Ürner Asichtä
Facettenreiches Uri

Die Urner Bevölkerung darf nicht in einen Topf geworfen werden, findet der Politologe Tobias Arnold. Auf einer Reise quer durch den Kanton stellt er dessen politische Eigenheiten vor.

Tobias Arnold
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Politologe Tobias Arnold.

Politologe Tobias Arnold.

Bild: PD

Wir Urnerinnen und Urner werden manchmal etwas gar schnell in einen Topf geworfen: Klein, ländlich und konservativ lautet meist das schnelle Verdikt. Wirklich? Angenommen, «än Uswärtigä» wird vom Reisefieber gepackt und er will den Kanton Uri erkunden. Von der Axenstrasse herkommend durchfährt er den Flüelertunnel und steuert auf Altdorf zu. Er merkt schnell: Der Kantonshauptort passt nicht so recht in das Bild des konservativen Kantons. Der Blick auf Volksabstimmungen bestätigt: Altdorf ist im Vergleich mit allen anderen Zentralschweizer Hauptorten eher auf der linken als auf der rechten politischen Seite zu verorten.

Man nehme als Beispiel die aus dem linken Lager stammende Konzernverantwortungsinitiative. Zwar fiel diese auch in Altdorf mit 49 Prozent Ja-Stimmen knapp durch. Doch von allen Zentralschweizer Hauptorten gab es nur in der Stadt Luzern einen höheren Ja-Anteil.

Nachdem der Reisende beim Kollegi-Kreisel den Wegweisern Richtung Klausenpass folgt, dauert es aber keine Viertelstunde, bis sich das politische Profil merklich verändert. Wenn es an Abstimmungssonntagen um die konservativste Region in der Schweiz geht, leisten sich Spiringen und Unterschächen nicht selten ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Schwyzer Gemeinden wie Unteriberg oder Muotathal.

Beeindruckt davon, wie sich politische Meinungen innert so kurzer Distanz verändern können, kehrt der Reisende um und macht sich auf die Suche nach der Gemeinde Realp. Diese Gemeinde soll angeblich so untypisch abstimmen für eine Berggemeinde. Dort angekommen merkt er: Ein bisschen was ist durchaus geblieben von dem progressiven Dorf am Fuss des Furkapass. Anders kann er sich nicht erklären, dass die Gemeinde zuletzt mit satten 64 Prozent Ja gesagt hat zur «Ehe für alle»; der zweithöchste Ja-Anteil nach Altdorf. Blickt man aber auf die jüngsten Initiativen aus SVP-Kreisen, hat sich das Realper Stimmverhalten doch wieder eher dem eines typischen Bergdorfs angeglichen. Vorbei sind die Zeiten, als Realp noch als einzige Gemeinde im Kanton Uri dem EWR beitreten wollte.

Der Reisende will eigentlich bereits den Kanton via Autobahn wieder verlassen, da erhält er von einem Insider einen Geheimtipp: Isenthal. Zweithöchster Ja-Anteil im Kanton Uri bei der Abstimmung zum Stimmrechtsalter 16 zuletzt sowie bei der Konzernverantwortungsinitiative im Jahr 2020; zweithöchster Nein-Anteil bei der Selbstbestimmungsinitiative der SVP im Jahr 2018. Solche Zahlen sprechen Bände: Isenthal stimmt oft weit progressiver als manche Urner Talgemeinde und hat sich scheinbar zum neuen Realp gemausert.

Voller Eindrücke fährt der Reisende die kurvige Isenthalerstrasse zurück. Als beim Eintritt in den Seelisbergtunnel die wunderschöne Urner Berglandschaft hinter ihm erlischt, denkt er sich in Ruhe: Was für ein eindrucksvoller Kanton, so vielseitig auf so engem Raum. Uri, ländlich und konservativ? Nein, viel eher facettenreich mit einem Schuss progressivem Zukunftsglauben und einer Prise gesunder Skepsis gegenüber den Entwicklungen der Moderne.

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