Ürner Asichtä

Die Klassiker im Kinderzimmer

Kolumnist Ralph Aschwanden stellt fest, dass seine Kinder die gleichen Spiele lieben, wie der Vater.

Ralph Aschwanden
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Ralph Aschwanden.

Ralph Aschwanden.

Bild: PD

«Warum tue ich mir das an?» lautete vor rund einem Jahr meine rhetorische Frage an dieser Stelle. Ich schrieb damals über die Hürden, die man als Vater überwinden muss, um den eigenen Nachwuchs zum Skifahren zu bewegen. Die Kolumne drehte sich um volle Kofferräume, unzählige Skiutensilien und die schwankende Begeisterungs(un-)fähigkeit junger Mädchen und Buben fürs Skifahren.

Nun denn, das Jahr 2020 hat uns alle gelehrt, dass solche Dinge als «Vor-Coronaprobleme» zu bezeichnen sind. Und so hat das Skifahren unsere Familie in den vergangenen Wochen weniger beschäftigt. Exponentiell zugenommen hat für uns vor allem eines: die gemeinsame Zeit, die wir in oder um die eigenen vier Wände verbringen. Statt von Termin zu Termin zu hetzen, beschäftigten wir uns des Öfteren zu Hause. Es war für mich dabei beruhigend zu sehen, dass die «Klassiker» aus meiner Kindheit bei meinem Nachwuchs noch immer einen hohen Wert haben. So steht derzeit das «Kügelibahn­Bauen» hoch im Kurs, auch wenn es auf Neudeutsch nun «Gravitrax» heisst. Das Grundprinzip dabei ist aber dasselbe: Eine Kugel soll durch eine möglichst komplexe Bahn von A nach B rollen. Ebenfalls ungebrochen ist die Lust an den Legosteinen. Während ich früher einen Bahnhof gebaut habe, bauen meine Kinder zwar irgendwas aus «Star Wars». Aber auch hier ist das Prinzip das Gleiche geblieben – immer schön ein Legoteil nach dem anderen zusammenfügen.

Der Klassiker schlechthin sind aber Geschichten. Kaum etwas empfinde ich als schöner, als meinen Kindern vorzulesen oder eine Geschichte zu erzählen. Es geht dabei nicht in erster Linie um die Geschichte an sich, wobei es auch da gewisse Favoriten gibt – zum Beispiel das «Rösslein Hü» oder die «Heule Eule». Es geht vielmehr um die Momente der Ruhe, der Gemeinsamkeit und der Geborgenheit, welche das Vorlesen mit sich bringen. In einer Welt, in der Kinder und Erwachsene durch Bildschirme, Games und Social Media mit Reizen überflutet werden, empfinde ich den gemächlichen Rhythmus des Vorlesens als sehr beruhigend. Und das Zuhören fordert die Fantasie der Kinder heraus. Sie kreieren ihre eigenen Bilder, ihre eigenen Welten.

Die Königsdisziplin im Kinderzimmer ist indes das «Geschichten erfinden». Besonders beliebt bei meinen Kindern ist etwas, das ich mir von meinem Englischlehrer aus dem Gymnasium ausgeliehen habe. Dieser gab uns für Aufsätze fünf Wörter vor, mithilfe derer wir eine Geschichte erfinden mussten. Gleiches dürfen nun meine Kinder: Drei bis fünf Wörter aussuchen, die ich dann in einer Geschichte verwenden muss. Ich kann ihnen versichern, da entstehen die schrägsten Welten und Geschichten mit unglaublichen Wendungen. Meine Kinder jedenfalls lieben es. Und ich ehrlich gesagt auch. Und so habe ich mir rechtzeitig zum Beginn eines hoffentlich besseren Jahres als 2020 nur einen Vorsatz vorgenommen: Mehr von dem machen, was wirklich zählt – wie beispielsweise schräge Geschichten für meine Kinder erfinden.