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TIERSCHUTZ: Jeder zweite Hundebiss bleibt ohne Konsequenzen

Nachdem der Fall von Hund Louis publik wurde, haben sich weitere Hundehalter bei unserer Zeitung gemeldet. Im Interview nehmen der Kantonstierarzt und sein Stellvertreter nun Stellung und erklären ihr Vorgehen.
Carmen Epp
Wenn er zubeisst, kommt oft das Veterinäramt ins Spiel. (Bild: Themenbild: Adrian Stähli/LZ)

Wenn er zubeisst, kommt oft das Veterinäramt ins Spiel. (Bild: Themenbild: Adrian Stähli/LZ)

Ein Hund wird beschlagnahmt, weil sich die Halterin – bei einer angemeldeten Kontrolle und gemäss Drittpersonen – nicht an die Auflagen des Veterinäramts der Urkantone hielt. Und obwohl das Verfahren noch hängig ist, wird der Hund zur Vermittlung freigegeben. Die Geschichte von Maud Berner und ihrem Hund Louis (Ausgabe vom 14. Juni) ist ein Extrem-, aber kein Einzelfall.

Das zeigen Beispiele weiterer Hundehalter, die sich bei unserer Zeitung gemeldet haben (siehe Kasten). Zu einzelnen Fällen und bei laufenden Verfahren kann sich der Veterinärdienst der Urkantone wegen des Amtsgeheimnisses nicht äussern. Trotzdem stellen sich Kantonstierarzt Andreas Ewy und sein Stellvertreter Marco Gut im Interview den allgemeinen Fragen unserer Zeitung.

Andreas Ewy, Marco Gut, kann und muss man einen Hund immer und überall kontrollieren?

Ewy: Aus Sicht der Haftpflicht lautet die Antwort klar: Ja. Selbst wenn der Halter die Sorgfaltspflicht eingehalten hat, der Hund sich aus dem Halsband befreit und einen Velofahrer zum Sturz bringt, ist der Halter verantwortlich. Das ist vergleichbar mit der Elternschaft: Wir sind verantwortlich für unsere Kinder, auch wenn wir sie nicht 24 Stunden kontrollieren können.

Gut: Der Hundehalter ist gemäss Tierschutzverordnung dafür verantwortlich, dass sein Hund keine Menschen oder andere Tiere gefährdet – und zwar jederzeit.

Dann müsste man jeden Hund ständig an der Leine führen ...

Ewy: Nein. Wenn ein Hund gut sozialisiert, an Menschen gewöhnt und nicht schreckhaft ist, er Velofahrer und Kinder kennt, gut trainiert und abrufbar ist, dann kann man ihn auch laufen lassen. Das Risiko ist so zwar minimiert, aber es ist nicht gesagt, dass nichts passieren kann. Die überwiegende Mehrheit der Hundehalter in den Urkantonen geht schliesslich verantwortungs- und rücksichtsvoll mit ihren Hunden um.

Gut: Es ist ähnlich wie beim Autofahren: Auch wenn ich mich an die Geschwindigkeitslimite halte und aufmerksam fahre, kann trotzdem etwas passieren. Die entscheidende Frage ist dann aber, was ich unternehme, damit der Unfall sich nicht wiederholt. Hier unterscheiden wir uns als Veterinärdienst von einer Strafbehörde.

Inwiefern?

Gut: Eine Strafbehörde beurteilt einen Vorfall und bestraft die fehlbare Person rückwirkend. Unsere Aufgabe hingegen ist es, dafür zu sorgen, dass sich ein Vorfall nicht wiederholt – zukunftsgerichtet. Dafür müssen wir wo nötig Massnahmen ergreifen.

Wann kommt der Veterinärdienst bei «gefährlichen Hunden» ins Spiel? Reicht da ein Anruf einer Privatperson?

Gut: Nein. Bei Meldungen von Privatpersonen, ein Hund sei aggressiv, sind wir sehr zurückhaltend. Eine solche Meldung kann schliesslich jeder machen, aus welchen Beweggründen auch immer. Da lassen wir uns nicht instrumentalisieren. Liegt hingegen eine Bissmeldung vor, die Tierärzte, Spitäler und Humanmediziner uns von Gesetzes wegen mitteilen müssen, werden wir aktiv und klären das ab.

