«Ürner Asichtä»
Solidarität – was immer das heissen mag

Kolumnistin Regula Waldmeier macht sich Gedanken über den Begriff der Solidarität – und seine heutige Bedeutung.

Regula Waldmeier
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Regula Waldmeier, Pensionärin.

Regula Waldmeier, Pensionärin.

Bild: Urner Zeitung

Ich finde es ist wichtig, dass unser Nationalrat Simon Stadler in der Zeitung von der Wintersession im Parlament in Bern berichtet. Schliesslich geht uns das alle an. Sein Schlusssatz regt mich zum Grübeln an: «Doch um die Krise meistern zu können, müssen sich alle in diesem Land solidarisch verhalten.» Solche Äusserungen habe ich auch schon gemacht, aber was heisst eigentlich solidarisch?

Auch der Bergbauer mit Politik im Blut beeindruckt mich mit seiner Passion, seinem gesunden Menschenverstand, seinen nackten Füssen in den «Holzbedä». Für die Realisierung seines Traums, einer Kunsteisbahn, ist er auf die Solidarität von aussen angewiesen. Von aussen? Aha, ich wohne in Flüelen am See. Ob es in Spiringen ein Eisfeld gibt oder nicht, könnte mir eigentlich egal sein. Bin ich also unsolidarisch?

Ich frage Dr. Google um Rat: «Solidarisch: 1. Mit jemandem übereinstimmend und für ihn einstehend, eintretend. 2. Gemeinsam verantwortlich, gegenseitig verpflichtet. ‹Solidarität› kommt aus dem Lateinisch-Französischen und heisst ‹Zusammengehörigkeit›. Es können auch mehrere Personen oder auch Gruppen sein, die sich gegenseitig helfen und unterstützen.»

Der Papst wünscht sich anlässlich seiner Neujahrsansprache ein Jahr brüderlicher Solidarität. Aha, wir Schwestern stehen im Abseits. Ich als Frau bin also nicht gegenseitig verpflichtet. Oder ist Solidarität, übrigens die Solidarität, männlich definiert? Ich denke an all die Freiwilligenarbeit, die noch zum grösseren Teil zum Wohle der Gemeinschaft von Frauen geleistet wird. Mir raucht der Kopf, das ist kompliziert mit der Solidarität.

Im Zusammenhang mit Polen kommt mir Solidarność in den Sinn: 1980 steckt Polen in einer Wirtschaftskrise. Die Lebensbedingungen vieler Bürger werden immer schlechter. Als die Regierung im Sommer auch noch drastische Preissteigerungen für Lebensmittel ankündigt, gehen die Arbeiter auf die Strasse. Nach 14 Tagen Streik in der Werft unterzeichnen Vize-Premier Mieczyslaw Jagielski und Lech Walesa am 31. August 1980 das Danziger Abkommen. Dadurch wird erstmals in einem sozialistischen Land eine unabhängige Gewerkschaft zugelassen. Ein eindrückliches Beispiel für Solidarität gemäss der vorherigen Definition.

Aber wie kann ich Solidarität nun für mich herunterbrechen? In der Krise zeige ich Verständnis für das Gewerbe, die Gastrobetriebe, die Kunstschaffenden, jenen in Kurzarbeit. Sie sollen mit unseren Steuergeldern schnellstmöglich finanzielle Unterstützung zu optimalen Bedingungen bekommen. In der Krise heisst für mich Solidarität Maske tragen, Abstand halten, sich impfen lassen.

Ich gehöre einer Generation an, da wurden wir einfach alle in der Schule geimpft. Die Haut wurde eingeritzt, manchmal kam es zu Infektionen, die Narben an unseren Oberarmen sind noch immer sichtbar. Gegen Kinderlähmung durften wir etwas schlucken und unsere Eltern waren froh, dass wir geschützt waren. Es gab sie noch, die Menschen, die wegen Polio an Armen oder Beinen gelähmt waren. Ich bin überzeugt, dass wir das Virus eindämmen können, wenn sich möglichst viele Menschen weltweit impfen lassen. Auch die Ärmsten, sollen den Impfstoff erhalten. Das ist dann auch wieder Solidarität.

Solidarität ist wie Mitgefühl: Man kann es nicht fordern, aber wir können in der Not zusammenstehen, um etwas zu verändern. Früher nannte man dieses Verhalten Menschlichkeit. Wenn ich in all den aufgeführten Beispielen das Wort Solidarität durch Menschlichkeit und Mitgefühl ersetze – es passt immer.