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TRACHTEN: «Tradition wird immer noch geschätzt»

Die kantonale Trachtenvereinigung von Uri feiert am kommenden Wochenende in Spiringen das 75-Jahr-Jubiläum. Präsidentin Martha Zwyssig spricht im Interview über Kleider, Traditionen, Nachwuchs und Wünsche für die Zukunft.
Florian Arnold
Präsidentin Martha Zwyssig: «Wenn man nicht mit der Zeit geht, findet man keine neuen Mitglieder mehr.» (Bild: Hans Zgraggen (Erstfeld, 1. Oktober 2016))

Präsidentin Martha Zwyssig: «Wenn man nicht mit der Zeit geht, findet man keine neuen Mitglieder mehr.» (Bild: Hans Zgraggen (Erstfeld, 1. Oktober 2016))

Interview: Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Am kommenden Wochenende feiert die kantonale Trachtenvereinigung Uri ihr 75-jähriges Bestehen. Die Seelisbergerin Martha Zwyssig ist seit zehn Jahren Präsidentin.

Martha Zwyssig, Sie stehen einer Vereinigung vor, die ein Kleidungsstück verehrt. Etwas ungewöhnlich, nicht?

Es geht bei uns nicht nur um die Tracht als Kleidungsstück. Bei uns werden Tradition und Brauchtum hochgehalten, die aus einer Zeitepoche stammen, wo man Trachten trug. Unser Name grenzt uns ab von Turn- oder Jassvereinen. Neben dem Singen wird bei uns getanzt und Theater gespielt. Diese Aktivitäten stehen im Vordergrund.

Das passende Gewand dazu spielt aber eine wichtige Rolle.

Der Grundgedanke der Vereinigung ist natürlich, dass man das Trachtenkleid traditionsbewusst weiterträgt. Man hält nach Originalstoffen Ausschau, obwohl man sicher zwischendurch Kompromisse eingehen muss.

Nähen Sie Ihre Tracht selber?

Ja. Ich bin zwar nicht Schneiderin. Meine Mutter aber hat mir weitergegeben, wie man Trachten näht. Beide Elternteile von mir waren in der Trachtengruppe und sogar Ehrenmitglieder. Und auch meine Kinder waren und sind zum Teil noch dabei. Mittlerweile haben meine Grosskinder Freude daran bekommen, das Trachtenkleid anzuziehen.

Die Trachtenleute setzen auf Tradition. Gibt es da überhaupt Platz für Neues?

Es gibt einen gewissen Spielraum, den man ausnutzt. Es hätte ja keinen Reiz, wenn man immer nur die zehn gleichen Tänze aufführen würde, die von früher überliefert wurden. Ich habe schon Tänze geschrieben, die weniger traditionell sind. Statt im Kreis, tanzt man sie auf der Linie. An den verschiedenen Trachtenabenden sieht man immer wieder etwas Frisches. Es kommt auch vor, dass man die Tracht gegen modernere Kleidung tauscht und einmal zu Rockmusik tanzt.

Wieso nicht in der Tracht?

Das wäre weniger erwünscht und würde nicht passen. Es gibt immer jene, die am Alten festhalten wollen. Und dann gibt es die anderen, die versuchen, auch jüngere Menschen anzusprechen.

Dann gibt es Spannungen innerhalb der Vereinigung?

Wo gibt es die nicht? Mir ist es wichtig, dass man offen miteinander redet. Ein Heimatabend vor 25 Jahren hat anders ausgesehen als ein heutiger. Wenn man nicht mit der Zeit geht, findet man keine neuen Mitglieder mehr.

Sind die Trachtengruppen denn am Aussterben?

In der allgemeinen Tendenz sind die Mitgliederzahlen zwar sinkend. Aber vor allem in Flüelen und Spiringen sind sehr viele junge Leute dabei. Und in Andermatt haben sich etwas mehr als zehn junge Leute entschieden, die Trachtengruppe wieder zu aktivieren, die 20 Jahre lang praktisch auf Eis gelegt war.

Was hat diese jungen Leute überzeugt, in der Trachtengruppe mitzumachen?

