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URI: «Die Seelisberger sind offene Menschen»

Christoph Näpflin kämpfte an vorderster Front gegen die Asylunterkunft in Seelisberg. Wer ist der Mann, der sich erfolgreich gegen die Pläne der Regierung zu wehren wusste?
Florian Arnold
Christoph Näpflin (51) vor dem Bahnhofsgebäude bei der Bergstation der Treib-Seelisberg-Bahn. (Bild: Urs Hahnhart / Neue UZ)

Christoph Näpflin (51) vor dem Bahnhofsgebäude bei der Bergstation der Treib-Seelisberg-Bahn. (Bild: Urs Hahnhart / Neue UZ)

Florian Arnold

Ein sanftes Lüftchen lässt die Schweizer Fahne im Wind wehen. Von weitem hört man ein paar Autos und das Rattern der Standseilbahn. Die Grillen zirpen, die Vögel pfeifen. Eine Schulklasse macht sich gerade auf zu einer Wanderung. Kaum zu glauben, dass dieses idyllische Bergdorf in den vergangenen Wochen in Verruf geraten ist. Fremdenfeindlich und aufständisch: So wurden die Seelisberger genannt. Sie wehrten sich gegen die Pläne, das Hotel Löwen in eine Asylunterkunft umzufunktionieren. Was als beschlossene Sache galt, hat der Urner Gesamtregierungsrat am Dienstag nun einstweilen auf Eis gelegt.

Von der Anzahl schockiert

Christoph Näpflin (51) war ein gefragter Mann in den vergangenen zwei Wochen. Der Betriebsleiter der Treib-Seelisberg-Bahn wurde von der Interessengemeinschaft «Vernünftige Asyl­lösung für Seelisberg» zum Sprecher ernannt. Seit dem Tumult am Informationsanlass vom 4. August laufen bei ihm die Drähte heiss. «Wir haben nicht Angst davor, fremde Menschen aufzunehmen», betont Näpflin. Schockiert seien die Seelisberger aber über die Menge (60 Personen) sowie den Standort der geplanten Asylunterkunft (mitten im Dorf und in der restlichen Hotellandschaft) gewesen. «Verglichen mit der Einwohnerzahl wäre es dasselbe, wie wenn man 6900 Asylsuchende rund um die Kapellbrücke oder 700 Personen in einer Zeltstadt ums Telldenkmal in Altdorf unterbringen würde», so Näpflin. Deshalb sei die Nachricht eingeschlagen wie ein Blitz. Doch gehapert habe es in erster Linie an der Kommunikation, stellt er klar. «Man hätte im Vorfeld miteinander sprechen sollen, um die Befindlichkeiten unseres Dorfes zu klären. Dann wäre sehr rasch herausgekommen, dass der ‹Löwen› kein idealer Ort für eine Asylunterkunft ist.» Aber das habe die Regierung nicht getan. «Es ist nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung emotional reagierte und sich Ängste ausbreiteten.»

Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig des 700-Seelen-Dorfes. Die fünf Hotels bringen es auf 50 000 Übernachtungen pro Jahr. Zusammen mit den Zweitwohnungen, dem Camping und den Vereinshäusern wird eine Zahl von rund 80 000 Übernachtungen angenommen. Hinzu kommen bis zu 250 000 Tagesgäste. Der Tourismus habe in Seelisberg eine lange Tradition, sagt Näpflin, der an der Universität Bern Geschichte studiert hat. Vor über 400 Jahren kamen die ersten Pilgerer zur Wallfahrtskapelle. «Die Einheimischen haben ihnen ihre Wohnungen überlassen, während sie in den Ställen übernachteten.» Heute würden es die vielen Hotelgäste geniessen, dass sie auf der Strasse gegrüsst und sogar eingeladen würden, sich an den Stammtisch zu setzen. «Über Generationen sind Freundschaften mit Leuten aus aller Welt entstanden.» Und in den 1990er-Jahren habe Seelisberg auch Flüchtlinge aus den Jugoslawien-Kriegen aufgenommen. «Die Seelisberger sind offene Menschen. Aber es braucht eben Zeit und Sorgfalt, dass man sich an eine neue Situation gewöhnen kann.»

Gerade der Tourismus würde unter einer Asylunterkunft im «Löwen» leiden, so die klare Meinung der Interessengemeinschaft. «Der ‹Löwen› steht einfach zu nahe bei den anderen Hotels.» Und das sei nicht eine leere Vermutung. «Kurz nachdem die Pläne der Asylunterkunft bekannt geworden waren, gab es Annullationen in den übrigen Hotels. Sogar ganze Gruppen sagten ab.» Verheerend für die vielen Familienbetriebe.

Stolze Leute in Seelisberg

Einer der wichtigen Motoren des Tourismus ist in Seelisberg die Standseilbahn vom Ufer des Vierwaldstättersees hinauf zum Dorf. Seit über 50 Jahren werden die Geschicke der Bahn von einer Familie geleitet: Christoph Näpflins Vater führte die Bahn über 30 Jahre, und er selber leitet den Betrieb sowie das örtliche Tourismusbüro bereits seit 1994. Nach der Mittelschule in Schwyz, die er täglich mit dem Schiff besuchte, begann er ein Studium in Bern, gefolgt von einem Bankpraktikum. Als 29-Jähriger bewarb er sich auf die Stelle seines Vaters, der in Pension ging.

Was ihn aber in Seelisberg hält, ist nicht allein sein Job. Es seien die Menschen und deren Philosophie. «Die Seelisberger sind stolz darauf, hier zu leben», sagt Näpflin. «Wenn es ums Dorf geht, reagieren die Leute sehr sensibel.» Das hänge vor allem mit dem Vereinsleben zusammen. Die 14 Dorfvereine zählen gemeinsam über 1000 Aktivmitglieder – also mehr, als die Gemeinde Einwohner aufweist. «In den Vereinen lernt man, dass man miteinander etwas erreichen kann und wie man füreinander Verantwortung übernimmt.» Im Team komme man viel weiter, als wenn man es als Einzelkämpfer versuche. Und genau mit diesen Gedanken wolle die IG nun in die Verhandlungen mit dem Kanton treten. Denn an einem runden Tisch soll nun das geschehen, was eigentlich vor der Infoveranstaltung hätte getan werden müssen: eine Offenlegung der Anliegen aller Beteiligter.

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