URI: Die Bahn soll Erstfeld weiterhin prägen

Pia Tresch hofft auf einen Aufschwung im Dorf und auf eine Zunahme der Bevölkerungszahl. Auch bei der Bahn sieht die neue Gemeindepräsidentin nach der Neat-Eröffnung bisher ungenutzte Chancen.

Markus Zwyssig
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Blick optimistisch in die Zukunft: Pia Tresch beim Eingang zum Erstfelder Gemeindehaus. «Die Arbeit im Gemeinderat ist befriedigender als jene im Landrat», sagt die Gemeindepräsidentin. (Bild: Markus Zwyssig (Erstfeld, 10. Januar 2017))

Blick optimistisch in die Zukunft: Pia Tresch beim Eingang zum Erstfelder Gemeindehaus. «Die Arbeit im Gemeinderat ist befriedigender als jene im Landrat», sagt die Gemeindepräsidentin. (Bild: Markus Zwyssig (Erstfeld, 10. Januar 2017))

 

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Beim Bahnhof Erstfeld ist es ruhiger als auch schon. Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels hat viel verändert. Es fährt aber nach wie vor jede halbe Stunde ein Zug über die Bergstrecke – einmal nach Süden und einmal nach Norden. Am Lokpersonalstandort Bahnhof Erstfeld arbeiten noch zwischen 20 und 30 Personen für den Personenverkehr der SBB, zirka 100 Mitarbeiter sind bei SBB Infrastruktur im Depotbereich respektive im Erhaltungs- und Interventionszentrum (EIZ) angestellt. Rund die Hälfte der Anlagen der SBB stehen jedoch leer. «Wir müssen mit der Bahn nach Lösungen suchen, wie man diese sinnvoll nutzen kann», sagt Pia Tresch. Die 54-Jährige steht seit Anfang Jahr als erste Frau an der Spitze des Gemeinderats und hat einige Ideen, die sie umsetzen möchte.

Der neue Info-Point beim Bahnhof, der von Uri Tourismus betrieben wird, soll erst der Anfang sein. Offensichtlich steht die Bevölkerung hinter dieser Idee. Positiv überrascht war Tresch, dass die Erstfelder an der Gemeindeversammlung ohne Opposition einem Kredit von 100000 Franken zugestimmt haben.

Können Bahnfans bald schon beim Bahnhof übernachten?

Für die Anlagen rund um den Bahnhof Erstfeld sieht Tresch viele Nutzungsmöglichkeiten. «Bed and Breakfast» ist nur eine davon. Die so genannte Milchküche in unmittelbarer Nähe, wo sich viele Bahnangestellte verpflegt haben, hat zurzeit noch 24 Stunden am Tag geöffnet. «Hier könnte man den Besuchern Verpflegungsmöglichkeiten anbieten, aber natürlich sollen auch die Restaurants in der Umgebung einbezogen werden», sagt Tresch. Sie weiss, dass es viele Anfragen von Bahnfans gibt, für Führungen in der historischen Lokremise oder zum Tunnelfenster nach Amsteg.

Ein Wermutstropfen bleibt. «Schade, dass das Museum von SBB Historic in Windisch entstanden ist und nicht in Erstfeld», sagt Tresch. Trotzdem anerkennt sie, dass einiges gemacht wird. SBB Historic plane im Depot eine Museumsausstellung. Für Bahnfans werden Fitnessfahrten am Gotthard geboten, initiiert durch das SBB-Historic-Team (siehe auch Seite 11). Auch gibt es Führungen durch das Erhaltungs- und Interventionszentrum Erstfeld (EIZ) oder durch das Eisenbahnerdorf selber. Eines ist für Pia Tresch klar: «Erstfeld soll ein Eisenbahnerdorf bleiben. Die Geschichte der Bahn prägt uns weiterhin», sagt Tresch. «Diese soll für Bahnfans und für Schulklassen erlebbar bleiben.»

Pia Tresch engagiert sich gerne für ihre Wohngemeinde. Sie ist seit sechs Jahren im Gemeinderat Erstfeld. «Es ist zeitaufwendig, intensiv, und man trägt sehr viel Verantwortung», sagt sie. Doch die Arbeit lohne sich. «Mit unseren Entscheiden können wir etwas bewirken», sagt sie überzeugt. Ihr gefällt, dass sie nahe bei der Bevölkerung ist.

Politikkarriere begann als Listenfüllerin

Pia Tresch hat in der Politik einiges erreicht. Ihre Karriere aber begann eher zufällig. Den Sprung in den Landrat schaffte sie unverhofft. Die SP-Politikerin wurde als Listenfüllerin gewählt. Trotzdem blieb sie lange: Vierzehneinhalb Jahre politisierte sie engagiert im Kantonsparlament mit. «Um zu verstehen, wie Politik funktioniert, war die Arbeit im Landrat wichtig», blickt sie zurück. Über die Jahre schaffte sie sich ein breites Netzwerk. Sie verfüge über gute Drähte zur kantonalen Verwaltung.

Trotzdem sagt sie: «Die Arbeit im Gemeinderat ist befriedigender als jene im Landrat.» Im Parlament verabschiede man Verordnungen und Gesetze, Rechnungen und Budgets. Das wiederhole sich stetig. «Im Landrat kann man zu wenig innovativ sein», so Tresch. Im Gemeinderat ist das anders. Da könne viel schneller und unkomplizierter ein Entscheid gefällt werden.

