UMZUG ALTDORF: Die Welt in Fasnachts-Montüür

Konfetti ist hier ein Fasnachtsfloh. Der Altdorfer Fasnachtsumzug gibt dem Fremden eine Lektion, wie die Welt ins Ürnertytsch übersetzt wird. Zisch war mit der Videokamera dabei.

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Vom Paradeplatz zum Tellvue: Die Zürcher ziehen sich nach dem Verlust des teuersten Platzes im Monopoly aus dem Elend - ein vergeblicher Versuch. (Bild Angel Sanchez/Neue UZ)

Vom Paradeplatz zum Tellvue: Die Zürcher ziehen sich nach dem Verlust des teuersten Platzes im Monopoly aus dem Elend - ein vergeblicher Versuch. (Bild Angel Sanchez/Neue UZ)

Und die Grammatik des Güdelmontag liest sich, Nummer für Nummer, etwa so.

Zuerst (und allen voran) kommt die Katzenmusik. Das Blech gibt den Ton an, und wenn dann die Trommeln und Pauken den immer gleichen Takt schlagen, dann geht die Zeit auf einmal einen anderen Gang. Auch die Menschen, die an diesem milchigkalten Tag in den Gassen vom Poli bis zum Winkel unterwegs sind, nehmen die Farbe der Umgebung in sich auf, sie sind gesprenkelt wie der Flecken Altdorf selber. Da drehen sich gleich neun Chileli vo Wasse im Kreis, die Frauen sind hier fast alles Prinzessinnen. Und ein Mann ist gleich ein Uri-Stier.

Video des Umzugs Altdorf:


­Ach, das Nationale
Im Umzug wird das Durcheinander der Welt in 20 Kapiteln auf eine Reihe gebracht. Nummer drei, sieben und fünfzehn, das ist das Nationale; es zeigt, wie schön TV hier aufgenommen wird, vom Eurovision Song Contest (Verkrachti Zuckerboonä) über Diä greschtä Schwiizer Hits (RMV Altdorf) bis zu Schlumpf isch Trumpf (Pfadi Altdorf). Da stolpern lustigerweise Leningrad Cowboys durch die Gegend, rennt das Trio Eugster seinem Wagen nach, und eine Frau trägt die Eveline W.-S. auf dem Rücken.

Oh, die Heimat
Heimat ist Trumpf, sagen aber die Bäräverheckler, Ürnertytsch, das sett mä pfläägä, und sie geben gleich eine Lektion: karichäschperlä heisst flirten. Schon vorher ist ein ganzes Schulhaus durch die Gassen gefahren, und zu lernen gibt es den Ausdruck: Schüal-Montüür. Noch ehe der Fremde begreift, was blutti Biidel und auch ein Ghiidel sein sollen, kommt schon Chyybääderli. Diese Guggenmusik spielt so wundersam schön, dass auch die Menschen am Rand des Umzugs in Bewegung kommen: ganz Altdorf tanzt jetzt seine Fasnacht (und das geht natürlich auch mit den Balanggäbääger und den Ryyssboodäfääger aus Seedorf oder den Bürgler Tellsymphonikern.

Der Fremde nimmt sozusagen am Güdelmontag den hiesigen Dialekt in sich auf, so wie man die Hingis am Umzug auch trinken kann. Denn der Wagen V-Zug des Schnupfklubs Uri (!) macht voll auf Doping. Ein Laborant bietet ganz verschiedene Wässerchen an (und im Glas ist sicher kein Orangensaft).

Der ganze Zauber
So zieht Wagen um Wagen vorbei, verhandelt wird das Fremde in eigener Sache: vom Monopoli um den teuersten Flecken in der Schweiz bis zu den Urner Weinbauern, die sich mit der Margaux-Etikette zieren. Zu hören ist eine ganz eigene Dialektik. Warum aber haben die Russen hier einen Sprachfehler? Nastrovje!, der Wagen der Nächstenliebe Altdorf, bringt das Unkorrekte in Umlauf, denn, Prost!, das Wort hat hier entschieden zu wenig Buchstaben. Auch in Sachen Restaurant schiesst der Verein ein bisschen über das Ziel hinaus. Aber die Fasnacht kennt eben ganz eigene Schreibweisen. Immerhin kommt der Fremde darum herum, von der Nächstenliebe (Willst du einen russischen Pass?) gleich ausgebürgert zu werden.

Nach mehr als einer Stunde ist der Umzug vorbei, Bild um Bild ist vorbeigezogen, Musik für Musik hat gespielt, und selber ist man ganz farbig wie ein Fasnachtsfloh geworden, erfüllt von diesem Zauber. Und der Fremde hat die Lektion gelernt: Das isch äs gsi - dankä.

Hinweis: Der Autor ist Kulturjournalist aus Zürich und besucht die Urner Fasnacht zum ersten Mal. «Es war sehr schön», sagt Stefan Busz.

Stefan Busz

Video: Armin Kalbermatten