«Ürner Asichtä»
Wohnkomplexe statt Kirchenbänke

Unser Kolumnist denkt über die leerstehenden Gotteshäuser nach – und was aus einigen ehemaligen Kapellen und Kirchen gemacht wurde.

Elias Bricker, Historiker
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Elias Bricker, Historiker.

Elias Bricker, Historiker.

Chur hat einen neuen Bischof. Nach Jahrzehnten der Querelen soll Joseph Maria Bonnemain nun im Bistum für Ruhe sorgen. Doch ruhig ist es in vielen Kirchen schon lange: Die Messbesucher werden rar, die verbliebenen Gläubigen bleiben der Kirche mehrheitlich fern oder treten aus. Der Gesellschaftswandel macht auch vor Uri nicht Halt – einem Kanton mit mehr als 120 Kapellen und Kirchen.

Da und dort dürfte sich schon bald die Frage stellen: Lohnt es sich für die paar wenigen Kirchgänger überhaupt noch, so viele Gotteshäuser zu unterhalten? Für viele Kirchgemeinden sind die historischen Bauten schon heute eine finanzielle Belastung. Dennoch sind sie erhaltenswert: Sie prägen das Ortsbild jeder grösseren Siedlung. Während rund 1500 Jahre beeinflusste die Kirche zudem die Kultur des ganzen Alpenraums. Deshalb wird es die Denkmalpflege bestimmt verhindern, dass überflüssig gewordene Kirchen dereinst mit Dynamit in die Luft gesprengt werden, wie dies 1950 der alten Pfarrkirche in Spiringen widerfahren ist.

Doch es ist gut möglich, dass sich die Urner Kirchgemeinden vielleicht in wenigen Jahrzehnten mit der Zukunft ihrer leer stehenden Gotteshäuser auseinandersetzen müssen. Vielleicht werden die Kirchenräte darüber diskutieren, die Kirchen in Eventlokale, Gemeindesäle, Bürokomplexe oder Wohngebäude umzufunktionieren. Solche Umbauten sind andernorts schon heute Realität. Aktuell erscheinen uns die Gedanken daran noch utopisch, doch Kirchenumnutzungen sind auch in Uri nichts Neues: Die Kollegi-Kapelle in Altdorf wurde vor mehr als zwanzig Jahren in eine Aula umgebaut. Vor dem Altar stehen heute Leinwand, Beamer und Bühnenelemente. Nebst der Architektur erinnern heute noch die Orgel und der Lichtschalter mit der Aufschrift «Ewiges Licht» an die frühere Funktion.

Die Alte Kirche in Flüelen beherbergt heute Ausstellungen. Sie hätte nach dem Bau der Herz-Jesu-Kirche abgerissen werden sollen, diente aber während Jahrzehnte als Turn- und Schwinghalle. In Amsteg wurde die Dorfkapelle mit dem Bau der Pfarrkirche ebenfalls überflüssig. Heute präsentiert sie sich als Einfamilienhaus – mit einem ganz speziellen Eingangsportal. Auch die alte Dorfkapelle von Realp wurde in ein Wohnhaus umgebaut. Das Nordportal ist heute Teil des Schulhauses. Die Kapelle St.Peter in Andermatt wiederum, unmittelbar neben dem Gasthaus Tell, wurde im 19. Jahrhundert in ein Wohn- und Geschäftshaus umfunktioniert. Der runde Chorraum ist an der südlichen Hausmauer noch bestens erkennbar.

Die ausgemusterte Kapelle auf dem Urnerboden taugte zeitweise noch als Stall, heute als Abstellkammer. Gebetet hat in diesem Raum wohl schon lange niemand mehr. Doch wer weiss, vielleicht erlebt der Schuppen doch noch mal eine Renaissance als Gotteshaus – so wie die Sankt-Wendelin-Kapelle an der Oberalpstrasse in Andermatt. Das verwahrloste Gemäuer fristete während fast zwei Jahrhunderte ebenfalls ein Dasein als Stall, ehe sie in den 1980er-Jahren in Stand gestellt worden ist. Seither wurde im einst so dreckigen Mistbeet sogar hin und wieder geheiratet – natürlich ganz in Weiss.