Die Arbeit als Regierungsrätin hätte sie sich nicht zugetraut

Pia Tresch hätte politisch auch einen anderen Weg einschlagen können. Von der Partei war sie mehrmals angefragt worden, ob sie Regierungsrätin werden wolle. Doch sie sagte ab. Sie trage Schuhnummer 37, und bei der wolle sie bleiben. «Die Arbeit als Regierungsrätin hätte ich mir nicht zugetraut», sagt sie. «Da wäre ich überfordert gewesen und hätte nicht mehr schlafen können.» Zudem sei es nicht ihr Ziel, Chefin von derart vielen Mitarbeitern zu sein. Auch das Präsidium im Gemeinderat habe sie nicht zwingend gesucht. Das habe sich nach dem Rücktritt von Werner Zgraggen so ergeben.

Pia Tresch ist heute parteilos. Aus der SP ist sie als aktives Mitglied ausgetreten. Die Partei habe zunehmend nicht mehr das vertreten, was ihr wichtig sei. Der Bereich der Umwelt sei zu wenig gewichtet worden. Den Bau des Sawiris-Resorts thematisieren und genauer unter die Lupe nehmen, dazu sei die Partei ebenfalls nicht bereit gewesen. Auch beim Schutz- und Nutzungskonzept erneuerbare Energie (Snee) hätte sich die SP stärker positionieren müssen, sagt Tresch. «Ich bin zwar aus der Partei ausgetreten, aber ich mache jetzt nicht eine komplett andere Politik», sagt Tresch. Gewerkschaftliche Themen seien ihr nach wie vor wichtig. Auch fühle sie sich von der SP getragen und unterstützt.

Ihre Ideen will Pia Tresch durchsetzen. «Wenn es sein muss, kann ich hartnäckig sein», sagt sie. Das Kollegialitätsprinzip zu leben sei für sie manchmal nicht ganz einfach. «Insbesondere dann, wenn ich eine andere Meinung vertreten muss als meine eigene.» Neben ihrer Tätigkeit als Gemeindepräsidentin ist sie nach wie vor Geschäftsführerin von Pro Natura Uri. Tresch ist froh, dass in der Energiestadt der Umweltgedanke präsent ist. «Es ist salonfähig geworden, sich für die Umwelt einzusetzen», sagt sie. Erstfeld ist die kleinste Energiestadt mit einem Gold-Label.

Ein grosses Anliegen ist Pia Tresch der notwendige An- und Umbau der Schulhausanlagen. Nach der Ablehnung des Ersatzneubaus Schulhaus im Juni 2015 ist nach einer Auslegeordnung mit den Ortsparteien eine Planungskommission eingesetzt worden. «Es ist wichtig, dass wir zeitgemässe Schulanlagen anbieten können», sagt Tresch. Auch die Feuerwehr brauche neue Lokalitäten.

In Erstfeld hofft man am 12. Februar auf ein Ja zum 4-Millionen-Kredit für den Sportplatz Pfaffenmatt. «Das ist eine Chance für die ganze Gemeinde», so Tresch überzeugt. Von der Gemeinde ebenfalls unterstützt wird auch das kantonale Pfadiheim im Bärenboden. Am Projekt wird zurzeit intensiv gearbeitet.

Überbauungen sollen zusätzliche Familien anziehen

In Erstfeld entstehen zurzeit vier grössere Überbauungen im Dorf. Pia Tresch hofft, dass dadurch die Zahl der Einwohner steigt. «Wir freuen uns besonders auf junge Familien mit Kindern.» Das Dorf verfüge über eine intakte Infrastruktur mit Apotheke, Arzt, Zahnarzt, Post und Einkaufsmöglichkeiten im Detailhandel und mit Grossverteilern. Auch für ältere Menschen stehe eine vernünftige Infrastruktur und eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr zur Verfügung.

Im Breiteli soll sich vermehrt das Kleingewerbe ansiedeln. Das Gewerbe- und Industriezentrum sei an der Autobahn A 2 ideal gelegen, sagt Tresch. Positiv sieht sie, dass in der ehemaligen ­Abwasserreinigungsanlage und beim Nordportal des Gotthard-Basistunnels durch das Unternehmen Basis 57 Bergwasser für die Fischzucht sowie die Gewinnung der notwendigen Wärmeenergie genutzt werden kann. Finanziell steht die Gemeinde gut da. «Es braucht den Mut, die Zukunft zu gestalten und etwas zu investieren», so Tresch. Sie will sich dafür einsetzen, dass in Erstfeld der letzte Zug noch lange nicht abgefahren ist.

Hinweis

Mit dem Porträt von Pia Tresch beenden wir unsere Serie über neue Gemeindepräsidentinnen. Bereits erschienen sind Porträts über Yvonne Baumann (12. Januar) und Antoinette Kempf (14. Januar).

 

Erstfeld in Zahlen

 

  • 3774 Einwohner

 

  • 120 Wirtschaftsbetriebe

 

  • 2,757 Mio. Franken Nettovermögen

 

  • 728 Franken Nettovermögen pro Kopf

 

  • 103% Gemeindesteuerfuss

 

  • 135 % Katholischer Kirchensteuerfuss