Ürner Asichtä
So geht das

Kolumnistin Melanie Schillig blickt auf ihre Familien-Vorsätze und Erziehungsvisionen zurück, während sie die Sand-Suppe ihrer Tochter isst.

Melanie Schillig
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Melanie Schillig.

Melanie Schillig.

Bild: PD

Die tief am Himmel stehende Herbstsonne taucht die Blätter in ihr zartes, sanftes, oranges Licht. Die letzten warmen Strahlen streichen mir übers Gesicht. Ich sitze in unserem Garten. Meine zweijährige Tochter servierte mir soeben stolz eine mit Gras garnierte Sand-Suppe. Feinschmecker eben … Da kann kein Wildteller mithalten.

Ich lasse meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Vor genau zwei Jahren durfte ich meine erste «Ürner Asichtä»-Kolumne veröffentlichen. Sie trug den Titel «9 Monate» und handelte von meiner Schwangerschaft. Vom ersten Schrecken der freudigen Überraschung. Vom Loslassen des Lebens, wie ich es kannte und dem grossen Schritt ins Ungewisse. So viele Ziele und Vorstellungen hatten wir. So viel wurde vorgenommen für die kommende Zeit mit dem kleinen Menschen. Was wir tun und was sicher nicht. Wir sind ja schliesslich gute Vorbilder von Grund auf! Sie lachen? Ja, wir inzwischen auch. All die Visionen erst-schwangerer Paare. Ich kann kaum mitzählen wie viele Vorsätze ich in den letzten zwei Jahren über den Haufen geworfen habe.

Heimlich mogle ich manchmal das Handy an den Frühstückstisch. Nur kurz dieses E-Mail beantworten. Nur schnell schnell. Ein kleiner Trickfilm, um dem widerspenstigen Kind die nassen Haare in aller Ruhe zu föhnen? Aber klar doch. Ein Traubenzucker als Lockstoff, um den Spielplatz tränenfrei zu verlassen? Ja, ja.

Und dann wären all die Vorsätze, welche wir uns als Paar genommen hatten. Mindestens einmal im Monat einen «Ausgang» zu zweit. Ähm, Ausgang? Zu zweit? Gar noch mit Romantik? Musste kurz nachschlagen, wie man das schreibt. So fremd ist mir das Wort geworden. Wir sind ein perfekt funktionierendes Team. Manchmal. Ab und zu. Meistens. Doch bevor ich ins stirnrunzelnde Grübeln über fehlende Romantik kommen kann, streckt mir meine Tochter den zweiten Gang unter die Nase. Ein mit Gras dekoriertes Sand-Törtchen. Mmh, lecker! Ich bestelle just ein Sand-Espresso dazu. Man gönnt sich ja sonst nichts. Hmm, apropos Gönnen. Spontan greife ich zum Telefon. «Hallo Mama, kann ich die Kleine übers Wochenende vorbei bringen? Passt? Super! Danke!»

Bestens! Nächstes Telefonat: «Grüezi, kann ich ein Zimmer für eine Nacht buchen? Ja, mit Wellness und allem Pipapo. Passt? Super! Danke!» Bestens! Ha, so geht das!

Aber jetzt geht es erst mal rein ins Haus auf Räuberjagd mit Silberbüx. Der Stadträuber versteckt sich im Lego-Turm und die Katze frisst gerade die Spaghetti fürs Znacht.

Melanie Schillig, Gastronomin, Tätowiererin und Mutter

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