Kolumne

«Ürner Asichtä»: Im Schwebezustand

Als Ralph Aschwanden Vater wurde, hat sich sein gewohnter Alltag von einem Tag auf den anderen in vielerlei Hinsicht geändert. Parallelen zu damals erkennt der Vorsteher im Amt für Kultur und Sport auch zur heutigen Zeit rund um die Coronakrise.

Ralph Aschwanden
Drucken
Teilen
Ralph Aschwanden, Vorsteher Amt für Kultur und Sport.

Ralph Aschwanden, Vorsteher Amt für Kultur und Sport.

Bild: PD

Ich kann mich gut an meine ersten Tage als frischgebackener Vater erinnern. Alles war neu. Ein kleines Kind schaffte es, dass sich die ganze Welt für mich anders anfühlte. Was vorher wichtig erschien, rückte in den Hintergrund. Und Fragen, die man sich vorher nicht im Traum gestellt hatte, waren plötzlich zentral im Alltag. Die Prioritäten im Leben meiner Frau und mir wurden bei der Geburt unseres Kindes innert Minuten komplett verschoben. Diese «Neuorientierung» forderte uns als Eltern heraus, kostete uns Kraft und Energie. Alles schien irgendwie in einem Schwebezustand, in steter Veränderung begriffen. Meine Eltern lächelten jeweils leicht wissend (und leicht verschmitzt), wenn ich mit Schlafmangel bei ihnen auftauchte. «Das chunnt scho guät. Das hemmer alles ai gha», so ihr Kommentar.

Seit März dieses Jahres fühle ich mich ab und zu wieder an diese ersten Monate als Vater erinnert. Die Massnahmen, welche die Eindämmung eines kleinen Virus mit sich bringen, haben uns innert weniger Tage aus dem scheinbar sicheren Alltagstrott gerissen und die Welt – zumindest temporär – neu geordnet. Planungssicherheit für Anlässe und Veranstaltungen gibt es keine mehr. Kulturelle, sportliche und gesellschaftliche Anlässe müssen reihenweise umgeplant, verschoben, in reduzierter Form durchgeführt oder ganz abgesagt werden. Schlagzeug spiele ich im Verein (wenn überhaupt) dann nur noch mit Mund-Nasen-Maske. Händeschütteln und Umarmungen sind einem ungewohnt geworden. «Bleib gesund» ist das neue «Herzliche Grüsse» unter den E-Mail-Nachrichten. Kurzum: Die Prioritäten im Leben sind verschoben.

In den letzten Monaten befinden wir uns damit alle in einem Schwebezustand. Immer wieder gilt es, sich auf veränderte Situationen einzustellen, Enttäuschungen über Absagen und Verschiebungen wegzustecken, negative Nachrichten und Botschaften auszublenden. Das fordert uns alle heraus, braucht Kraft und Energie. Dass Personen in dieser Zeit sehr emotional reagieren, ist verständlich. Gerade in den sozialen Medien ist die hohe Emotionalität der Debatten zu spüren. Die Angst vor einer Ansteckung, die Sorge um den eigenen Job, der Frust über unsere Machtlosigkeit gegenüber der Entwicklung, das vermeintliche «Besser-Wissen» der «richtigen» Massnahmen und das schiere Tempo der Veränderungen sind allgegenwärtig.

In den ersten Monaten als Vater erlebte ich als Kompensation für die strenge Zeit auch viel Schönes: das erste Lächeln, das erste sprachähnliche Gurgeln und Glucksen oder nur schon dem eigenen Nachwuchs beim Schlafen zuzuschauen. Positive Momente sind aktuell leider hingegen nicht so offensichtlich: In meinem nächsten privaten und beruflichen Umfeld sehe ich Beispiele von Jobverlust, Existenzängsten und Besorgnis um die Gesundheit. Was für uns jetzt gefragt ist: Ruhe, Besonnenheit, gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Und vielleicht für jeden und jede von uns eine Person, die einem versichert: «Das chunnt scho guät.»

Ralph Aschwanden, Vorsteher Amt für Kultur und Sport