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URI: Die halbe Welt spendet für seine Geissen

Seit sieben Jahren lebt Christian Näf in der Göscheneralp, die im Winter tagelang von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Doch will er weiter hierbleiben, muss er den Betrieb kaufen. Dafür braucht er Geld, das er auf unkonventionelle Art zusammentreibt.
Elias Bricker
Landwirt Christian Näf setzt nicht auf Kühe, sondern ausschliesslich auf Ziegen. (Bild: Elias Bricker (Göscheneralp, 10. Januar 2017))

Landwirt Christian Näf setzt nicht auf Kühe, sondern ausschliesslich auf Ziegen. (Bild: Elias Bricker (Göscheneralp, 10. Januar 2017))

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch

Kurz hinter Göschenen gibt es für Autos kein Weiterkommen mehr. Die Strasse in die Göscheneralp hat seit dem Schneefall vor rund zwei Wochen Wintersperre. Die Barriere im Weiler Abfrutt wird wohl erst im Frühjahr wieder geöffnet. Dies stört die Einheimischen aber wenig. Für die Barriere besitzen sie einen Schlüssel, und noch immer fahren sie mit ihren Allrad-Autos auf der schneebedeckten Strasse zwischen Göschenen und der Göscheneralp hin und her – auf eigene Verantwortung versteht sich.

Denn in der Siedlung Gwüest unterhalb des Göscheneralp-Stausees leben das ganze Jahr über Leute. Es werden aber immer weniger. Gerade noch fünfzehn Personen verbringen die Wintermonate in der Göscheneralp. Vor 25 Jahren waren es noch rund 40 Personen, und die Siedlung hatte eine eigene Schule. Inzwischen sind aber die meisten Bewohner über siebzig Jahre alt. Momentan sind es gerade noch drei Bauernbetriebe, sonst gibt es im Winter keine Arbeit im Göscheneralptal. Auch wenn die Bewohner ein gemeinsames Pistenfahrzeug besitzen, ist Pendeln praktisch unmöglich. Denn die Siedlung ist im Winter wegen Lawinengefahr oft tagelang abgeschnitten. Die Bewohner kaufen deshalb im Herbst grosse Lebensmittelvorräte ein.

Schon als Schüler jeden Morgen im Stall

Christian Näf ist mit 29 Jahren der jüngste Winterbewohner und zudem der einzige, der nicht Mattli heisst. Der Toggenburger führt seit rund sieben Jahren im Gwüest einen Landwirtschaftsbetrieb. Er hat sich daran gewöhnt, dass es im Winter mucksmäuschenstill ist. «Bis jetzt hatten wir ja Glück und konnten wegen des wenigen Schnees noch lange rausfahren», sagt er. «Doch ehrlich gesagt, muss ich ja im Winter auch nicht immer fortgehen. Die Ruhe hat ja auch etwas Schönes.»

Näf stammt selber nicht aus einer Bauernfamilie. «Mein Vater hat einen ganz normalen Bürojob», sagt der Zugezogene. Er wuchs in Kirchberg im Kanton St. Gallen auf, was man seinem Toggenburger Dialekt anmerkt. Als Kind verbrachte er zusammen mit seinen Eltern die Ferien in der Göscheneralp. Dabei half er jeweils einem Bauern. Dem Schulbuben gefiel es so gut, dass er später auch ohne Eltern immer wieder kam. Doch das reichte ihm bald nicht mehr. «Ich wollte selber Ziegen», erinnert sich Näf. «Zwei Jahre lang habe ich bei meinen Eltern darum gestürmt.» Schliesslich willigten sie ein, doch er musste schriftlich versprechen, dass er jeden Morgen in den Stall geht. «Normalen Kindern wäre das schon bald verleidet», sagt Näf. «Doch ich hätte am liebsten sogar noch mehr Tiere gehabt.» Nach der Schule machte er deshalb eine Lehre als Landwirt – für den eigenwilligen Jugendlichen ein logischer Schritt. Kurz darauf konnte er im Gwüest den Hof jenes Bauern pachten, dem er als Kind oft geholfen hatte. So verschlug es ihn mit 21 Jahren in die Göscheneralp.

