ÜBUNG: So will Uri seine Kulturgüter schützen

Die Feuerwehr und der Kulturgüterschutz arbeiten künftig verstärkt zusammen. Die Einsatzleute sollen genau wissen, wo welche Schätze lagern, und wie man sie rettet.

Anian Heierli
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Feuerwehrmänner retten Bilder vor den Flammen, sie suchen im Schloss A Pro wertvolle Kulturgüter. KGS-Soldaten stellen verschmutzte Bücher (von oben im Uhrzeigersinn) wieder her. Bilder Urs Hanhart

Feuerwehrmänner retten Bilder vor den Flammen, sie suchen im Schloss A Pro wertvolle Kulturgüter. KGS-Soldaten stellen verschmutzte Bücher (von oben im Uhrzeigersinn) wieder her. Bilder Urs Hanhart

Blaulicht erhellt die Nacht. Ein Feuerwehrwagen rast zum Schloss A Pro. Das Seedorfer Schloss steht in Flammen. Noch befindet sich eine Hochzeitgesellschaft im Gebäude. 15 Minuten nach dem Alarm dringen die ersten Feuerwehrleute mit Atemschutz ins Schloss vor. Rasch sind sämtliche Hochzeitsgäste gerettet. Doch das Feuer muss gelöscht werden. Gleichzeitig tragen Feuerwehrmänner Bilder, Truhen und Bücher ins Freie. Über Funk richten sie sich nach den Informationen des Kulturgüterschutzes (KGS), der nun auch am Unglücksort eingetroffen ist.

Ein Gespür entwickeln

Das Unglücksszenario am Donnerstagabend war glücklicherweise nur eine Übung. Die Feuerwehr Seedorf probte gemeinsam mit Vertretern des Kulturgüterschutzes den Ernstfall. Die Einsatzkräfte mussten das brennende Schloss löschen, die Umgebung sichern und letztlich antike Wertgegenstände bergen. Vor dem Schloss A Pro betreibt der KGS ein Notdepot für die geborgenen Objekte. Dort erfolgt eine Bestandesaufnahme. Jedes geborgene Gut wird fotografiert. Anschliessend verpacken die KGS-Soldaten die alten Schätze in Plastikfolien und Kisten und bereiten sie für den Abtransport vor. «Eine Übung, bei der die Feuerwehr Hand in Hand mit dem KGS genaue Richtlinien befolgt, gibt es im Kanton Uri zum ersten Mal», sagt Urs Mock, Kreiskommandant und kantonaler Leiter der Abteilung Notorganisation. «Es ist wichtig, dass die Feuerwehr ein Gespür für Kulturgüter und die Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten entwickelt.»

KGS fristet ein Schattendasein

An den Grundlagen dieser Zusammenarbeit arbeiten die Urner Behörden bereits seit 2003. Dennoch fristet der Kulturgüterschutz ein Schattendasein. In der Öffentlichkeit wird er kaum wahrgenommen, obwohl ihm eine wichtige Rolle zukommt. So rücken die KGS-Soldaten immer dann aus, wenn schützenswerte Bauten, Objekte oder sogar Naturlandschaften in Gefahr sind.

Derzeit verfügt der Kanton Uri über neun KGS-Soldaten, die in regelmässigen Wiederholungskursen für den Ernstfall üben. Diese Einsatztruppe ist dem Zivilschutz angegliedert. «Wir brauchen sie», sagt Mock. In der Region gebe es unzählige schützenswerte Objekte, die immer einem gewissen Risiko ausgesetzt seien. Im Kanton Uri sind vor allem Brände, Hochwasser und Murgänge mögliche Notfallszenarien. Auch wegen dieser für Übungen günstigen Ausgangslage haben diese Woche zwölf Personen aus der ganzen Schweiz in Altdorf und Seedorf einen KGS-Kaderkurs absolviert.

