TÖTUNGSDELIKT: Ali Sebti wird noch immer gesucht

Vor zehn Jahren wurden zwei Männer in Erstfeld ermordet. Vom mutmasslichen Täter, dem Algerier Ali Sebti, fehlt noch immer jede Spur. Verjährt ist der Fall aber noch lange nicht.

Carmen Epp
Drucken
Teilen
Polizisten und die Spurensicherung bei der Arbeit nach dem Tötungsdelikt in der «Taverne». (Bild: Sven Aregger (Erstfeld, 4. Mai 2007))

Polizisten und die Spurensicherung bei der Arbeit nach dem Tötungsdelikt in der «Taverne». (Bild: Sven Aregger (Erstfeld, 4. Mai 2007))

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

«Asylbewerber tötet zwei Urner» – diese Schlagzeile hielt Uri am 4. Mai 2007 in Atem. Was sich in der Nightbar Taverne zugetragen hatte, ist inzwischen bekannt (siehe Kasten unten). Der mutmassliche Täter, der algerische Asylbewerber Ali Sebti, konnte jedoch nie gefasst werden.

Trotz Ausschreibung durch Interpol hätten sich bis heute keine Hinweise auf den Aufenthaltsort und die genaue Identität des mutmasslichen Täters ergeben, wie Oberstaatsanwalt Thomas Imholz auf Anfrage erklärt. Das würde sich ändern, sobald Sebti straffällig wird und seine Spuren – namentlich DNA und Fingerabdrücke – erfasst werden. «Dann würden wir dem Land, in dem der mutmassliche Täter verhaftet worden ist, ein Auslieferungsgesuch stellen. Wenn das genehmigt wird, würde er in den Kanton Uri ausgeliefert.»

Doppelmord verjährt am 4. Mai 2037

Solange dies nicht geschieht, bleiben die Akten bei der Staatsanwaltschaft pendent. Das Verfahren gegen Sebti wird unter anderem wegen mehrfachen Mordes und mehrfacher schwerer Körperverletzung geführt. Bei ersterem beträgt die Verfolgungsverjährung 30, bei letzterem 15 Jahre. «Als mutmasslicher Täter bleibt Ali Sebti also bis am 4. Mai 2037 international zur Verhaftung ausgeschrieben», so Imholz. Sollte Sebti bis dahin auftauchen, würde die Untersuchungen fortgesetzt, Zeugen und weitere Beteiligte nochmals befragt und allenfalls mit dem mutmasslichen Täter konfrontiert sowie weitere Gutachten erstellt.

Damit eine Anklage gegen Sebti auch in den nächsten 20 Jahren möglich bleibt, hat die Staatsanwaltschaft Vorkehrungen getroffen. So wurden die zwei Männer, die den Angriff damals teilweise schwer verletzt überlebt hatten, um eine Enthebung der Ärzte vom Berufsgeheimnis gebeten. Imholz erklärt: «Ärzte sind verpflichtet, ihre Unterlagen zehn Jahre lang aufzubewahren, bevor sie sie entsorgen. Um zu verhindern, dass die medizinischen Berichte vernichtet werden, wollen wir die Arztberichte vor Ablauf dieser Aufbewahrungsfrist einholen.» Diese seien wichtig, um in einem allfälligen Verfahren die Körperverletzung qualifizieren zu können.

Oberstaatsanwalt gibt Hoffnung nicht auf

Die Chancen, Sebti zu finden, seien anfänglich grösser gewesen, so Imholz. Denn der heute 50-Jährige sei seit zehn Jahren polizeilich nicht mehr aufgefallen. Vielleicht werde er geschützt – oder er ist inzwischen verstorben. In der Schweiz aufgefundene unbekannte Tote würden zwecks Identifizierung jeweils auf Fingerabdrücke und DNA hin untersucht, wie Imholz erklärt. Würde Sebti also in der Schweiz sterben, würden dies die Strafuntersuchungsbehörden erfahren. «Ob das in anderen Ländern auch so gehandhabt wird, weiss ich jedoch nicht», gibt Imholz zu bedenken. Ans Aufgegeben denkt der Oberstaatsanwalt jedoch auch nach zehn Jahren nicht. «Die Chancen, Ali Sebti zu finden, schwinden zwar. Nicht aber die Hoffnung.»

Ein Streit endet im Blutbad

Erstfeld — Es ist der 4. Mai 2007, kurz nach Mitternacht. Ali Sebti betritt die Bar des Hotels Hof in Erstfeld. Der 40-jährige Algerier wohnt seit sechs Monaten in einer Wohnung für Asylbewerber im Haus nebenan. Sebti beginnt, die Gäste der Bar zu beschimpfen, und wird aus der Bar gewiesen. Gegen 1.30 Uhr verlassen auch die anderen Gäste die «Hof»-Bar. Drei von ihnen, Alfons A.* (54), Martin A.* (42) und Johnny Z.* (65), gehen zwei Häuser weiter in die «Taverne». Dort stösst Sebti zu den drei Männern an der Bar. Die Stimmung ist zunächst unerwartet friedlich. Bis Sebti aufsteht, in seine Wohnung im Haus nebenan geht, sich dort ein 21 Zentimeter langes Messer holt und in die «Taverne» zurückkehrt. Dort befinden sich inzwischen nur noch die drei Freunde, ein paar Tänzerinnen und Ignaz Walker, Wirt der «Taverne». Es ist 3.30 Uhr. 

Opfer «richtiggehend abgeschlachtet»

Dann geht alles ganz schnell. Sebti verletzt mit dem Messer Martin A. und Alfons A. Als der Algerier auch bei Johnny Z. die Klinge ansetzt, kann Walker eingreifen. Der Wirt sprüht dem Angreifer Pfefferspray ins Gesicht und kriegt dabei selber Stiche ab, bis er Sebti schliesslich aus dem Lokal jagen kann.

10 Minuten später findet die Polizei in der «Taverne» ein Bild des Grauens vor: Martin A. und Alfons A. sind tot, Johnny Z. schwer, Walker leicht verletzt. «Der mutmassliche Täter hat die Opfer richtiggehend abgeschlachtet», sagt der damalige Polizeikommandant Reto Habermacher später an einer Medienkonferenz. 

Die Sondereinheit Luchs stürmt das Gebäude, in dem Sebti wohnt, kann den mutmasslichen Täter aber nicht finden. Die Polizei publiziert ein Bild und das Signalement von Sebti zur Fahndung. Demnach ist der Algerier 1,72 Meter gross, von kräftiger Statur, hat kurze schwarze Haare, ein leichtes Doppelkinn, braune Augen und spricht Arabisch und Italienisch. In ihrem Fahndungsaufruf mahnt die Polizei zur Vorsicht: «Der Gesuchte ist äusserst gewaltbereit!» 

Die Vermutung, dass Sebti mit der Bahn oder per Autostopp nach Italien geflüchtet ist, erweist sich später als falsch: Einen Tag später wird der Algerier von der Polizei in Karlsruhe wegen Ladendiebstählen verhaftet. Da die deutsche Polizei noch nichts über die Bluttat in Erstfeld und die Fahndung weiss, lässt sie ihn wieder laufen. Seither fehlt von Sebti jede Spur. (eca) 

Hinweis
*Namen der Redaktion bekannt.