Doch Näfs Hof ist kein gewöhnlicher Betrieb: Der junge Bauer setzt voll und ganz auf die Ziegenzucht. Kühe hatte er nur ganz am Anfang, und die hatte er von seinem pensionierten Vorgänger übernommen. Aus der Ziegenmilch stellt Näf selber Käse her und beliefert damit Private, Hotels sowie Läden inner- und ausserhalb des Kantons. Zudem ist auch das Fleisch seiner jungen Ziegen sehr gefragt. Denn die sogenannten Ostergitzi sind eine Spezialität zur Osterzeit. «Hier oben muss man einfach innovativ sein», sagt Näf. Zudem ist er überzeugt, dass die leichten und wendigen Ziegen genau die richtigen Tiere für die steilen Berghänge seien. «Sie verhindern, dass alle Flächen verganden», sagt der Bauer. «Sie tragen also zur Erhaltung des Göscheneralptals bei.»

«Wenn ich etwas mache, dann richtig»

Christian Näf hat in den vergangenen Jahren viel in seine Zukunft investiert. So baute er den Anbindstall in einen modernen Laufstall um und installierte dort einen Melkstand, auf dem sich zwölf Ziegen aufreihen können. Zudem konnte er den Betrieb stetig vergrössern. Vor drei Jahren übernahm er auch einen kleinen Hof im Weiler Abfrutt hinter Göschenen – inklusive eines kleineren Wohnhauses. Inzwischen bewirtschaftet der Junggeselle 30 Hektaren Land. Im Winter versorgt er seine rund 85 eigenen Ziegen und im Sommer auf der Alp bis zu 130 Melkziegen. Daneben hat er auch noch eine spezielle Weide für bis zu 30 Ziegenböcke, welche er neben den eigenen im Auftrag von anderen Züchtern sömmert. Während der Sommermonate beschäftigt er zudem drei Angestellte sowie Zivildienstleistende und weitere Hilfskräfte. «Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig», sagt der gesprächige Toggenburger. «Wenn man etwas macht, muss man einfach mit ein bisschen ‹Pfupf› dahinter.»

Doch noch vor einiger Zeit sah es für die Zukunft seines «Geissenparadieses» nicht so gut aus. Grund: Der Pachtbetrieb im Gwüest – ein Haus, drei Ställe sowie acht Hektaren Land – sollen veräussert werden. «Wenn ich also bleiben will, muss ich den Betrieb kaufen», sagt Näf. «Leider reichen meine finanziellen Mittel nicht aus.» Trotz eines Bank­kredits, der Unterstützung von Institutionen sowie einem Darlehen, das ihm der Verkäufer gewährt, ist Näf auf zusätzliches Geld angewiesen. Deshalb lancierte er Anfang November im Internet ein Crowd­funding-Projekt mit einer Laufzeit von 100 Tagen (siehe Kasten).

«Die Sammelaktion ist kein Selbstläufer», sagt Näf. Er hatte im Vorfeld rund 300 Personen und Institutionen angeschrieben. «Glücklicherweise wurden auch einige Medien auf mich aufmerksam», so der Bauer. «Das hat mir extrem geholfen.» Denn inzwischen seien Spenden aus der halben Welt bei ihm eingetroffen – sogar von Auslandschweizern aus England, Kanada oder Brasilien. Die Sammelaktion läuft noch genau 28 Tage. «Jetzt geht es in den Endspurt», sagt Näf. Doch bereits jetzt ist klar: Der Bauer kann in der Göscheneralp bleiben.

«Ich bin erleichtert und sehr dankbar»

Näf hat das Minimalziel von 60000 Franken erreicht. Bis heute sind mehr als 110000 Franken zusammengekommen. «Ich bin erleichtert und allen Spendern sehr dankbar», sagt der Bergler. Trotzdem hofft er nun, dass noch einige Franken mehr zusammenkommen, damit er seinem Verpächter das Darlehen baldmöglichst zurückbezahlen kann.

Doch viel Optimismus braucht Näf auch weiterhin für das Leben in der Abgeschiedenheit. «Ich weiss ja schon, dass ich nicht ganz normal bin», sagt er und schmunzelt. «Was heisst in der heutigen Zeit schon normal?» Momentan geniesse er die Stille. «Doch ich freue mich dann im Frühling wieder, wenn die Strasse öffnet und die Touristen wieder Betrieb in die Göscheneralp bringen.»

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