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URI: Abtretender Kulturamt-Leiter Josef Schuler hat den Nar­ziss­mus von Künstlern früh akzeptiert

Josef Schuler geht als Leiter des Amts für Kultur und Sport Ende Monat in Pension. Im Interview spricht er über sein Netzwerk, schwierige Charaktere, Qualität, Sport, Jugend und seine Pläne für die Zukunft.
Florian Arnold
Josef Schuler vor einem seiner liebsten Kulturstätten des Kantons Uri, dem Theater Uri in Altdorf. (Bild: Florian Arnold (12. März 2018))

Josef Schuler vor einem seiner liebsten Kulturstätten des Kantons Uri, dem Theater Uri in Altdorf. (Bild: Florian Arnold (12. März 2018))

Interview: Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Josef Schuler, man bezeichnet Sie als «Hans Dampf in allen Gassen».

Ich bin sicher einer, der von Ideen beseelt ist, gerne möglichst viele Informationen erhält und Leute motiviert. Ich bin ständig im Kontakt mit Institutionen und Kulturschaffenden, lasse mich von ihnen anstecken und suche nach Verbindungen, um für eine gute Sache eine grössere Wirkung zu erzielen.

Ihr Netzwerk ist riesig. Wie haben Sie sich dieses aufgebaut?

Ich war 20 Jahre Lehrer im Isenthal und habe gemerkt, dass man mit guten Ideen und Projekten etwas bewirken kann, sowie dass man dafür neben eigenen Mitteln solche von aussen hereinholen kann. Mit dieser Einstellung bin ich an die Kultur herangegangen, als ich den Job 1994 übernahm. Ich war überzeugt, dass man durch Kultur die Wahrnehmung unseres Kantons gegen aussen verbessern kann. Das wunderbare Erlebnis an einer ausserordentlichen Landratssession war, dass sich die Landräte nicht dagegen ausgesprochen haben, sondern bereit waren, einzelne Vorstösse entgegen zu nehmen. Erste Kreditanträge gab es für das Tellspielhaus, das Moosbad, das historische Museum und das Kunsthaus.

Dann funktionieren diese Institutionen dank Ihnen?

Nein. Die privaten Initianten waren die Treiber. Alleine wäre das nicht möglich gewesen, dies ist auch nicht Aufgabe des Staates. Ich war und bin ein Vermittler zwischen Kultur und Politik. Mit Stiftungen und Sponsoren und der öffentlichen Hand wurde aber oft eine Mischfinanzierung erwirkt.

Ein gutes Netzwerk bringt man oft auch mit «Filz» in Verbindung.

Es stimmt, dass vieles über die kantonale Kulturförderung läuft. Aber ich bin nicht der Typ, der sich leicht einfilzen lässt. Ich sehe mich als Isenthaler, der aus der Distanz auf den Talboden schaut. Und ich war immer froh um den Regierungsrat im Hintergrund unserer «kantonale Kulturkommission», von dem immer wieder Korrektive kamen. Im Kuratorium der Kunst- und Kulturstiftung Uri war dies die Rolle des Fachgremiums. Und ich selber habe probiert, zu hinterfragen, ob und wie ein Projekt zu Stande kommen könnte. Oft habe ich auch selber mitgeholfen, Geld für ein gutes Projekt aufzutreiben.

Ihnen war es wichtig, Ideen in die Tat umzusetzen.

Es stellt mich zufrieden, wenn ich sehe, dass in der Szene Ideen umsetzbar sind. Im Hintergrund habe ich ein Bild des Kantons Uri, der durch Kultur vorwärts kommt. Ich möchte, dass das Image des NFA-Empfängers durchbrochen wird.

Ist Uri ein Kulturkanton?

Ja, wir sind ein Kulturkanton. Die Bevölkerung ist enorm kulturaktiv. Im Freiwilligensektor sind wir seit Jahren an der Spitze. Die Qualität hat sich zudem verbessert und ist hoch. Viele sind im Kulturbereich gut ausgebildet. Es ist aber auch gelungen, dass Kulturschaffende Lust haben, in Uri etwas auf die Beine zu stellen. Das hängt nicht zuletzt mit der reichhaltigen Geschichte und der abwechslungsreichen Landschaft unseres Kantons zusammen.