Was gilt alles als Biss?

Gut: Sobald ein Hund etwas mit seinem Mund packt und festhält, definieren wir dies als Biss. Auch wenn der Hund so nur ein Hosenbein zerrissen hat oder es nur zu einem blauen Fleck kommt. Natürlich berücksichtigen wir bei der Beurteilung jeweils, wie schlimm ein Biss war. Obwohl letztlich die Auswirkung eines Bisses relativ zufällig ist. Ein Biss, der im Winter durch eine dicke Jacke kaum verspürt wird, kann im Sommer zu einer tiefen Wunde führen. Und derselbe Biss kann einen anderen Hund am Bein nur geringfügig verletzen, im Brustbereich aber töten.

Ewy: Kommt hinzu, dass Hundebisse sich zwar jeweils schnell oberflächlich schliessen, aber darunter infektiös werden können. Ausserdem kann auch ein unblutiger Biss zum Tod führen. Gerade wenn ein Hund ein anderes, kleineres Tier angreift, ist sein Ziel nicht der Biss, sondern der Genickbruch.

Wie meinen Sie das?

Ewy: Andere Raubtiere wie etwa Löwen töten, indem sie ihrer Beute an die Kehle gehen, zubeissen und zudrücken. Ein Hund hingegen tötet kleinere Beutetiere, indem er sie schüttelt und ­einen Genickbruch herbeiführt. Das wird spielerisch gezeigt, wenn ein Hund ein Plüschtier schüttelt.

Unserer Zeitung liegen vier verschiedene Bissmeldungen mit vier verschiedenen Massnahmen vor. Wie erklären Sie das?

Gut: Wenn uns ein Hundebiss gemeldet wird, klären wir jeweils den Sachverhalt ab und machen eine sogenannte Risikobeurteilung. Dabei spielen ganz viele Kriterien eine Rolle: die Umstände, die zum Bissvorfall geführt haben, die Hintergründe, die Rasse des Hundes, sein Alter, seine Grösse, die Stärke des Bisses, wen er gebissen hat, die Haltungsbedingungen und so weiter. Daraus resultiert dann eine auf jeden Einzelfall zugeschnittene Beurteilung des Risikos und der Massnahmen, die allenfalls getroffen werden müssen.

Die Betroffenen bemängeln, dass ihre Hunde nicht persönlich vor Ort abgeklärt wurden. Wäre das nicht nötig, um sich ein Urteil bilden zu können?

Gut: Nicht zwingend. Da jeweils eine ganz bestimmte Situation zum Bissvorfall geführt hat, macht eine Abklärung vor Ort meist überhaupt keinen Sinn. Man kann und will die negative Situation ja nicht nachstellen. Ein Hund, der draussen auf Artgenossen aggressiv reagiert, kann zu Hause der liebste Kuschelhund sein. Das ändert aber nichts daran, dass derselbe Hund in einer bestimmten Situation gebissen hat. Mit Fragebögen und den telefonischen Auskünften erhalten wir ein Bild davon, was passiert ist, um abschätzen zu können, ob und welche Massnahmen sich aufdrängen. Nur in schwierigen Fällen oder wenn es sich um eine Wiederholung handelt, wird eine Abklärung vor Ort durch einen Verhaltenstierarzt durchgeführt. Ist die Sachlage unklar, übergeben wir den Fall der Staatsanwaltschaft, die dann als Ermittlungsbehörde die entsprechenden Abklärungen tätigt. Wenn ein Fall besonders gravierend ist, muss er angezeigt werden. Auch dann ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wenn die Fragebögen der Beteiligten vorliegen und der Vorfall beurteilt wurde, wie gehen Sie weiter vor?

