Kolumne

«Ürner Asichtä»: Entweder oder

Der Urner alt Regierungsrat Stefan Fryberg fragt sich, ob die heutige Welt zu gross und kompliziert geworden ist. Wo früher lediglich die Frage «entweder oder» beantwortet werden musste, führt heute der Entscheidungsdruck zu permanentem Stress.

Stefan Fryberg
Drucken
Teilen

Schön, wenn der Lockdown, von dem ich zuvor nicht einmal den Begriff kannte, langsam zu Ende geht. Und dennoch: Haben nicht auch Sie zwischendurch diese Tage als gar nicht so schlimm empfunden, wie Sie sich das anfänglich dachten? Von der Zunahme der häuslichen Gewalt war etwa die Rede. Von wegen. Man holte alte Spiele vom Estrich, kochte zusammen und unternahm, Velo hinter Velo, Touren in der näheren Umgebung.

Stefan Fryberg, alt Regierungsrat und Rentner

Stefan Fryberg, alt Regierungsrat und Rentner

Bild: PD

«Es war fast so wie früher», sagte mir eine Mutter von drei pubertierenden Kindern. «Plötzlich war alles viel einfacher.» Diese Feststellung machte mich stutzig. Ist die heutige Welt für uns zu gross und zu kompliziert geworden? Riesig ist das Feld der Angebote – und ebenso mächtig die dauernde Angst, das Falsche zu wählen.

Entweder oder. So war die Welt bis vor kurzem geordnet. Es gab höchstens zwei. Nicht allerlei. Katholik oder reformiert. Stones oder ABBA. Migros- oder Coop-Kind. Kaffee? Früher trank man ihn schwarz oder mit Milch. Und heute? Vom einfachen Kaffee crème und Espresso über Cappuccino und Macchiato bis zum Kaffee mit Sojamilch sind keine Grenzen gesetzt. Nennen Sie mir eine Beiz, die nur eine Sorte Bier anbietet. Nicht zu reden von den Legionen von Sportschuhen, die in den Gestellen der Sportgeschäfte auf ihre Kundschaft warten.

Dauernd müssen wir uns entscheiden und wählen – was im Grunde genommen nichts anderes als eine zeitfressende Zumutung ist und zu permanentem Stress führt. Kaum hat man nach mühseligem Vergleichen und Abwägen aus Dutzenden Krankenkassen die garantiert Falsche mit der garantiert unvorteilhaftesten Franchise gewählt, ruft zur unmöglichsten Zeit Swisscom oder Sunrise an und nötigt einen zur Wahl eines Abonnements aus sieben Spezialangeboten mit fünf frei kombinierbaren Preisplänen. Ach, wie einfältig-glücklich war doch die Zeit des «Gelben Riesen». Es herrschte trennbare Kargheit in allen Bereichen. Nichts von Zwischentönen, Überlappendem, Halbwahrem. Nichts von grünliberal oder tageweisem Homeoffice. Eben: entweder oder. Und nicht: sowohl als auch.

Ich weiss: Sie werden jetzt ein Loblied auf die Vielseitigkeit anstimmen und sie als Errungenschaft der Moderne preisen. Doch ist sie das? Wer sich dauernd entscheiden muss, kann leicht auch das Falsche wählen. Zweifel und Misstrauen sind nur zwei der vielen Unbehagen, die unsere Gesellschaft prägen. Endlose Diskussionen, Streit und Aufschiebung wichtiger Entscheide drei weitere. Und was macht man dagegen? Man erstellt für alles und jedes eine Expertise. Kein noch so kleines Projekt ohne seitenlanges Konzept mit der Auflistung aller möglichen Eventualitäten. Und selbst die Anstellung einer Hilfskraft in Teilzeit geht nicht mehr ohne Assessment – das im Grunde genommen nichts anderes ist, als die Entscheidung und Verantwortung auf Dritte abzuschieben.

In den letzten Wochen konnten, ja mussten wir oftmals nicht mehr wählen und entscheiden. Vieles war gegeben. Die Kunst bestand darin, das Beste aus dem Wenigen zu machen. Doch: War das so schlecht? Wer weiss, vielleicht haben auch Sie diese Zeit des nicht dauernd Entscheiden-Müssens ein klein wenig genossen.