Dieses gute Image schafft es aber meist nicht über die Kantonsgrenze hinaus.

Das wäre auch übertrieben. Welches Dorf mit 35'000 Einwohnern kennt man schon in der restlichen Schweiz?

Was bringt dann Kultur?

Ich glaube daran, dass Kultur beiträgt, auch wirtschaftlich weiter zu kommen. Durch sie entsteht eine hohe Identifikation mit dem Kanton und er ist attraktiv zum Wohnen und Arbeiten. Es bedeutet aber auch, dass man offen sein muss für Ideen, die von aussen kommen. Ein Beispiel dafür ist das Haus der Volksmusik, das die Idee eines Zürcher Musikers war.

Vieles kann man als Kultur bezeichnen. Welche Definition haben Sie?

Ich sehe den Begriff sehr breit, wie in die Unesco definiert. Dies schliesst nicht nur Kunst und Kultur ein, sondern auch Lebensformen, Werte, Grundrechte, Traditionen und Glaubensrichtungen. Kultur ist ein Ausdruck der Menschen, die sich auch in den Vereinen zeigt. Aber sie ist auch eine innovative Kraft, die verschiedene Lebensbereiche durchdringt und damit hilft, Gesamtentwicklungen zu ermöglichen.

Sie können für das Bristner Theater oder die Musikgesellschaft Unterschächen genauso viel Begeisterung aufbringen wie für die Tellspiele oder ein hoch professionelles Orchester im Theater Uri. Woher kommt das?

Im Herzen bin ich ein Lehrer geblieben. Ich versuche, zu sehen, was die Menschen bewegt, was sie machen und welche Wirkung dies auf das Gesamtgesellschaftliche hat. Theater, das Chorwesen und Musikvereine sind tragende Säulen, damit die dörfliche, dezentrale Besiedelung aufrecht erhalten wird. Klar habe ich im Kulturellen auch meine Vorlieben. Wenn ich einen Dorfanlass besuche, versuche ich, die Entwicklung in Randgebieten ebenso wahrzunehmen und erhalte dadurch eine gesamtheitliche Sicht, die mir auch zu Respekt im Zentrum und bei der Regierung verholfen hat.

Welche Rolle spielt da Qualität?

Das ist eine Frage der Definition. Wenn es einer Dorfgemeinschaft von 500 Leuten gelingt, ein Freilichttheater auf die Beine zu stellen, dann ist das engagierte Laienkultur. Und diese unterstützen wir genauso wie die so genannte Hochkultur.

Macht das nicht unkritisch?

Nach 24 Jahren habe ich die Erfahrung, um Unterschiede auszumachen. Wir haben ja auch Schwerpunkte wie Alpentöne oder Tellspiele. Im Theater traue ich mir zu, ein Stück in das zeitgenössische Umfeld einzuordnen. Aber der Kanton setzt – aus dem breiten Kulturverständnis heraus – den Fokus auch auf Dinge, die im Urbanen zu wenig beachtet würden. Dies ist eine Stärke unseres Kantons. Ich habe mir aber auch angewöhnt, Urteile nicht immer gleich an die Glocke zu hängen. Ich bin als Kulturbeauftragter Unterstützter, nicht Kritiker.

Sie waren oft Jurymitglied. War es für Sie schwierig, Projekte zwangsläufig nicht berücksichtigen zu können?

Absagen sind nicht immer einfach, gehören aber zur Jurierung. Bei der Kunst- und Kulturstiftung Uri habe ich eine beratende Funktion. Diese Prozesse waren sehr anregend. Ich habe mitdiskutiert, mich als Geschäftsleiter aber rausgehalten, wenn es um Abstimmungen ging. Ich versuche wahrzunehmen und dann ein Projekt zu verstärken, wenn ich das Gefühl habe, dass es sinnvoll ist, dieses weiterzuverfolgen. Es war spannend, von Experten zu lernen, die tiefer in ihre Fachgebiete hinein gesehen haben.

Künstler sind nicht unbedingt für einfache Charaktere bekannt. War der Umgang manchmal schwierig?

