URI: Ein Urner spielt in Zürich einen Berner

Peter Zgraggen verkörpert im Musical «Mein Name ist Eugen» gleich vier Rollen. Uns sagt er, wie er es schafft, drei Stunden auf der Bühne zu stehen, und warum er gerne wieder ein Lausbub wäre.

Interview Anian Heierli
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Der Schattdorfer Schauspieler Peter Zgraggen spielt im neuen Schweizer Musical «Mein Name ist Eugen» vier Rollen. Seine Lieblingsfigur ist Pfadiführer Tutti. (Bild Vasistas/Christian Knecht)

Der Schattdorfer Schauspieler Peter Zgraggen spielt im neuen Schweizer Musical «Mein Name ist Eugen» vier Rollen. Seine Lieblingsfigur ist Pfadiführer Tutti. (Bild Vasistas/Christian Knecht)

Interview Anian Heierli

Peter Zgraggen, Sie wirken im neuen Schweizer Musical «Mein Name ist Eugen» mit. Sie sind aber gelernter Schauspieler – können Sie überhaupt singen und tanzen?

Peter Zgraggen: (lacht) Ich finde nicht. Aber das sollen andere entscheiden. Spass beiseite. Ich treffe die Töne, kann einigermassen singen und tanzen. Klar können das die ausgebildeten Musicaldarsteller besser als ich. Im Stück «Mein Name ist Eugen» habe ich aber vor allem einen Schauspielpart. Das war auch bei meinem vergangenen und ersten Musical «Ost Side Story» der Fall.

Schauspielpart klingt so gar nicht nach Gesang. Oder?

Zgraggen: Wie jeder Darsteller im Musical singe ich überall mit. Einfach im Hintergrund. Im Zentrum von «Mein Name ist Eugen» stehen vor allem die Hauptrollen der vier Jungs. Diese Jungs haben ihre Solos, während die Erwachsenen nur mitsingen. Und jede meiner Rollen verkörpert eine erwachsene Person.

Sie spielen mehrere Rollen?

Zgraggen: Insgesamt vier: den Lehrer Klameth, Pfadiführer Tutti, einen Tessiner Polizisten und einen Feuerwehrkommandanten.

Und welche gefällt am besten?

Zgraggen: Mein Liebling ist Pfadiführer Tutti – «wyyl är a luschtigä Siäch isch». Ich spiele gerne witzige, coole Figuren. Wenn jemand Tutti sieht, muss er sofort lachen. Tutti ist ein kleiner Hobbydiktator. Er ist ein Typ, der als 20-Jähriger ein Pfadilager führt und 13-Jährige schikaniert. Vermutlich kommandiert er die Jugendlichen herum, weil er privat nichts erreicht hat. Ich bin sicher, dass Tutti noch bei den Eltern wohnt und seine Mutter ihm die Wäsche macht.

Tuttis Mutter kommt in der Geschichte nicht vor.

Zgraggen: Als Schauspieler legt man sich für jede Figur ihre Lebensgeschichte zurecht. Ich muss mir überlegen, was in der Vergangenheit passiert ist. Nur so kann ich richtig spielen. Dann weiss ich, weshalb eine Figur so reagiert, wie sie reagiert. Dadurch wird die Geschichte lebendig.

Im Musical «Mein Name ist Eugen» werden die Erwachsenen mit grossen Handpuppen gespielt. Weshalb?

Zgraggen: Die Geschichte wird aus der Perspektive des 13-jährigen Eugen erzählt. Aus seiner Sicht wirken Erwachsene teilweise wie leblose Puppen, die alle irgendwie ähnlich sind. Mir ist es mit 13 Jahren genauso ergangen. Das versuche ich, auch so zu spielen.

Inwiefern?

Zgraggen: Wenn meine Figur zum Beispiel böse ist, hebe ich sie in die Höhe. Dann ist die Puppe bis zu 2,5 Meter gross. Wenn sie dann von oben herabschaut, entsteht ein imposantes, absichtlich überspitzt dargestelltes Bild. In der Realität ist es ja auch so, wenn ein 13-Jähriger eine Geschichte erzählt und gerne übertreibt.

Jemals zuvor mit Puppen gespielt?

Zgraggen: Nein, meine Bühnenkollegen und ich hatten dafür extra Trainings bei einer professionellen Puppenspielerin. Sich selber muss man etwas in den Hintergrund stellen und gleichzeitig seine Persönlichkeit der Puppe geben. Wir haben täglich mehrere Stunden daran gefeilt. Nur schon, dass die Blickrichtung der Puppe stimmt, ist schwierig. Die Puppe bewegt sich immer etwas früher als der Spieler. Zuerst läuft meine Puppe weg, und erst dann komme ich.

Klingt nach harter Arbeit.

Zgraggen: Wortwörtlich, die Puppen sind zwei bis drei Kilo schwer. Das macht müde Arme. Hinzu kommt, dass man in einem Musical tanzt und rennt. Körperlich ist es anstrengend, und man kommt ins Schwitzen. Deshalb machten wir extra Cardio- und Krafttraining.

Aktuell ist die Schweizer Musicalszene absehbar. Es kommt immer dasselbe Erfolgsrezept zum Zug: Man nehme einen Popsong oder einen Film, der beim Publikum gut angekommen ist, und mache daraus ein Musical. Mangelt es an Ideen?

Zgraggen: Die Macher der Musicals müssen Geld verdienen. Ansonsten ist es brotlose Kunst. Und Volkskultur wird im Gegensatz zur sogenannten Hochkultur kaum subventioniert. Eine Geschichte wie zum Beispiel «Heidi», welche die Leute aus ihrer Kindheit kennen, wird vermutlich eher angeschaut. Auch die Filmindustrie bedient sich dieses Rezeptes. Es ist aber immer auch eine Interpretationsfrage.

Was heisst das?

Zgraggen: Fürs Musical haben die Macher die Geschichte von «Mein Name ist Eugen» neu geschrieben. Es ist eine Uraufführung. Eine Bühnenfassung hat es bislang nicht gegeben. Und daran hat man jahrelang gefeilt. Es wird also nicht nur kopiert. Das Stück «Ost Side Story», bei dem ich zuletzt mitgespielt hatte, war eine Neufassung. Das Musical hatte es zuvor nicht gegeben, und trotzdem wurde es ein riesiger Erfolg.

Regt Volkskultur wie «Mein Name ist Eugen» zum Nachdenken an?

Zgraggen: Absolut. Ich behaupte, wer das Stück gesehen hat, denkt: «Früher habe ich auch solche Streiche gemacht. Und eigentlich sollte ich manchmal wieder ein Lausbub sein.»

Weshalb sollte man das Musical sehen, wenn man den Film kennt?

Zgraggen: Weil ein Live-Erlebnis etwas Spezielles ist. Wer für drei Stunden in eine vergangene Zeit abtauchen will und den Alltag für einen Moment vergessen möchte, muss das Musical sehen. Zudem ist es einmalig, dass ein Urner in Zürich einen Berner spielt.

Hinweis

Die Schweizer Musicaluraufführung «Mein Name ist Eugen» hat am Freitag, 4. März, Premiere gefeiert. Das Musical wird bis zum 15. Mai in der Zürcher Maag-Music-Hall gespielt.