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Kolumne

«Ürner Asichtä»: «Wo man singet, lass dich ruhig nieder»

Ralph Aschwanden, Kulturbeauftragter Kanton Uri, berichtet in seiner Kolumne von der Singfreude der Urner. Dabei verrät er auch, wann man ihn auch singen hören kann.
Ralph Aschwanden
Ralph Aschwanden, Kulturbeauftragter Kanton Uri

Ralph Aschwanden, Kulturbeauftragter Kanton Uri

«Die sechs traurigsten Kinotrailer», «Die 100 besten Katzenvideos», «Die fünf besten Momente des Bachelor 2019»: Menschen lieben Ranglisten. Vielleicht ist es unser Drang, die Welt zu sortieren. Vielleicht brauchen wir einfach Gesprächsstoff. Ranglisten eignen sich dazu bestens – insbesondere in Themenbereichen, die sich nicht genau messen lassen. Nehmen wir zum Beispiel die Frage «Wer ist der beste Sänger oder die beste Sängerin der Welt?» Adele, Enrico Caruso, Freddie Mercury, Cecilia Bartoli: Die Auswahl ist gross. Und die Liste der Kandidatinnen und Kandidaten liesse sich beliebig verlängern. Meine Antwort: Orpheus. Der Sänger aus der griechischen Mythologie sang gemäss der Sage so schön, dass er Tiere, Pflanzen und Steine zum Weinen brachte. Als seine Frau Eurydike starb, gelang es Orpheus sogar, den griechischen Gott der Unterwelt, Hades, davon zu überzeugen, sie aus dem Todesreich zurückkehren zu lassen (was dann leider aus anderen Gründen doch nicht klappte). Das ist doch ein Leistungsausweis, finde ich. Ob es Orpheus je gegeben hat, ist zwar zu bezweifeln. Aber das gilt ja auch für Wilhelm Tell, der trotzdem unser Nationalheld ist und bleibt, wie in den Tellspielen im kommenden Jahr wieder zu sehen sein wird.

Wenn Orpheus der beste Sänger der Welt war – dann finde ich mich eher am anderen Ende der Skala wieder. Mit wenigen Ausnahmen – Gute-Nacht-Lieder für meine Kinder, Sprechgesänge in der Valascia oder leises Mitsummen beim Tonart Festival – überlasse ich das Singen lieber den Menschen, die das besser können. Und derer gibt es viele. Die Zahl der Urnerinnen und Urner, die in einem Jodelklub, einem Männer- oder Gospelchor oder einem Cäcilienverein singen, ist gross. Ich bewundere ihre Fähigkeit, inmitten eines Werks die Stimmlage zu halten und den richtigen Ton zu finden. Alles Fähigkeiten, die mir gemäss langjähriger Erfahrung schlichtweg fehlen.

Die Lust am Singen scheint im Kanton Uri ungebrochen. Dazu tragen die zahlreichen Gesangs- und Jodelvereine mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit ebenso bei wie Projekte und Events wie «Eigägwächs», «Der fidele Bauer» oder das Zentralschweizer Jodlerfest 2021 in Andermatt.

Ich bin aber überzeugt, dass in Uri – wo Kultur in all ihrer Vielfalt noch gelebt wird – auch etwas anderes die Freude am Singen erhält: Unsere Lust am gemütlichen Zusammensein, am Feiern. Schon Johann Gottfried Seume schrieb um 1800: «Wo man singet, lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder». Und so ist es auch in Uri: Wo gefeiert wird, wird gesungen. Und es gibt Momente, da kann man mich trotz meiner fehlenden gesanglichen Fähigkeiten ebenfalls singen sehen: In rund vier Monaten in einer Beiz in Altdorf, an der Fasnacht nämlich, wenn alle musikalischen Regeln ausser Kraft sind.

Ralph Aschwanden, Kulturbeauftragter Kanton Uri

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