Kolumne

«Ürner Asichtä»: Die Stille hat viele Gesichter

Maria Schilter stellt sich in ihrer Kolumne die Frage was Stille bedeutet - insbesondere für Gehörlose. 

Maria Schilter
Hören
Drucken
Teilen
Maria Schilter

Maria Schilter

Bild: PD

Willkommen auf meiner Reise durch den Advent – schön, Sie für einen Augenblick dabei zu haben.

Stellen Sie sich vor, wir sässen in einem Zug, der durch einen dunklen Tunnel rast. Der Abfahrtsbahnhof war «Januar», der Zielort ist «Dezember». Im Dunkeln gleiten die Tunnelwände an den Fensterscheiben vorbei. Nur die vereinzelten Notausgänge sind zu erkennen. Plötzlich wird es heller, ein untrügliches Zeichen, dass wir uns dem Ausgang nähern. Heller und heller wird es, und plötzlich ist alles um uns herum warm erleuchtet, wie das abendliche Lichtermeer von Weihnachtsdekorationen: willkommen im «Dezember», willkommen im Advent!

Die Adventszeit verbinde ich seit jeher mit Stille, Ruhe, Frieden und Licht, gekoppelt mit einem Blick zurück auf die vergangenen elf Monate und mit dem Blick vorwärts aufs Jahresende.

Mit der Stille, wie und wo immer sie sich zeigt, habe ich mich diesmal schon während des ganzen Jahres auseinandergesetzt. Ausschlaggebend war mein Eintauchen in die Welt der Gehörlosen… Mir wurde bewusst, dass sich Stille für jeden Menschen unterschiedlich anfühlen kann. Die tiefen Temperaturen, Nebel und Schnee und das frühe Einnachten tragen das ihrige dazu bei, um die einen in Angst oder Hektik, die anderen in Ruhe und Besinnlichkeit verfallen zu lassen. Ich liebe sie, die Stille, und ich fühle mich in ihr gut aufgehoben; sie trägt mich wie eine sanfte Welle dem Jahresende entgegen. Sie regt mich zum Denken an, weshalb ich mich zum Beispiel frage, ob die Stille immer und für alle Menschen still ist? Für uns Hörende ist es im Aussen still, wenn wir keine Töne mehr wahrnehmen. Aber wie ist das für gehörlose Menschen, die die Geräusche im Aussen gar nie hören?

Wenn wir, die Hörenden und die Nichthörenden, die Stille um uns herum wahrnehmen, ist es dann auch in uns drinnen ruhig? Schalten das Gedankenkarussel oder der Tinnitus dann automatisch auf stumm? Wo ist sie, die Stille? In uns oder ausserhalb? Bedeutet Stille, dass keine Töne erklingen? Wenn alles ruhig ist, keine Musik, keine Worte zu hören sind? Wie ist es bei den Gehörlosen, die mit Hilfe der Gebärdensprache kommunizieren? Sie dient der «tonlosen» Kommunikation, aber jede Art von Kommunizieren unterbricht ja gewissermassen die Stille.

Machen wir doch ein Experiment: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit geschlossenen Augen in einem Raum. Alles ist ruhig und Sie nehmen sich vor, diese Stille total zu geniessen. Wie geht es Ihnen dabei? Bei mir passiert dabei Folgendes: Je ruhiger und dunkler es um mich herum wird, desto bewusster, farbiger und lauter präsentiert sich mein Innenleben in Form von Gedanken, Bildern, Gefühlen und Tönen. Von Stille kann da eigentlich keine Rede mehr sein. Wie fühlt sich Stille wirklich an? Friedlich, beruhigend, wohltuend und besänftigend oder eher belebend, aufregend oder gar beängstigend? Mir scheint, dass die Stille ein Zustand ist, der sich dem momentanen Befinden eines Menschen individuell anpasst. Jeder erlebt sie anders. Ich wünsche Ihnen viele stille, harmonische und wohltuend besinnliche Adventsmomente!

Maria Schilter, Sprachlehrerin