Kolumne

«Ürner Asichtä»: Fake News

Autor und Journalist Christoph Zurfluh berichtet in seiner Kolumne von einem Besuch der Ausstellung Fake des Stampferhauses in Lenzburg. Er fragt sich, wo die Faktenmanipulation aufhört und die Lüge anfängt. 

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Christoph Zurfluh.

Christoph Zurfluh.

Bei der ersten Frage sitzt er noch ganz entspannt auf seinem elektrischen Stuhl. Bei der zweiten blinzelt er mal kurz prüfend in die Runde. Bei der dritten wird ihm sichtlich unwohl. «Haben Sie Ihren besten Freund jemals angelogen?», heisst sie. Da Matts und ich tatsächlich beste Freunde sind, weiss er natürlich, dass ich seine Antwort persönlich nehmen könnte. «Nein», sagt er deshalb reflexartig. Und der Alarm geht los. Rot leuchtet die Lügenlampe. Tüüt-tüüt-tüüt macht die Sirene. Haha, grinst das Publikum. Erwischt!

Der Lügendetektortest ist Teil der Ausstellung «Fake» im Stapferhaus in Lenzburg, bei der man von Anfang an auf die Probe gestellt wird: Der virtuelle Leiter des «Amts für die ganze Wahrheit» testet das Publikum, indem er ein paar scheinbar harmlose Fragen stellt. «Haben Sie sich schon mal von Werbung verführen lassen?» etwa. Je nachdem muss ich mich nun auf die Seite der Verführten oder auf jene der Coolen stellen, denen Werbung am Arsch vorbeigeht. Es ist ein Spiel. Aber man will ja nicht als Weichei dastehen. Also schummelt man halt ein bisschen. Ist das schon gelogen oder nur ein wenig Faktenmanipulation?

«Fakten lähmen die Geschichte», sagt Joël Dicker, was wohl ganz nach dem Gusto von Donald Trump wäre. Nur ist Joël Dicker nicht Präsident von Amerika, sondern Schweizer Bestsellerautor. Er muss es mit der Wahrheit in seinen Büchern selbst dann nicht so genau nehmen, wenn er, wie in seinem ersten Erfolgsroman, genau damit kokettiert: «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» heisst er. Und wahr daran ist vermutlich – gar nichts.

Muss es auch nicht. Denn ein Roman lebt gewissermassen von der Lügerei seiner Autorin oder seines Autors. Von einem Präsidenten hingegen dürfte man erwarten, dass er die Wahrheit sagt. Trump hingegen, so zeigt die Statistik, verbreitet durchschnittlich achtmal täglich Unwahrheiten. Was er beispielsweise mit seinen Schummel-Tweets anrichtet, zeigt das Stapferhaus in einer eindrücklichen Animation: Sie verbreiten sich weltweit epidemisch. Ob man ihm glaubt oder nicht: Etwas bleibt immer hängen. Und genau das wird auch die Absicht sein dahinter.

Nun ist es aber relativ einfach, mit dem Finger auf den offensichtlichsten aller Lügner zu zeigen. Richtig interessant wird es, wenn man sich selber auf den Radar nimmt. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Wir mogeln uns dauernd über die Runden. Es sind nicht die ganz grossen Lügen, deren Entlarvung zu einem Flächenbrand führen würde. Es sind die kleinen Unwahrheiten. Wir sagen: «Es geht mir gut», wenn wir uns scheisse fühlen, «klar habe ich Lust auf einen Kaffee», wenn wir unsere Ruhe haben möchten oder «gut siehst du aus», wenn sich das Hemd über dem Bauch des Gegenübers gefährlich spannt.

Diese kleinen Lügen gehören zum Alltag. Sie sind für ein harmonisches Zusammenleben sogar unabdingbar. Würden wir immer nur die Wahrheit sagen, wir wären schneller einsam, als Donald Trump den nächsten Fake Tweet in sein Smartphone hämmern kann.

Und doch bin ich immer wieder erstaunt, mit welcher Unverfrorenheit auch Menschen in meinem Umfeld die Unwahrheit sagen. Als wir kürzlich eine grosse Kampagne für ein Unternehmen lancierten, erzählte dessen Geschäftsführer gegenüber den anwesenden Medien lächelnd, das Ganze sei seine Idee gewesen. Selbst der Spielzeug-Lügendetektor im Stapferhaus hätte darauf mit wildem Sirenengeheul reagiert. Und wir hätten ihm – als weitere gute Idee – einen Besuch der Ausstellung empfehlen sollen.