Gut: Solange keine gravierende Verletzung vorliegt oder sich herausstellt, dass es sich um einen Unfall oder ein Gerangel unter Hunden gehandelt hat, wird der Fall lediglich bei uns zu den Akten gelegt. Das ist in den meisten Fällen so. Von den 209 Meldungen in den Urkantonen im vergangenen Jahr haben wir lediglich in 107 Fällen eine Verfügung ausgestellt. Bei der Hälfte aller Bissmeldungen im vergangenen Jahr gab es also keine Konsequenzen, weil es ein Unfall oder das erste Mal war und kein Gefährdungspotenzial zugeordnet werden konnte. Ist das Risiko für Menschen oder andere Tiere jedoch erhöht, müssen wir gemäss unserem Grundauftrag aus dem Verwaltungsrecht die jeweils mildeste mögliche Massnahme ergreifen, um einen Rechtszustand wiederherzustellen.

Die da wären?

Gut: Die mildeste Massnahme ist die Auflage, dass der Hundehalter eine situative Leinenpflicht auferlegt bekommt und damit den Hund an unübersichtlichen Stellen an die Leine nehmen muss. Oder es werden Trainingsstunden verfügt, wo der Hundehalter die Kontrolle und Abrufbarkeit mit seinem Hund durch Fachpersonen geschult bekommt. Reicht dies nicht aus, um das Risiko einzudämmen, können in der Folge eine generelle Leinenpflicht sowie eine Maulkorbpflicht verhängt werden. Wenn das ebenfalls nicht ausreicht oder nicht eingehalten wird, bleibt ganz zum Schluss des Verfahrens nichts anderes übrig, als den Hund zum Schutz anderer Menschen und Tiere zu beschlagnahmen. In der Regel bleibt es aber bei einer Verfügung, und 99 Prozent aller Hundehalter sehen auch ein, dass sie etwas unternehmen müssen, damit ihr Hund nicht mehr auffällig wird.

Gelten die Verfügungen, einmal ausgesprochen und rechtskräftig, ein ganzes Hundeleben lang?

Gut: Nein. Wenn mit dem Hund gearbeitet wurde und sich die Lage verändert hat, gibt es die Möglichkeit, nach einer gewissen Zeit ein Wiedererwägungsgesuch an den Veterinärdienst zu stellen. Dann überprüfen wir, ob sich die Situation geändert hat und ob man die Auflagen lockern kann. Die Initiative dafür muss vom Hundehalter kommen. Verfügungen müssen nicht von Amtes wegen erneut überprüft werden.

Wenn man sich gegen eine Verfügung des Veterinäramts wehren möchte, muss man einen Vorschuss leisten. Wieso?

Ewy: Es ist Bestandteil des Verwaltungsrechtspflegegesetzes, dass je nach Fall zwischen 300 und 800 Franken Kostenvorschuss zu verlangen sind. Damit soll der Einsprecher einerseits die Ernsthaftigkeit seiner Einsprache beweisen. Andererseits wird so die Sicherheit abgedeckt, dass am Ende die Einsprachegebühr, die von Gesetzes wegen erhoben werden muss, bezahlt wird. Im Falle von Fehlern oder unrechtmässigen Verfügungen erhält der Einsprecher den Kostenvorschuss teilweise oder gesamthaft zurück.

Inwiefern macht es überhaupt Sinn, Einsprache gegen eine Verfügung zu erheben bei einem Amt, das die Verfügung ja ausgestellt hat?

Ewy: Diese Hierarchie ist beim Kantonstierarzt im Konkordatsrecht festgelegt. Eine Verfügung kommt jeweils aus dem zuständigen Bereich vom Bereichsleiter, im Fall der gefährlichen Hunde aus dem Bereich des Tierschutzes, der Marco Gut unterstellt ist. Über eine Einsprache hingegen entscheidet dann die nächsthöhere Instanz, in diesem Fall ich als Kantonstierarzt. Dabei werden der Sachverhalt und die Begründung der Einsprache nochmals anhand der Verfügung der Bereichsleitung beurteilt und abgewogen. Als nächste Instanz könnte der Einsprecher die Verfügung mit einer Beschwerde beim Regierungsrat anfechten, danach bliebe noch der Gang zum Verwaltungsgericht.

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

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