Ein Künstler ohne Narzissmus kommt nicht ans Ziel und nicht an die Wahrnehmungsoberfläche. Das habe ich früh akzeptiert. Ich habe auch erlebt, dass mich Künstler bei Absagen kritisierten. Dabei habe ich gelernt, dass es sträflich ist, faule Kompromisse einzugehen, statt auf Qualität zu setzen. Wir sind kein Sozialamt, wir müssen jene Künstler fördern, die auch ausserhalb des Kantons reüssieren können. Das ist insgesamt gelungen und man muss dabei kein Fachspezialist sein. Ich war eher ein neugieriger Generalist, der es spannend fand, kulturelle Querschnittsbereiche zu sehen. Und wenn es Konflikte gab, habe ich das nie allzu tragisch genommen.

Bis jetzt haben wir nur über Kultur gesprochen, dabei gehört zu Ihrem Amt auch der Sport. Ist das Ihr Stiefkind?

Als Amtsleiter bringe ich mich strategisch ein. Da ich zwei fachlich gute Mitarbeiter habe, war es ihre Aufgabe, sich in das grosse Beziehungsnetz des Sports hineinzuarbeiten. Das wäre neben der Kultur für mich auch nicht sinnvoll und möglich gewesen. Wir haben innerhalb der Bildungsdirektion die Kräfte gebündelt. Die Verwaltung braucht Köpfe, an denen man sich orientieren kann. Für den Sport ist es der Abteilungsleiter Peter Sommer.

Als dritte Sparte ist die Jugendarbeit und -förderung Ihrer Stelle angegliedert. Hier ging viel in den vergangenen Jahren.

Das war wichtig. Es ist entscheidend, wie wir uns bevölkerungs- und angebotsmässig entwickeln. Die Jungen benötigen ein Heimatgefühl, am besten in dem sie Eigeninitiative zeigen und man sie dabei unterstützt. Manchmal genügt dabei schon symbolische Hilfe. Man muss Wertschätzung schaffen und Widerstände klein halten. Das Hauptproblem sind die Ressourcen. Mit den kleinen Pensen der Verwaltung muss man viel Effizienz hinbekommen. Jugendpolitik und Regionalentwicklung müssen stärker zusammengebracht werden. Meinem Nachfolger geht die Arbeit also nicht aus.

Mit welchen Gedanken verlassen Sie nun Ihre Stelle?

Im Moment habe ich noch keine Zeit, viel darüber nachzudenken. Ich bin noch im Schlussspurt, doch die Vorfreude auf etwas Erholung ist gross. Dass ich während 24 Jahren etwas von null auf aufbauen konnte und dabei Vieles entstanden ist, gibt ein gutes Gefühl. Ich werde weiter einige Beziehungen zu interessanten Leuten pflegen, die heute wirken. Ich freue mich darauf, in einer anderen Rolle ins Theater Uri zu gehen. Ich kann dann freier entscheiden, was ich mir anschaue und was nicht. Ich bin gespannt auf den neuen Wind in der Kulturszene.

Aber Ihnen wird doch nicht etwa langweilig?

Davor fürchtet sich vielleicht meine Familie. Ich habe sie aber beruhigt, dass ich den Rückzug aus dem Netzwerk geniesse. Denn in meinem Leben gab es nicht nur nach aussen gerichtete Zeiten, sondern auch introvertierte. Ich möchte wieder Musik machen, auf mich wartet die Hanni-Christen-Sammlung. Und vielleicht arbeite ich meine Tagebücher auf. Daneben werde ich viel lesen, am liebsten sieben Zeitungen pro Tag.

Ein Rätsel gibt es noch zu lösen: Was hält Sie als Bürgler in Isenthal?

Ich trat im Isenthal meine erste Stelle als Primarlehrer an. Ich habe gelernt, mit Widerständen umzugehen und Tradition und Fortschritt in Einklang zu bringen. Ich habe dort meine Frau kennen gelernt, die damals auswärts lebte und nichts dagegen gehabt hätte, in den Talboden zu ziehen. Als politischer Mensch vertrete ich aber die Haltung, dass die Schweiz nicht noch urbaner werden, sondern auch dezentral besiedelt bleiben sollte. Und das ist mein Beitrag dazu.

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