bekannte und Freunde über meine Guetzli freuen. Die Anfragen werden jährlich mehr. Und es motiviert mich, auch 2020 wieder zu Wallholz, Spachtel, Pinsel und Ausstechform zu greifen und mich meiner Leidenschaft zu widmen.