«Ürner Asichtä»: Die «Bubble» platzen lassen

Der Politologe Tobias Arnold pendelt täglich 45 Minuten an seien Arbeitsplatz in Luzern. In seiner Kolumne erklärt er, warum dies seinen Horizont erweitern kann.

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Tobias Arnold

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Zweimal täglich eine 45-minütige Car-Fahrt, die meine zwei Welten verbindet. Was meine ich damit? Die nüchterne Antwort: 45Minuten dauert mein Arbeitsweg von Altdorf nach Luzern; Car-Fahrt bezieht sich auf den Tellbus; und zwei Welten, weil die Fahrt meine Privatwelt (Familie und Freunde in Uri) mit meiner Arbeitswelt (als sogenannter Politologe in Luzern) verbindet.

Nun aber zur etwas ausführlicheren, tiefgründigen Antwort. Die erwähnte 45-minütige Car-Fahrt führt mich dem wunderschönen Vierwaldstättersee entlang vom ländlichen Kanton Uri ins urbane Zentrum der Zentralschweiz und damit in gewisser Weise auch von der einen in die andere Denk- und Lebenswelt. Oder um es politisch auszudrücken: Um 7.05Uhr starte ich meinen Arbeitsweg im Kanton Uri. Ein Kanton, der an Abstimmungssonntagen regelmässig zusammen mit den restlichen ländlichen Regionen der Zentralschweiz sowie Teilen der Ostschweiz und dem Tessin den konservativen Pol besetzt. Um 7.45Uhr komme ich in der Stadt Luzern an. Sicher nicht ganz gleichzusetzen mit Zürich, aber bezüglich Lebensstil und politischem Profil doch mit den Begriffen «progressiv», «urban» oder «links» zu beschreiben.

Es sind diese politischen Unterschiede, die mich schon immer fasziniert haben. Als Politologe bin ich der festen Überzeugung, dass man Politik nicht in «richtig» oder «falsch» einteilen kann. Politik ist eine Frage der Perspektive, der eigenen Lebenswelt, die uns in unserem politischen Denken so stark prägt und uns bisweilen auch andere Lebenswelten schlechter verstehen lässt. Da ist dann zum Beispiel auf der einen Seite der Bergbauer, der im Wolf eine Gefahr für seine wirtschaftliche Existenz sieht. Von Leuten ausserhalb seiner Lebenswelt kriegt er vielleicht zu hören, der Abschuss dieses Tiers sei ein unverhältnismässiger Eingriff in die Natur. Das Gegenbeispiel könnte eine junge Mutter in der Stadt sein. Mit einem guten Bildungsabschluss im Rücken verfolgt sie auch weiterhin berufliche Ziele und möchte auch in Zukunft mehr als 40 Prozent arbeiten. Sie dürfte auch schon mal die Kritik gehört haben, sie stelle damit ihre Karriere vor das Wohl ihrer Kinder.

Ich glaube, was ich hier «Lebenswelt» nenne, wird heute oft auch mit dem Begriff «Bubble» gleichgesetzt; auf Deutsch «Blase», innerhalb derer wir uns bewegen und die uns manchmal immun gegen andere Sichtweisen und Argumente macht. Ich selber bin genauso wenig gefeit vor meiner «Bubble» wie andere. Ich empfinde es daher als grosse Bereicherung, dass ich als Pendler zwischen Uri und Luzern mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Meinungen in Kontakt komme.

Wieso nicht in der Weihnachtszeit mal ganz bewusst die Begegnung mit den «anderen» suchen? Dafür muss es nicht mal zwingend die Fahrt mit dem Tellbus in die Stadt sein. Sehr wahrscheinlich reicht schon die Postauto-Fahrt des Altdorfers ins Schächental (oder umgekehrt), um seine eigene «Bubble» platzen zu lassen.

Tobias Arnold, Politologe