«Ürner Asichtä»: Forever Young

Pensionärin Regula Waldmeier erläutert in ihrer Kolumne die positiven Seiten des Älterwerdens. 

Regula Waldmeier
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Regula Waldmeier

Regula Waldmeier

«Forever Young», so der Titel der Ausstellung, die ich diesen Sommer im Berner Generationenhaus besucht habe. Die Ausstellung thematisiert den Lebenslauf. Die Tatsache: Wir altern. Unsere Lebenserwartung hat sich in den letzten 150 Jahren verdoppelt. Beim Eingang zur Ausstellung wird mir mein aktuelles Lebensalter auf die Hand aufgedruckt, 72 Jahre. Am Ende der Ausstellung kann ich mir meine Restlebenszeit berechnen lassen. Ich werde 97 Jahre alt werden. Stopp, wie alt möchte ich eigentlich werden, wie möchte ich alt werden, was für Ziele habe ich noch, möchte ich ewig jung bleiben?

Ewige Jugend – ein Traum, so alt wie die Menschheit. Ewig jung bleiben, jung aussehen bis ins hohe Alter, will ich ganz bestimmt nicht. An mir wird die Anti-Aging-Industrie nicht viel verdienen. Ich wünsche mir Pro-Aging-Produkte, Produkte, die den alten Menschen guttun. Ich finde einen schönen alten Menschen attraktiver als "einen alten, der auf jung macht. Ich möchte mich für andere Menschen und das Weltgeschehen interessieren können, Ziele und Pflichten haben. Meine Muskelkraft, meine Ausdauer, meine Schnelligkeit werden abnehmen. Ich hoffe, dass im Gegenzug dazu meine Toleranz anderen und mir gegenüber, auch meine Lebenszufriedenheit zunehmen werden.

Meine ehemaligen Luzerner Arbeitskolleginnen weilen in Uri zu Besuch. Das neu renovierte Tell-Museum begeistert sie und ich bin stolz, im Bijou Uri leben zu dürfen. Eine dieser Kolleginnen bekam vor kurzem ein neues Kniegelenk eingesetzt. Sie geht gegen die achtzig und befürchtet, keine Höhenwanderungen und Skitouren mehr unternehmen zu können. Es fällt ihr schwer, sich an diese Vorstellung zu gewöhnen. Ja, sinniert eine von uns: «Älterwerden heisst oft Abschiednehmen von Liebgewonnenem, das ist nicht immer leicht». Die Älteste von uns mit ihren 84 geht schlecht, klagt nie, sie meldet sich zu Wort: «Also jetzt hört mir einmal zu», (sie fängt ihre Voten meistens so an, und wir hören ihr dann tatsächlich zu): «Ich finde nicht, dass dieses Abschiednehmen schwer ist. Seit ich langsamer gehen muss, sehe ich viel mehr. Ich bemerke, wenn mich Leute grüssen, ich sehe viel mehr Schönes, auch in der Natur. Langsamer zu werden, ist eine Bereicherung.»

Sie würde lächeln und sich mit ihren auch «Ü80» Freundinnen liebevoll über mich mokieren. Die Damen sind nämlich überzeugt, dass ich, mit «Ü70», keine Ahnung habe, wenn ich sage, dass es mir genauso geht. Sie finden eh, dass sich enorm viele jüngere Leute zu Altersfragen äussern. Es ist aber wirklich so, auch ich als «Ü70» freue mich, dass ich, weil ich langsamer bin, gelassener und achtsamer werde. Glücklich macht es mich, am morgen im Bett ein Buch zu lesen, mich amüsieren die Vögel auf Nachbars Dach, ich lasse mir Zeit beim Einkaufen, unterhalte mich dabei mit Bekannten, wähle bewusst aus und koche mit Bedacht. Ich engagiere mich freiwillig da, wo es für mich Sinn macht und lerne Nein zu sagen. Ein solch gehaltvolles Rentenalter, das gut und gerne 30Jahre dauern könnte, ist in der Schweiz möglich, wir sind hier enorm privilegiert.

Unsere schönsten Tage sind die noch nicht erlebten. Und das schönste Wort, das ich dir sagen möchte, ist das noch nicht gesagte (aus einem türkischen Gedicht).