UNTERSCHÄCHEN: «Das Dorf soll lebendig bleiben»

Am 31. März wird der Dorfladen eröffnet. Marlen Herger und Priska Müller sind bereit, ein Risiko einzugehen, um die Dorfgemeinschaft zu fördern.

Bruno Arnold
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Dieses Bild gehört ab heute der Vergangenheit an: Annemarie Hauger-Imholz räumt in ihrem Dorfladen in Unterschächen Waren ein. (Bild Bruno Arnold)

Dieses Bild gehört ab heute der Vergangenheit an: Annemarie Hauger-Imholz räumt in ihrem Dorfladen in Unterschächen Waren ein. (Bild Bruno Arnold)

Bruno Arnold

Die «Alpenrose» in Unterschächen war bis 2014 als heimelige Dorfbeiz ein beliebter Treffpunkt für einheimische und auswärtige Gäste. Jetzt entstehen dort auf rund 95 m2 der neue Dorfladen, eine Postagentur und eine Kaffee-Ecke. Die Umbauarbeiten laufen seit Wochen auf Hochtouren. Die Genossenschaft Dorfladen Unterschächen investiert rund 300 000 Franken – inklusive Kosten für Handwerkerarbeiten, Erstbestückung mit Verkaufsartikeln, Kaution für die Hauptlieferantin Volg und Infrastrukturen wie Regale, Kühlanlagen, Büroinventar et cetera. 230 Genossenschafter haben Anteilscheine à 500 Franken gezeichnet, neben Privatpersonen auch die Gemeinde und mehrere Dorfvereine. «Damit sind wir sehr gut auf Kurs», erklärt Genossenschaftspräsident Hans Muheim-Schuler. «Wir haben uns nämlich zum Ziel gesetzt, mindestens einen Drittel der Kosten mit Anteilscheinen zu finanzieren und den Rest über Sponsoren und Stiftungen zu decken.» Dank der grosszügigen Gönnerbeiträge und Spenden – unter anderem der Patenschaft für Berggemeinden – blickt Muheim der finanziellen Zukunft der Genossenschaft zuversichtlich entgegen. Er nennt aber noch einen weiteren Grund für seinen Optimismus: «Wir konnten die prognostizierten Kosten dank Fronarbeit erheblich senken.» Für Muheim beweist das Engagement der Einheimischen: «Ein Dorfladen ist ihnen wirklich wichtig.»

Auch Postagentur wird integriert

Bei einem Augenschein kurz vor Ostern herrscht in der «Alpenrose» geschäftiges Treiben: Dort, wo früher Getränke ausgeschenkt, Essen serviert und Versammlungen abgehalten wurden, werden die neuen Regale, Ablageflächen und Kühlanlagen auf Hochglanz poliert. In der ehemaligen «Alpenrose»-Küche schliesst ein Monteur die Apparaturen für die Post-Agentur an. Gleich daneben wird die kleine Kaffeeecke eingerichtet, und ein Elektriker prüft die Funktionstüchtigkeit des neuen Beleuchtungskonzepts. «Es muss schon noch etwas gehen», sagt die künftige Geschäftsleiterin Marlen Herger wenige Tage vor der Eröffnung. Was sie damit meint: Am 29. März werden die Regale gefüllt, am 30. März ist das «Brunnital»-Lädeli letztmals offen (siehe Box), ab 31. März wollen Mareln Herger und Priska Müller im «Prima»-Laden in der «Alpenrose» für ihre Kundschaft bereit sein.

Des Risikos ganz klar bewusst

Marlen Herger hat zusammen mit Priska Müller eine GmbH gegründet und den Laden von der Genossenschaft gepachtet. Sie führen den Betrieb auf eigene Rechnung. «Ich weiss, dass die Unterschächner auch ohne Laden nicht verhungern würden», sagt Herger mit einem Lachen. «Aber gäbe es den neuen Dorfladen nicht, würde ein wichtiges Dorfelement sterben, und das möchten wir nicht», begründet sie ihr persön­liches Engagement. «Ich tue dies im vollen Bewusstsein, dass ich ein Risiko eingehe», sagt die Geschäftsleiterin. Sie bleibt denn auch absolut realistisch: «Natürlich wollen wir etwas verdienen, aber reich werden wir mit unserem Laden sicher nicht», sagen die beiden Frauen unisono. Das habe auch nicht unbedingt erste Priorität. «Wir wollen aber, dass das Dorf lebendig bleibt und dass die Unterschächner mit dem Dorfladen in der ‹Alpenrose› eine neue Begegnungsstätte erhalten, welche die Gemeinschaft fördert.» Das funktioniere allerdings nur, wenn der Genossenschaftsgedanke effektiv spiele.

