THEATER: Theater-Erfinder bringt «grosse Kiste»

Franz Xaver Nager prägt die Urner Theaterszene. Bald feiert in Flüelen das Stück «Müller 13» Premiere. Danach beginnt für Nager ein neues Kapitel.

Florian Arnold
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Zum Ausruhen bleibt Franz-Xaver Nager momentan wenig Zeit. Höchstens kurz auf dem Spitalbett, das zu den Requisiten von «Müller 13» gehört. (Bild Urs Hanhart)

Zum Ausruhen bleibt Franz-Xaver Nager momentan wenig Zeit. Höchstens kurz auf dem Spitalbett, das zu den Requisiten von «Müller 13» gehört. (Bild Urs Hanhart)

Sein Garten zwischen beschaulichen Einfamilienhäusern mitten in Altdorf ist eine Idylle. Der ideale Ort, um etwas zur Ruhe zu kommen. Franz-Xaver Nager setzt sich an seinen Gartentisch und zündet eine Zigarette an. Der 60-jährige zeigt zur Kuppel der Kantonalen Mittelschule Uri. «Dort hat alles angefangen», sagt er. Nager ging bei Benediktinermönchen zur Schule. «Es gibt im Leben Spannenderes als Geld»: Diesen Spruch eines Lehrers hat Nager zum Lebensmotto gemacht. «Im Gegensatz zur kirchlichen Empfehlung suche ich allerdings die Erfüllung nicht erst nach dem Tod.» Er lacht herzhaft.

Zwar gibt ihm sein Garten ein wenig Erfüllung. Doch um ihn zu geniessen, bleibt momentan keine Zeit. Am kommenden Mittwoch feiert Nagers Theaterstück «Müller 13» in Flüelen Premiere. Bis dahin muss er noch schuften, 16 Stunden pro Tag. «Eigentlich hatte ich diesmal eher ein Kammertheater im Kopf, und jetzt wird es halt doch wieder eine grosse Kiste», sagt er.

«Knallhartes Business»

«Ein solches Projekt ist wie eine KMU-Gründung», sagt Nager. «Das Business ist knallhart.» Und etwas widerwillig stehe er als Initiant und Ortsansässiger erneut im Mittelpunkt. Die Fäden laufen bei ihm zusammen. «Teamwork ist der wichtigste Baustein für den Erfolg», sagt Nager. Dem Urner Theater-Erfinder, wie sich Nager bezeichnet, gelingt es immer wieder, hoch qualifizierte Persönlichkeiten zu gewinnen, die seine «Erfindungen» in die Tat umsetzen.

Idealismus sei dabei unabdingbar: bei den Spielern und Helfern, aber auch bei den Profis im Team. Diese kommen für bescheidene Honorare aus Zürich oder Berlin nach Flüelen und arbeiten – das ist Nager wichtig – mit Urner Kulturschaffenden zusammen.

Was Nagers Produktion von anderen unterscheidet: Die Profis sind von Anfang an dabei. «Vor zwei Jahren habe ich das Ei gelegt», sagt Nager. «Und gemeinsam haben wir es ausgebrütet.» So kamen Regisseur Stefan Camenzind und die Produktionsleiterin Susanne Morger dazu. Und vor einem Jahr war das Leitungsteam komplett (siehe Box). Dessen Ideen flossen bereits ins Konzept ein, bevor Nager das Stück fertig geschrieben hatte. Das Resultat: Ein tragendes Element wird moderne Technik sein. Projizierte Fotos bilden die Kulisse, Trickfilmszenen ergänzen die Handlung. Die Profis wirken dabei im Hintergrund. Auf der Bühne stehen ausschliesslich Laien aus Uri und Schwyz.

Er weiss mit Millionen umzugehen

Anfang der Neunzigerjahre hat Nager das Image des Laientheaters regelrecht aufpoliert. 1993 realisierte er die Sprech-Oper Attinghausen. Das Stück schlug ein: Das Magazin des «Tages-Anzeigers» widmete dem Projekt ganze elf Seiten. Das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich lud die Truppe für ein Gastspiel ein – das erste Gastspiel mit Laien überhaupt. Einige Jahre später wurde Nager von der Stadt Zürich mit der Förderung der Theaterszene beauftragt: mit einem Millionenbudget.

Seit damals hat sich viel verändert. «Bei meinen ersten eigenen Projekten ging ich noch ziemlich unbeschwert an die Arbeit. Jetzt mache ich mir viel mehr Gedanken.» Und prompt erlitt ein Hauptdarsteller von «Müller 13» beinahe eine Lungenentzündung.

Nager probiert immer wieder Neues aus – und setzt damit Massstäbe, wie er mit seinem Musiktheater «Wysel» vor einem Jahr bewies. Die Geschichte eines jungen Volksmusiktalents wurde auf ungewöhnliche Weise mit Comics und Musik erzählt. «Müller 13» wird als Mundart-Theater für ein grosses Laien-Ensemble das Gegenstück dazu werden: Lokaler Stoff verpackt als Volkstheater. «Es soll Insider genauso ansprechen wie meine betagte Mutter.» Nager versucht Gegensätze zu verbinden – und das auch im Alltag: Sein Edelweisshemd kombiniert er mit hellgrünen Turnschuhen.

Die letzte Produktion

Die Sonne geht hinter dem Gitschen unter. Es wird kühl in Nagers Garten. Er drückt die Zigarette aus und lehnt sich zurück. «Ich habe ein Leben lang das Andere, das Überraschende gesucht, und dabei sicher auch Schwein gehabt», sagt er. Er hofft, dass auch «Müller 13» ein Erfolg wird. Danach will Nager selber keine Theaterstücke mehr produzieren. Schreiben jedoch schon: Einen Stückauftrag hat er auf dem Tisch, ein Dutzend Ideen im Kopf.