«Ürner Asichtä»: Was würde Wilhelm Tell dazu sagen?

Maria Schilter überlegt sich, wie Tell mit dem Corona-Lockdown umgehen würde.

Maria Schilter
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Maria Schilter.

Maria Schilter.

Bild: PD

Diesen Text schreibe ich am letzten Tag des seit März 2020 andauernden Lockdowns und einen Tag vor der geplanten Lockerung. Immer, wenn ich in den letzten Wochen beim Telldenkmal vorbeigefahren bin, habe ich mich gefragt, wie wohl «unser Tell» die gegenwärtige Situation beurteilen würde.

Auch ihm wird aufgefallen sein, dass die Strassen im Urner Hauptort im Vergleich zum normalen Alltag fast auto- und menschenleer geworden sind. Ob ihm das geschäftige Treiben im Dorfkern oder der Lärm der zahlreichen Verkehrsmittel fehlte? Ob Tell sich an der Ruhe im Dorf erfreute und ob er sich wegen der geschlossenen Türen der Altdorfer Geschäfte sorgte?

Tell hat das Wort «Lockdown» bestimmt nie zu Ohren bekommen. Aber falls er einen solchen doch erlebt hätte: Wäre das für ihn schwieriger gewesen als für uns? Ich stelle mir vor, dass er, der willensstarke, eigenwillige Wilhelm vielleicht Mühe gehabt hätte, sich an die Vorschriften zu halten. Aber was hat der Tell von damals und wir, die heutigen Bewohner der Schweiz in der Coronazeit gemeinsam? Den Kampf! Der Tell kämpfte heldenhaft gegen Gesslers Knechtschaft. Wir kämpfen gegen ein Virus, das uns knechtet und in Angst und Schrecken versetzt (hat). Wie hätte unser Held dieses Virus wohl gebändigt?

Wilhelm Tell, so mein Eindruck, war ursprünglich ein Einzelkämpfer. Aber clever wie er war, verbündete er sich in seiner Not rechtzeitig mit Gleichgesinnten, um der Tyrannei kraftvoll entgegenzutreten. Ganz nach dem Motto: «Gemeinsam sind wir stark.» Wurden wir in letzter Zeit nicht ständig daran erinnert, uns ebenso zu verhalten?

Ich überlege mir, ob Wilhelm Tell Homeoffice gemacht hätte und öfters daheim geblieben wäre. Falls ja, wie wären seine Frau und Kinder wohl mit dieser Situation zurechtgekommen?

Schwierige Zeiten hat es immer gegeben, und die wird es wohl immer geben, solange es die Menschheit gibt. Schwierigkeiten sind bekanntlich da, um sich ihnen zu stellen und daran zu wachsen.

Die einen empfinden eine Herausforderung als eine persönliche Attacke, die anderen vielleicht als eine Gelegenheit, Altes zu überprüfen und Neues entstehen zu lassen. Alte, nicht mehr passende Handlungsweisen werden durch neue ersetzt. Die einen empfinden ungebetene Situationen als Willkür und Zwang und werfen sich in Kampfrüstung, die anderen entdecken Perlen und erfreuen sich an den neuen, noch besser passenden Umständen. Es ist bekanntlich alles immer eine Frage der Sichtweise.

Ich wünsche allen Menschen, dass sie sich durch die gesamte Coronazeit und in der Zeit danach so verhalten, dass sie sich nach «Besiegen des Feindes» erleichtert die persönliche, passende Krone aufsetzen können.

Bleiben Sie gesund und optimistisch und finden Sie Ihre Perlen auch in dieser anspruchsvollen Zeit.