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URI: Er hat 1000 Stiere im Kofferraum

Der Leiter des Urner Besamungsteams, Martin Aschwanden, kennt nicht nur fast jeden Stall im Kanton sowie die aktuellsten Zuchttrends, sondern auch einige regionale Eigenheiten.
Raphael Zemp
Martin Aschwanden auf einer Besamungstour im Schächental. (Bild: Raphael Zemp (Bürglen, 21. November 2017),)

Martin Aschwanden auf einer Besamungstour im Schächental. (Bild: Raphael Zemp (Bürglen, 21. November 2017),)

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Seinen Arm hat Martin Aschwanden (38) schon fast bis zum Ellbogen in dem Mastdarm von Lisi. Die lässt sich allerdings nichts anmerken, verdreht nicht einmal ihre Kuhaugen. «Jetzt ertaste ich die Gebärmutter», erklärt Aschwanden und zirkelt gleichzeitig das lange drahtartige Besamungsinstrument in die Scheide. Noch immer macht Lisi keinen Wank. Aschwanden schiebt die lang gezogene Spritze noch ein wenig weiter in ihren Unterleib, bis er zufrieden ist und den Inhalt – «zwei, drei Tröpfchen Stiersamen» hineinspritzt. Dann zieht er seinen Arm aus dem Kuhleib, schüttelt die Kotrückstände in die Stallrinne und streift den armlangen Plastikhandschuh ab. Das war es: Lisi wird nun mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent trächtig werden. So schnell und unspektakulär kann das Wunder des Lebens sein. Aschwanden bringt noch kurz die Papiere in Ordnung, und dann hat er sich auch schon wieder von der jungen Bauernfamilie verabschiedet.

Sie heissen Blooming, Salomon oder Biver: die momentan gefragtesten Zuchtstiere der Welt. Wozu sie fähig sind, kann jeder Bauer in vierteljährlich erscheinenden Hochglanzprospekten nachblättern. Dort werden besonders gelungene weibliche Nachkommen mit all ihren Vorzügen angepriesen, unterschieden nach «funktionellen Merkmalen» und «Exterieur». Aschwanden weiss bestens, was bei seinen Kunden momentan besonders beliebt ist. «War die Produktivität jahrelang das oberste Ziel, so legen Bauern heute wieder vermehrt Wert darauf, dass ihre Tiere gesund sind und hochwertige Milch liefern.»

Schnelllebigkeit hat auch gewisse Vorteile

Wie vieles, ist auch das Geschäft mit dem Stiersamen schnelllebig geworden. Eine Mode jagt die nächste. «Kaum ein Zuchtstier kann sich länger als zwei, drei Jahre an der Spitze behaupten», weiss Aschwanden. Zumindest aus Gründen der Inzucht mache das auch Sinn. Dann verstummt er für einen Moment, schaut runter aufs Nebelmeer und die Bergzacken am Horizont. Der Schnee knirscht unter seinen schweren Bergschuhen. «Andere fahren in die Ferien, um solche Momente zu erleben.» Aschwanden muss die Augen zukneifen. «Hätte ich doch bloss die Sonnenbrille mitgenommen!»

Kurz darauf schweben wir vom Ruogig herunter durch die Nebeldecke zurück ins Tal. Aschwandens Besamungstour hat gerade erst begonnen. Es warten vier weitere Aufträge auf ihn, weit hinten im Schächental. «Wir bedienen jeden Bauernhof – egal, wie abgelegen er ist.» Wenn nötig respektive wenn er mit dem Auto nicht zum Hof fahren kann, schnallt er sich auch Ski an, oder er schwingt sich auf den Schneetöff. So ziemlich jeden Stall im Kanton hat Aschwanden schon von innen gesehen. Er kennt die meisten der rund 500 Urner Bauern. Durch seinen Job als Besamer hat er seinen Heimatkanton besser kennen gelernt – und dabei auch einige regionale Unterschiede festgestellt. Während das Oberland praktisch ohne Ausnahme künstlich befruchtet, setzen vor allem die Schächentaler noch auf den Stier – «wohl auch aus Tradition.»

