Theaterbesucher erleben die Seelisberger Dorfentwicklung hautnah mit

Zwölf Theaterleute haben den rund 100 Gästen an der Premiere bei der gedeckten Waldtheaterbühne in fünf Akten Geschichten aus Seelisberg der vergangenen 100 Jahre erzählt. Auch die aktuelle Situation wurde dabei thematisiert.

Paul Gwerder
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Dieser Tourist hatte aussergewöhnliche Wünsche. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
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Im Restaurant «Zur frohen Aussicht» gab es im Jahr 1965 noch den beliebten «Stammtisch». (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
Grossvater Hans zeigte der Enkelin Anni, wie ein Kiosk betrieben werden muss, damit auch Geld zu verdienen ist. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
Die Theaterbesucher wurden miteinbezogen und stimmten der Anstellung des auswärtigen Lehrers zu. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
An der Gemeindeversammlung hatte Präsident Sebi alle Hände voll damit zu tun, die Gemüter zu beruhigen. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
Esther Truttmann (Fini, rechts) mit ihrer Tochter Priska (Vreneli) mit dem Schwyzerörgeli. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)
Vater Friedl versucht vergeblich, seine Tochter Vreneli bei den Hausaufgaben zu unterstützen. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)

Dieser Tourist hatte aussergewöhnliche Wünsche. (Bilder: Paul Gwerder, Seelisberg, 1. Juli 2019)

An der Premiere des Seelisberger Dorftheaters am vergangenen Montagabend zeigten die zwölf Theaterleute nicht ein bekanntes Volkstheater, sondern sie liessen die rund 100 Gäste die Entwicklung des Dorfes in den vergangenen 100 Jahre in fünf Akten miterleben. Unter dem Titel «So sind miär Seelisbärger hald!» konnten die Besucherinnen und Besucher an der Uraufführung auf dem gedeckten Platz im Tannwald ein unterhaltsames und lustiges Theater erleben.

Nach der Begrüssung durch Alphornklänge ging es im 1. Akt, der sich im Jahr 1913 abspielt, auf die Alp. Dort versuchte der Älpler Friedl seiner Tochter Vreneli vergeblich bei den Hausaufgaben zu helfen. Seine Frau Fini war zwar der Meinung, dass ihr Mann länger zur Schule gegangen sei als sie, dabei vergass sie zu erwähnen, dass Friedl fast jede Klasse wiederholen musste und es nur bis in die 5. Klasse schaffte.

Gemeindeversammlung ohne Mitsprache der Frauen

An diesem Tag erschien auch der Pfarrer, um die Alp zu segnen. Am Mittagstisch wurde über den Fortschritt gesprochen, der zwar wegen der Maschinen die Arbeiten in der Fabrik erleichterte, dafür blieben viele Arbeitslose auf der Strecke und mussten in ein «besseres» Land auswandern. Als der Betruf des Älplers ertönte, in dem er alle Heiligen bat, das liebe Vieh und seine Familie vor Unglück zu bewahren, trieb es einigen Anwesenden schon die Gänsehaut hervor.

An der Gemeindeversammlung am Stephanstag im Jahre 1919 wollte das Volk von Seelisberg seinen ersten Lehrer wählen. Für die Besucherinnen und Besucher war es spannend und zugleich amüsant, wie es damals ablief. Die Traktandenliste wurde vom «Schreiber» erst an der Versammlung vorgestellt. Zuerst stritten sich die Gemeindeoberen darum, einen «Ausländer» aus Gersau als Lehrer anzustellen. An der folgenden Abstimmung waren die Zuschauerinnen und Zuschauer mittendrin und stimmten der Wahl des auswärtigen Lehrers zu. Zuvor machte der Gemeindepräsident Sebi die Leute noch darauf aufmerksam, dass die anwesenden Frauen nur zuhören durften, aber bei der Abstimmung nichts zu sagen hätten.

Der 3. Akt zeigte den Seelisberger Zeitungskiosk aus dem Jahr 1955. In dieser Zeit spielte, wie auch heute noch, der Tourismus eine wichtige Rolle. Im Stück zeigte Grossvater Hans seiner Enkelin Anni auf amüsante Art und Weise, wie ein Kiosk richtig geführt werden muss, damit auch Geld verdient werden kann. Neben der Zeitung Vaterland konnten die Touristen auch auswärtige Zeitschriften oder gewisse «Wundermitteli» erwerben.

Der Stammtisch spielt eine wichtige Rolle im Dorfleben

Heute ist der beliebte Stammtisch in einer Beiz fast ausgestorben. Im Restaurant Zur frohen Aussicht im Stück wurde jedoch bei einem «Stumpen» und einem Glas Wein ein Jass geklopft und dabei über Gott und die Welt diskutiert und Wahres und Unwahres erzählt. Viel Mühe hat sich die Theatergruppe mit der Kulisse und den originalgetreuen Kleidern aus der damaligen Zeit gegeben.

Im letzten Akt, der sich in einer Käserei im Jahr 2019 abspielte, kamen die Menschen auf die Probleme der heutigen Zeit zu sprechen. Es ist eine schwierige Situation, denn Banken, Post, Einkaufsladen und Restaurants werden immer häufiger geschlossen, womit wichtige Arbeitsplätze im Dorf verloren gehen. Abschliessend brachten es die Theaterleute auf den Punkt: «Trotz Digitalisierung und Handyzeitalter darf der gesunde Menschenverstand auch in Zukunft nicht zu kurz kommen.»

Ergänzt wurde die Aufführung durch zahlreiche musikalische Einlagen mit dem Schwyzerörgeli von Esther Truttmann und ihrer Tochter Priska. Der Applaus bewies, dass die Leute vom Theater begeistert waren und einen wunderbaren Abend im Seelisberger Wald geniessen konnten. Anschliessend an die Aufführungen gibt es in der Theaterwirtschaft jeweils auch etwas zum Essen und Trinken.

Die nächsten Aufführungen des Theaters «So sind miär Seelisbärger hald»: 4., 6., 9., 10., 12. und 13. Juli, jeweils um 20 Uhr. Reservation unter: Tel. 041 820 15 63.