Dank «Prima» unabhängig

Marlen Herger und Priska Müller wollen ein vielfältiges Food- und Non-Food-Angebot bereithalten: Frische Gemüse und Früchte, Brot, Backwaren, Milch- und Molkereiprodukte, Fleisch oder alkoholische und nichtalkoholische Getränke sollen ebenso zum Sortiment gehören wie Haushaltsartikel, Körperpflegeprodukte, Papeterieartikel und vieles mehr. Betrieben wird der Dorfladen nach dem «Prima»-Konzept der Volg Konsumwaren AG. Das heisst: Volg wird die Hauptlieferantin sein, die Dorfladen-GmbH profitiert vom gemeinsam mit Volg betriebenen Marketing, die Ladenbetreiberinnen können aber so viele Produzenten oder Lieferanten nach eigener Wahl berücksichtigen, wie sie wollen. «Dass wir unabhängig bleiben, ist sicher der grösste Vorteil des ‹Prima›-Konzepts, denn wir möchten gerade im Sommer auch auf Produkte von den einheimischen Alpen setzen», so Herger.

«Wir werden alles geben»

«Wir hoffen, dass der Start optimal gelingt», blicken Marlen Herger und Priska Müller der morgigen Er­öffnung gespannt entgegen. «Noch wichtiger ist aber, dass es auch längerfristig gut läuft.» Deshalb betonen sie: «Wir werden – zusammen mit den beiden Aushilfen – alles geben, damit das Genossenschaftsprojekt gut läuft. Gleichzeitig hoffen wir aber auch auf Verständnis, falls es anfänglich noch ein paar Kinderkrankheiten zu beheben gibt.»

Hinweis

Der Dorfladen in Unterschächen ist wie folgt geöffnet: Montag: 7.30 bis 12 Uhr; Dienstag: 7.30 bis 12 und 14 bis 18 Uhr; Mittwoch: 7.30 bis 12 und 14 bis 18 Uhr; Donnerstag: 7.30 bis 12 Uhr; Freitag: 7.30 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, Samstag: 7.30 bis 14 Uhr.

Eine Ära geht nach über fünfzig Jahren zu Ende

bar. Über hundert Jahre lang war der Unterschächner Dorfladen eng mit dem Namen der Familie Imholz vom Hotel Brunnital verbunden. Die heute 65-jährige Annemarie Hauger-Imholz hat nach dem Ende ihrer obligatorischen Schulzeit respektive im Alter von 14 Jahren ihre Arbeit im Brunnital-Laden aufgenommen. Seit dem 7. Juni 1979 führt sie ihn auf eigene Rechnung. Heute Mittwoch ist er letztmals geöffnet. Damit geht eine Ära in der Geschichte des Bergdorfs zu Ende. Gefehlt hat Annemarie Hauger-Imholz während der vergangenen 51 Jahre nur selten. War sie in den Ferien, krank oder wegen der Geburt ihrer beiden Kinder oder wegen einer Operation im Spital, so hat vor allem die treue Aushilfe Heidi Bissig-Gisler den Laden geschmissen, denn Betriebsferien gab es im Brunnital-Lädeli nicht.

«Eine Zeiterscheinung»

«Wegen des Verdiensts hätte ich den Laden längst schliessen können», sagt sie. Aber die treuen Kunden hätten es verdient, dass sie weiterhin für sie da gewesen sei. «Früher hatten die Leute kein Auto, und es gab auch noch keine grosse Einkaufszentren. Da hat ein Dorfladen noch rentiert.» Heute könne man Grosseinkäufe im Talboden oder ausserhalb des Kantons tätigen. Dass man nur noch für den täglichen Bedarf im Dorfladen einkaufe, das sei halt einfach eine Zeiterscheinung.

Auf den Abschied angesprochen, meint sie: «Ich habe ein gutes Gefühl, denn ich habe mich lange darauf eingestellt.» Was sie ohne ihren Laden machen werde, darüber habe sie sich noch gar keine grossen Gedanken gemacht. «Zuerst einmal alles räumen und putzen, dann sehen wir weiter.» Und lachend fügt sie an: «Jetzt kommt ja zum Glück der Frühling.»

Gemeinderat bedankt sich

Dass mit dem Ende ihres Lädelis aber doch auch etwas Wehmut aufkommt, das will sie allerdings nicht verschweigen. «Ich werde den Kontakt mit der einheimischen Kundschaft, aber auch mit den auswärtigen Gästen am Anfang sicher vermissen», glaubt sie. «Auch wir werden ‹ds Annemarie› vermissen», meinte eine Kundin bei ihrem wohl letzten Einkauf im «Brunnital». «Wir alle waren immer wieder froh um sie.» Dass sich der Gemeinderat kürzlich bei Annemarie Hauger-Imholz mit einem Präsent für das jahrzehntelange Dienstleistungsangebot bedankt hat, unterstreicht diese grosse Wertschätzung wohl am besten.