Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

Uri (19)18

In den «Ürner Asichtä» schreibt Christoph Zurfluh über die vielfältige Urner Wirtschaft.
Christoph Zurfluh
Christoph Zurfluh, Autor und Journalist (Bild: PD)

Christoph Zurfluh, Autor und Journalist (Bild: PD)

Mein Grossvater väterlicherseits war nicht gerade das, was man einen Draufgänger nennt. Er hatte ein Leben lang die Ruhe weg und eher kleine Ambitionen. Aber eine grosse Leidenschaft: die Bahn. Nur zu gerne wäre er Bähnler geworden, was ihm aber verwehrt blieb. So begnügte er sich damit, nach Feierabend der Altdorfer Bahnhofstrasse entlang zu spazieren, sich in Gleisnähe auf ein Bänkli zu setzen, andächtig einen Villiger-Stumpen zu paffen und den Zügen zuzusehen. Das, so erzählt mein Vater gerne, habe ihn glücklich gemacht.

Ich habe meinen Grossvater nicht mehr gekannt. Er starb, als ich einjährig war, kurz nach seiner Pensionierung. Aber ich bin ihm in den letzten Jahren regelmässig begegnet: im Dätwyler-Archiv. Ich habe mich für verschiedene Buchprojekte durch die Fotos und Dokumente aus hundert Jahren Firmen- und Familiengeschichte gearbeitet. Und immer wieder tauchte aus dem Nichts mein Grossvater auf. Zum Beispiel auf einem Foto von 1940, das jene Jubilare zeigt, die 25 Jahre bei den damaligen Schweizerischen Draht- und Gummiwerken gearbeitet haben. Ein gutes Dutzend ältere Damen und Herren gruppiert sich dabei stolz um ihren Patron Adolf Dätwyler. Zweiter von rechts: Paul Zurfluh.

Mein Grossvater war ganz bestimmt ein pflichtbewusster Mitarbeiter. Er hielt dem Unternehmen ein Leben lang die Treue, nachdem er 1915 als erster Lehrling überhaupt von Adolf Dätwyler persönlich eingestellt worden war. Damals war die Firma gerade haarscharf ihrem sicher scheinenden Untergang entronnen. Restlos ruiniert waren hingegen die Finanzen des Kantons, der sich wider jegliche Vernunft mit horrenden Summen, aber ohne das nötige Know-how am Unternehmen beteiligt und am Ende alles verloren hatte. Salopp formuliert: Die Industrialisierung Uris begann mit einem Desaster apokalyptischen Ausmasses, und eine «Uri1918» wäre wohl ein trister Event geworden.

Umso eindrücklicher ist die Risikobereitschaft und der Unternehmergeist Adolf Dätwylers, der es sich als junger Mann zur Aufgabe machte, die marode Bude ins Licht zu führen. Er verhinderte, dass sie an die Franzosen verscherbelt wurde, machte sich über einen geradezu genialen Schachzug zum Besitzer und liess es mächtig krachen. Das Unternehmen wuchs rasant. Uri profitierte.

Doch Adolf Dätwyler hatte einen schwierigen Stand: liberal statt konservativ, reformiert statt katholisch, Aargauer statt Urner – noch schlechtere Voraussetzungen, um zu dieser Zeit in Uri akzeptiert zu werden, sind kaum denkbar. Aber mit dem Erfolg kam auch das Vertrauen, und schon bald gab es wohl keine Familie im Land am Gotthard, aus der nicht irgendjemand in der «Guumi» arbeitete. Gegen 2000 Angestellte zählte sie Mitte der 1970er-Jahre. Der Kanton Uri war – wirtschaftlich gesehen – Dätwyler.

Ziemlich genau hundert Jahre, nachdem Adolf Dätwyler eine Entwicklung ins Rollen gebracht hatte, die auch andere Unternehmer ermutigte, etwas zu riskieren, zeigt sich die Urner Wirtschaft vielfältig, selbstbewusst und weltoffen. Mehr als 2700 Betriebe beschäftigen heute gut 18000 Menschen. Allein an der «Uri18» präsentieren sich 200 Aussteller von A wie «acht grad ost» bis Z wie Zaku. Falls Sie nicht wissen, wer dahinter steckt, besuchen Sie doch am besten die Messe. Der Kanton Uri ist offensichtlich ein guter Nährboden für Menschen mit Visionen. Und das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht.

Übrigens: Mein Grossvater mütterlicherseits wäre auch gerne zur Bahn gegangen. Und jetzt raten Sie mal, wo er ein Leben lang gearbeitet hat?

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.