Dabei ist der Muni im Kanton Uri für die Besamer von Swissgenetics der grösste und einzige Konkurrent und laut Schätzung von Aschwanden für rund 10 Prozent des Viehnachwuchses im Kanton verantwortlich. Die überwiegende Mehrheit der Bauern bevorzugt allerdings die künstliche Befruchtung: «So kann man gezielt Schwächen wegzüchten, wird nicht vom Stier verletzt und muss diesen auch nicht pflegen und füttern», erklärt Aschwanden – und kurvt ein enges Strässchen oberhalb von Unterschächen hoch. Seine bis zu 1000 Portionen umfassende Spermabank hat er im Kofferraum verstaut. Dort lagern die dünnen Röhrchen im flüssigen Stickstoff bei -196 Grad, bis sie auf 38 Grad vorgewärmt und in die Kuh-Gebärmutter eingeführt werden. Den nächsten Hof treffen wir verlassen an. Der Bauer hat bloss einen Ordner und eine knappe Anweisung hinterlassen: blaues Kreuz. «Nichts Ungewöhnliches», winkt Aschwanden ab, während er sich konzentriert auf die nächste Befruchtung vorbereitet – die er im Nu schon wieder durchgeführt hat. Nach gut vierzehn Jahren Erfahrung sitzt jeder einzelne Handgriff. Nichts wirkt zufällig oder gar überflüssig.

Dass er dereinst mit Tieren arbeiten würde, war für den «Tierfreak» Aschwanden schon früh klar. Aufgewachsen ist der 37-Jährige in einer Altdorfer Bauernfamilie. Als er sich für eine Ausbildung zum Landwirt entschied, überraschte er damit in seinem Umfeld niemanden. «Ein langes Studium konnte ich mir nicht vorstellen.» Später liess er sich an einer spezialisierten Schule in Berlin zum Besamer ausbilden. «So bin ich meinem ehemaligen Traumjob Tierarzt ein wenig näher gekommen», schmunzelt Aschwanden.

Besamung kostet zwischen 50 und 120 Franken

In zwei weiteren Höfen vollzieht Aschwanden sein Befruchtungs-ritual, beglückt eine namenlose Kuh, Alina und Charlene. 50 bis 120 Franken kostet den Bauern jede Sperma-Spritze, «je nach Stier und Samenart». Denn neuerdings kann man auch gezielt männliche oder weibliche Spermien kaufen. Das Trennverfahren dauert aber relativ lange und ist entsprechend teuer.

Dann steuert er sein Auto wieder hinunter auf die Talebene. Es ist Mittagszeit. «Siehst du diese Bauprofile? Da geht wieder ein kleiner Landwirtschaftsbetrieb verloren.» Gegen den Muni haben sich Aschwanden und seine vier Arbeitskollegen bisher erfolgreich behaupten können, haben ihm sogar laufend Marktanteile abgetrotzt. Gegen ein anderes Phänomen aber sind sie machtlos: Verschleiss von Kulturland. Besonders im Talkessel wird immer mehr Land verbaut. In der Folge gibt es weniger Kühe – und auch weniger Arbeit für das Urner Besamerteam.

Diese Entwicklung beobachtet Aschwanden skeptisch. Langweile kommt trotzdem nicht auf: Er organisiert nicht nur die Urner Besamertruppe, sondern führt nebenbei auch einen Hof in Altdorf mit knapp zwanzig Milchkühen. Auch seine Familie mit den vier Kindern sorgt dafür, dass immer etwas los ist. Da bleibt nur ganz wenig Freizeit übrig, die der Besamer und Züchter aus Leidenschaft entweder mit Freunden oder an Viehschauen verbringt.

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