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«Ürner Asichtä»: Was ist Wohlstand?

Martina Wüthrich macht sich in ihrer Kolumne Gedanken darüber, was Wohlstand bedeutet. Dabei erinnert sie sich an ein Lied von Mani Matter.
Martina Wüthrich
Martina Wüthrich, Co-Leiterin der Kantonsbibliothek Uri

Martina Wüthrich, Co-Leiterin der Kantonsbibliothek Uri

Ich - und die meisten anderen Menschen hier - haben das Glück, an einem Ort zu leben, wo man alles haben kann, was man möchte. Jedes Mal, wenn ich Ferien habe, kann ich mir überlegen, wo es hingehen soll. Jeden Tag habe ich die Möglichkeit, von so vielen verschiedenen Esswaren auswählen, dass ich nie zweimal das gleiche Essen müsste. Ich könnte meinen Kleiderschrank mit billigen, teuren, designten, gebrauchten, umgenähten oder geschenkten Kleidern füllen. Ich könnte mir am Morgen überlegen, ob ich mit dem Velo, dem Bus, dem Auto oder dem Motorrad zur Arbeit möchte. Ich könnte mir ständig ein neues Smartphone kaufen, oder ein Tablet, oder einen Flachbildschirmfernseher mit noch besserer Auflösung. Ich habe die Wahl zwischen Yoga machen, Tanzen, Boxen, Gitarre spielen oder Kiten, ich könnte mir eine Katze, einen Hund oder eine Vogelspinne kaufen. Ich kann mich entscheiden ob ich Vegan esse, laktosefrei, fleischhaltig, im McDonalds in Luzern oder im Lehnhof in Altdorf.

Sind das die Errungenschaften einer wohlhabenden Gesellschaft? Es kommt ein bisschen darauf an, wie man «wohlhabend» definiert. Klar, wir geniessen das. Es kann uns aber auch träge machen, oder gestresst, oder unsicher. Es kann dazu führen, dass wir überfordert sind und nicht zur Ruhe kommen. Vielleicht verpassen wir ja etwas – das Perfekte? Ein hoher aber nicht unbedingt sichtbarer Preis unseres Wohlstandes ist auch, und ich glaube, das wissen die meisten, dass er auf Kosten anderer Menschen geht. Wir nehmen das in Kauf.

Es gibt aber auch andere Aspekte einer wohlhabenden Gesellschaft: Nämlich, dass wir die Zeit und die Ressourcen haben können, uns mit Hintergrundwissen zu versorgen, Informationen zu sammeln, diese zu diskutieren und so Erkenntnisse über unser Leben zu erlangen. Wir haben genug Wohlstand, dass wir uns mit unserer Vergangenheit und unserer Zukunft befassen können, da wir nicht ständig um unsere nächste Mahlzeit besorgt sein müssen.

Ob das, was wir uns über die Gestaltung unserer Zukunft überlegen, letztendlich allen dient oder nur uns selber – das ist unterschiedlich. Sicher ist jedoch: Wir können nicht eine fairere Welt bekommen, ohne selber von unserem Wohlstand zumindest ein bisschen Abschied zu nehmen. Und ich bin ganz klar der Meinung, dass wir dies tun sollten. Meiner Erfahrung nach erleichtern Einschränkungen das Leben – vielleicht nicht gleich im ersten Moment, aber der positive Effekt ist bald spürbar. Ich jedenfalls wähle seit mehreren Jahren nur noch zwischen Ferienzielen, die ohne Flugzeug erreichbar sind. Ob ich sonst mit Velotouren in Mitteleuropa angefangen hätte, wer weiss? Mein Essen mache ich fast vollständig mit saisonalem und regionalen Zutaten. Das hilft den Bauern im Land, dem Klima und mir selber, da ich aufgrund der eingeschränkten Auwahl nicht ewig überlegen muss, was ich kochen soll.

Wie hat schon Mani Matter gesungen: «Denä wo`s guet geit, giengs besser giengs dene besser wos weniger guet geit / was aber nit geit ohni dass denä, weniger guet geit, wos guet geit».

Vielleicht meditieren Sie in Ihrer nächsten Yogalektion mal darüber. Oder diskutieren das am Stammtisch. Das wäre schön.

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