Erstes Fazit fällt positiv aus

Der inszenierte Schlossbrand war nur eine von mehreren Übungen im Rahmen der Ausbildung. Die Kursteilnehmer können künftig Einsätze in ihren Kantonen leiten. Vor Ort war zudem der Chef des Schweizer Kulturgüterschutzes, Rino Büchel. Sein Fazit fällt positiv aus: «Die Kommunikation mit der Feuerwehr hat bestens funktioniert, obwohl die alarmierten Feuerwehrleute keine Ahnung hatten, dass der Kulturgüterschutz auf dem Platz ist.» Auch der Schattdorfer Lukas Meili hat die KGS-Kaderausbildung absolviert. Nun trägt der 28-Jährige den Titel Chef-Kulturgüterschutz und wird künftig die Urner Einsatzkräfte koordinieren: «Unser Vorgehen unterscheidet sich je nach Objekt und Unglücksart», sagt er. Dabei arbeiten die KGS-Soldaten zusammen mit der Feuerwehr, der Denkmalpflege oder je nach Situation mit weiteren Experten und Einsatzkräften.

Bei Bränden hat die Feuerwehr das Sagen. Erst wenn Personen und Tiere evakuiert sind und die Unglücksstelle als sicher gilt, kommt der KGS zum Zug. «Vorerst sichert die Feuerwehr das Material. Anschliessend wird es von uns sorgfältig eingepackt und für den Transport fertig gemacht», erklärt Meili. Das klingt einfacher, als es effektiv ist. So müssen die KGS-Soldaten wissen, was für Wertgegenstände überhaupt vorhanden sind, wo sich diese befinden und welche absolute Priorität haben.

Langjährige Vorbereitung

Diese Vorbereitung braucht Zeit. Die Urner KGS-Soldaten erstellten für die Gemeinde Seedorf gemeinsam mit dem Möbelschreiner und Restaurator Thomas Anklin und der Urner Denkmalpflege in den vergangenen Jahren ein umfassendes Inventar. Tagelang dokumentierten sie die Schätze im Schloss A Pro, im Pfarrhaus und im Kloster St. Lazarus. Insgesamt sind es mehrere hundert Kulturgüter. Danach erarbeiteten sie Einsatzpläne für die wertvollsten Objekte. Auf den Plänen ist exakt die Lage der kostbaren Güter im Gebäude und der Weg dahin beschrieben. «Diese Pläne helfen den Feuerwehrmännern, zum Beispiel um Brandschutzdecken über die wertvollen Objekte zu werfen oder sie zu bergen», so Meili.

Einsatznetz wird ausgeweitet

Bei Hochwasser sehen die Einsätze des Kulturgüterschutzes anders aus. Unter Umständen kann sogar vorbeugend gearbeitet werden. Frühzeitig werden Keller und Erdgeschosse mit Schutzbauten und Sandsäcken abgedichtet. «In Seedorf wurden auch Einsatzpläne für Überschwemmungsszenarien erstellt. Unglücke wie das Hochwasser 1987 haben gezeigt, dass dafür Bedarf besteht. Nun wollen die Urner Behörden in den kommenden Jahren auch in anderen Gemeinden Kulturgüter inventarisieren und Einsatzpläne machen.

Diese Arbeit gefällt Lukas Meili. Als Geschichtsstudent im Master hat er persönliches Interesse daran. «Beim KGS erhalte ich Einblicke in Archive, die sonst keiner sieht. Davon wollen wir im Ernstfall möglichst viel retten.» Vor allem die Arbeit im Kloster St. Lazarus hat ihn gepackt. Die Arten der Kulturgüter seien schier grenzenlos. Historische Bücher, Fresken aber auch alte Türen, Fenster oder Holzrahmen gehören dazu. Seedorf verfügt auch über ein Depot, in dem bereits Kulturgüter gelagert werden. Dort kontrolliert Restaurator Thomas Anklin regelmässig die Temperatur und Luftfeuchtigkeit.