Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kolumne

«Ürner Asichtä»: Ein Kulturschock im eigenen Land

Sprachlehrerin Maria Schilter wollte eine neue Sprache. In ihrer Kolumne berichtet sie, welche neuen Lernmethoden sie dabei anwenden musste.
Maria Schilter

Maria Schilter

Meine Reise in eine andere Welt begann im Februar dieses Jahres. Die Fahrt ab Altdorf mit Destination Luzern dauerte zwar nur 35 Minuten, gewährte mir jedoch einen Einblick in einen Teil unserer Gesellschaft, welcher mir bis anhin verborgen geblieben war.

Dabei begann alles ganz harmlos: Für das neue Jahr hatte ich mir vorgenommen, eine weitere Sprache zu erlernen. Einfach aus Interesse an Neuem und um meine Hirnzellen anzuregen. Ich entschied mich für die deutschschweizerische Gebärdensprache. Dabei hatte ich mir vorgestellt, dass ich diese neue Sprache mit der bisher üblichen Leichtigkeit lernen würde. Aber: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Die erste Stunde des Unterrichts fand mit der gehörlosen Lehrerin und einer Gebärdensprachdolmetscherin statt. Diese bildete eine wertvolle Brücke zwischen der Lehrperson und uns hörenden Schülerinnen (es waren ausschliesslich Frauen anwesend). Sie informierte uns über den Ablauf des gebuchten Kurses. Danach verabschiedete sie sich, und ich fühlte mich so, als hätte mich die Reiseleitung verlassen und ich stünde alleine mitten im Dschungel. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass eine gehörlose Person einer Gruppe von 14 Teilnehmerinnen diese Sprache beibringen könnte.

Schnell dämmerte mir, dass es bei diesem Sprachkurs nicht nur um das Erlernen einer neuen, noch nicht schweizweit offiziell anerkannten Sprache mit eigener Grammatik, sondern auch um das Eintauchen in eine ganz andere Kultur ging – nämlich um diejenige der gehörlosen und hörbehinderten Menschen. Weder privat noch beruflich war ich mit ihnen bisher näher in Kontakt gekommen. Auch hatte ich keine Ahnung, mit welchen täglichen Herausforderungen sie konfrontiert sind. Erschöpft kehrte ich nach dem ersten Kursabend nach Uri zurück, um mich von diesem Kulturschock zu erholen.

Mein bisher ungebrochenes Vertrauen, dass ich eine Fremdsprache mühelos erlernen konnte, geriet gehörig ins Wanken. Jetzt war Schluss mit handschriftlichen Notizen während des Unterrichts, denn die Hände wurden fürs Gebärdenüben gebraucht. Nun ging es plötzlich darum, die Ohren «auszuschalten» und gleichzeitig bewusste Lippenbewegungen zu machen. Mehr denn je zuvor waren nun ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Vorstellungskraft, präzise Beobachtungsgabe und Mut zu Mimik und Gestik gefragt. Es kam mir vor, als fehlte in meinem Hirn ein Programm, das mir den Zugang zu diesem «Lernen mit allen Sinnen» ermöglichte.

Der Elan, die Freude und die Begeisterung unserer Lehrerin, uns nicht nur die Sprache, sondern auch die Hintergründe der Gehörlosenkultur zu vermitteln, berühren mich. Es ist für mich äusserst bereichernd und spannend, diese «Welt» im eigenen Land weiter zu entdecken.

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, Lust auf einen erfrischenden Sprung ins kalte Wasser haben, oder falls Sie sich aufmachen möchten, eine «unbekannte» Kultur in der Schweiz zu erleben, kann ich Ihnen das Erlernen der deutschschweizerischen Gebärdensprache wärmstens empfehlen.

Maria Schilter, Sprachlehrerin und Lebensberaterin

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.