Das haben wir sie auch gefragt. Es sei einfach gemütlich, es gebe keine Schlägereien und Radau wie andernorts. Inspirieren lassen haben sie sich am Schwingfest und an der Älp­lerchilbi. Die Gelassenheit hat sie überzeugt.

Was hat Sie vor fast 40 Jahren zu den «Trachtälyt vo Seelisbärg» gebracht?

Damals war es eine der wenigen Möglichkeiten, aus dem Dorf herauszukommen. Wenn man in einem Verein war, hatte man die Erlaubnis dazu von zu Hause. Das ist heute kein Argument mehr. Die Jungen können jederzeit in den Ausgang und brauchen dazu keine Trachtengruppe mehr.

Die Trachten siedelt man vor allem in bäuerlichen Kreisen an. Muss man Landwirt sein, um mitmachen zu können?

Ich bin zwar selber Landwirtin. Aber der Beruf spielt bei uns keine Rolle. In der Landwirtschaft ist man vielleicht eher mit dem Boden verbunden, auf dem man lebt und den man bewirtschaftet. Daher ist man vielleicht auch traditionsbewusster. Entstanden ist die Trachtenvereinigung aber in anderen Kreisen.

Wie kam es dazu?

Der Gründer der Vereinigung war ein Arzt und Regierungsrat, der auch gehobene Schichten wie etwa Geschäftsleute zum Brauchtum animierte. Zuerst stand vor allem der Gesang im Zentrum. Später wurde auch das Tanzen immer wichtiger. Die Tracht hat ein Gefühl von Heimat vermittelt. Man erkennt an den einzelnen Trachten, von wo man kommt.

Auch innerhalb des Kantons gibt es Unterschiede.

Ja. Es gibt viele regionale Eigenheiten. Die Bürgler tragen bei Auftritten die Schächentaler Werktagstracht. In den Seegemeinden tragen die Männer rote Socken, die Flüeler Frauen haben rote Schürzen und rote Tücher. Die Andermatter tragen Grün. Wir in Seelisberg schreiben keine Farbe vor.

Versucht man sich damit nicht abzugrenzen?

Nein. Die Tracht ist eher ein Türöffner. Wenn man im Zug mit der Tracht unterwegs ist, wird man schon etwas schräg angeschaut, aber meistens entstehen gute Gespräche.

Gab es auch schon negative Reaktionen?

An einem Seefest haben uns einmal ein paar Jugendliche richtig ausgelacht und mit dem Finger auf uns gezeigt. Am Anfang hat mich das gestört, dann habe ich aber gemerkt, dass die Jugendlichen wohl selber gerne etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten als wir mit unserer Tracht.

Sie und viele andere stehen zur Tracht. Deshalb können Sie nun am Wochenende ein Jubiläum feiern. Worauf freuen Sie sich?

Wir haben drei Jahre lang auf das Fest hingearbeitet. Am meisten freue ich mich auf die Fahnenweihe. Nur fünf Personen wissen, wie die neue Fahne aussieht. Wir haben so lange daran gearbeitet, bis alle von uns dahinterstehen konnten. Jetzt bin ich gespannt, wie die Trachtenleute darauf reagieren.

Was glauben Sie: Wird es die Trachtenvereinigung zum 100-Jahr-Jubiläum in 25 Jahren noch geben?

Ich hoffe es. Es gibt immer noch Leute, die Tradition schätzen, und das wird auch in Zukunft so sein. Aufstrebende Gruppen wie jene in Andermatt sind meine grosse Hoffnung. Mein Wunsch ist es, dass untereinander weiterhin gut zusammengearbeitet wird, die Kameradschaft und Freundschaft gepflegt werden und dass man kollegial miteinander umgeht. So wird die Trachtenvereinigung auch weiterhin Bestand haben.

Zur Person

Martha Zwyssig ist 55-jährig, arbeitet als Bio-Landwirtin in Seelisberg, ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und hat sechs Grosskinder. 1980 trat sie den «Trachtälyt vo Seelisberg» bei, wo sie lange aktiv tanzte und heute die Tanzleitung innehat. Vor zehn Jahren übernahm sie das Präsidium der Kantonalen Trachtenvereinigung Uri. (zf)

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