«Tell/Zahhak - ein Mythentausch»

Die Tellspiele Altdorf lancieren ihr 500-Jahr- Jubiläum mit einem Mythentausch: Die iranische Gruppe Don Quixote widmet sich der «Tell»-Legende, Mass & Fieber aus Zürich präsentieren die persische Saga um den Drachenkönig Zahhak und den tapferen Schmied Kaveh.

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Die Zürcher Gruppe Mass & Fieber spielen Zahhak - ein iranischer Mythos, der an Tell erinnert. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Die Zürcher Gruppe Mass & Fieber spielen Zahhak - ein iranischer Mythos, der an Tell erinnert. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Die Tauschaktion sorgt für einen durchwegs überzeugenden, wenn auch nicht gänzlich überraschenden Theaterabend: Während das persische Epos in der Schweizer Bearbeitung skurrile Züge annimmt, steigern die iranischen Gäste die Dramatik der «Tell»-Erzählung.

Tells Pfeil durchschiesst hier nicht etwa bloss den Apfel auf Walterlis Kopf, sondern auch gleich einen Baum, um anschliessend den See zu überqueren und über die Berge gen Himmel zu fliegen.

Für Kulturschaffende aus dem Iran, wo weltliche und religiöse Autoritäten um die Macht ringen, mag es auch zu übersichtlich wirken, wenn Unterdrückte bloss einen Hut zu grüssen haben. So muss sich Tell (Farbod Farhang), den seine Frau Hedwig als «Löwe unter Wölfen» besingt, in einem wahren Wald von Hutstangen zurechtfinden.

Bild: Keystone
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Bild: Nadia Schärli / Neue LZ
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Der «Tryychler»-Verein Bürglen unterstützte die Theaterleute
von «Tell/Zahhak» bei ihrem Einzug in Altdorf. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)
Urner «Tryychler»-Geläut mischte sich am Samstagmorgen mit iranischem Gesang. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)
Urner «Tryychler»
und iranischer Gesang (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

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Dramatischer als in der Schiller-Fassung nimmt sich in der iranischen Variante unter der Regie von Ali Asghar Dashti auch das Ende aus: Sie werde Tell den Schuss in Richtung des Sohnes nie verzeihen können, erklärt Hedwig (Mina Doroudian) - und verlässt nicht nur ihren Tschador in Zeltgrösse, sondern auch ihren Gatten.

Andere Anpassungen sind optischer Art: Beispielsweise wird aus dem Innerschweizer Badezimmer, in dem Baumgarten einen Vogt erschlägt, ein orientalisches Hammam. Die runde Holzbühne im Sacklager Eyschachen eignet sich gut für diese Interpretation.

Kampf der Könige

Der zweite Teil des Abends unter der Regie von Niklaus Helbling nimmt sich noch bunter aus. Während die «Tell»-Erzählung im Kern von einem Senn und dem Beamten Gessler handelt, fährt das persische Epos Könige, Dämonen, Engel und Prinzessinnen auf.

Der Drachenkönig Zahhak (Silvester von Hösslin) muss die Schlangen, die ihm nach einem Teufelspakt aus den Schultern gewachsen sind, jeden Tag mit den Hirnen zweier junger Männer füttern.

Dass dabei kein sonderlich kluges Volk zurückbleibt, versteht sich von selbst, wobei das Publikum mutmassen kann, gegen welches Volk die Wutrede im Stück sich richtet. Immerhin gibt es Hoffnung in Gestalt des jungen Abkömmlings einer Königsdynastie.

Der von einer verehrungswürdigen und dabei reichlich schrillen Kuh namens Barmayeh (Nicole Steiner) grossgezogene Feridun (David Berger) erklärt dem Drachenkönig den Krieg. Für Feriduns Verbündeten, den Schmied Kaveh (Dominique Müller) als Vertreter des Volkes, gibt es in diesem Kampf der Könige bald keinen Platz mehr - ein offensichtlicher Unterschied zur «Tell»-Erzählung.

Helden-Installation

Wie clever und unterhaltsam die beiden Theatergruppen Gegensätze und Gemeinsamkeiten der Mythen präsentieren, sorgte bei der Uraufführung am Freitagabend für grossen Applaus des Publikums.

Dieses konnte zum Ausklang durch einen Heldengarten spazieren. Das Legendenangebot beider Länder ist beträchtlich und reicht schweizerischerseits vom linken Journalisten Niklaus Meienberg über den liberalen Politischer Alfred Escher bis zu Heidi.

«Tell/Zahhak - ein Mythentausch» ist bis am 11. August in Altdorf zu sehen. Später wird das Stück am Zürcher Theater Spektakel gezeigt sowie im Februar 2013 am Theater der Künste in Zürich.

sda