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URI: Gallus Burri hat über 15'000 Patienten operiert

28 Jahre lang war Dr. med. Gallus Burri als Chefarzt Chirurgie tätig. Ende November ist sein letzter Arbeitstag in dieser Funktion. Aber ganz aufhören will und wird er nicht.
Bruno Arnold
Dr. med. Gallus Burri ist seit 1989 Chefarzt Chirurgie am Kantonsspital Uri und gibt diese Funktion Ende November ab. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 3. November 2017))

Dr. med. Gallus Burri ist seit 1989 Chefarzt Chirurgie am Kantonsspital Uri und gibt diese Funktion Ende November ab. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 3. November 2017))

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

1989 hat der damals 37-jährige Dr. med. Gallus Burri seine Stelle als Chefarzt Chirurgie am Kantonsspital Uri (KSU) in Altdorf angetreten. Seither ist er für jenes Teilgebiet der Medizin zuständig, das sich mit der operativen Behandlung von Krankheiten und Verletzungen beschäftigt. 60- bis 80-Stunden-Wochen waren in den vergangenen 28 Jahren an der Tagesordnung. Rund 4500 Dienste hat er geleistet, knapp 15000 Patienten operiert, einige von ihnen mehrmals. Die Zahl der Eingriffe liegt somit noch um einiges höher. Über 100 Assistenten und Oberärzte hat Burri in dieser langen Zeit ausgebildet.

Der Luzerner ist noch heute ein chirurgischer Generalist. Das heisst: Er deckt das ganze Spektrum ab, von Kopf bis Fuss. Die Eingriffe reichen von Operationen an Kopf und Hals über solche an den Bauchorganen und den Gefässen bis hin zur Implantation eines künstlichen Hüftgelenks bei gebrochener Hüfte oder zur Operation eines zersplitterten Sprunggelenks.

Mental und körperlich 100 Prozent da sein

Ein Chirurg greift fast täglich und unmittelbar in den Organismus eines Menschen ein. «Ich begehe sozusagen Körperverletzung auf Verlangen», beschreibt Burri seine Arbeit – mit einem Schmunzeln allerdings. Chirurgie sei Handwerk, heute nicht mehr nur mit Skalpell, Schere und Pinzette, sondern auch mit hochmodernen technischen Geräten, etwa in der minimalinvasiven Chirurgie der Bauchorgane. Für den Erfolg eines Eingriffs gibt es gemäss Burri verschiedene Faktoren. Angefangen bei der richtigen Diagnose. «Ich muss gut überlegen, ob die Operation das Richtige ist, ob es Alternativen gibt oder eine Kombination von Vorbehandlung mit Medikamenten und Operation», erklärt er. «Wenn die Indikation nicht stimmt, dann nützt die beste Technologie nichts», betont der Chefarzt. Wenn der Entscheid für eine Operation einmal gefallen sei, dann gehe es nur noch um die richtige technische Umsetzung. «Dank CT, MRI, Ultraschall et cetera weiss ein Chirurg heute im Gegensatz zu früher viel genauer, was ihn bei einer Operation erwartet.» Wichtig sei aber immer auch eine gute Vorbereitung auf eine OP: «Gerade in der Freizeit braucht es Disziplin, etwa bezüglich Schlaf oder Alkoholkonsum», sagt Burri. «Wenn man innert kürzester Zeit agieren muss oder wenn anderntags eine Operation ansteht, dann heisst das, mental und körperlich 100 Prozent bereit zu sein.»

Trotz bester Vorbereitung und grosser technologischer Fortschritte kann ein falscher Schnitt nach wie vor passieren und gravierende Folgen für den Patienten haben. Wie geht Burri mit diesem Druck um? «Ich habe nicht Angst, aber Respekt, und zwar vor dem Eingriff und immer auch vor dem Patienten», sagt der 65-Jährige. Viel belastender als die Angst vor einem Fehler bei der Operation seien für ihn jene Situationen, in denen er Patienten eine schlechte Prognose stellen müsse. Respekt allein genüge aber selbstverständlich nicht. «Entscheidend ist, dass man aufgrund der Ausbildung gut vorbereitet ist und unbelastet ans Werk gehen kann», sagt er. «Erfahrung, Unterstützung durch ein gutes Team, das von der Lagerung des Patienten über die Narkose bis hin zum Schnitt das Optimum leistet, aber auch eine gute Kommunikation im Operationssaal sind weitere wichtige Erfolgsfaktoren.» Es gelte, auch in ausserordentlichen Situationen kühlen Kopf zu bewahren und keine Panik aufkommen zu lassen. Und wenn trotzdem ein Fehler passiert? «Wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie ich es erwartet habe, dann muss ich ehrlich sein», lautet Burris Credo. «Ich informiere den Patienten persönlich und betreue ihn weiter. Das ist Chefsache respektive Aufgabe des verantwortlichen Operateurs und darf keinesfalls delegiert werden.»

Burri betont: «Man kann den Umgang mit der Belastung auch mental trainieren. Ich habe bisher immer gut geschlafen.» Am besten abschalten und auftanken könne er nach wie vor beim Sport. «Nach der ersten Kurve auf dem Snowboard ist meistens alles vergessen», sagt er. Geholfen hätten ihm aber auch sehr oft die Patienten selber. «Der Urner ist ein ehrlicher Patient», weiss Burri. Was er damit meint? «Wenn der Urner zum Arzt geht, dann hat er meistens etwas. Er sagt aber auch gerade­heraus, ob er zufrieden ist oder nicht, ob etwas gut ist oder nicht.» Der Urner sei auch sehr dankbar und habe sehr viel Vertrauen. Er wolle häufig nicht unbedingt wissen, was passieren könne. «Herr Doktor, Sie wissen am besten, was für mich richtig ist. Ich vertraue Ihnen: Diesen Satz habe ich sehr oft gehört.» Das skeptische Hinterfragen im Sinne von «Bin ich hier am richtigen Ort?» oder «Könnt ihr das überhaupt?», wie es etwa in urbanen Zentren üblich sei, erlebe man beim Urner deutlich seltener. Und noch eine «Spezialität» des Urners hat Burri kennen gelernt: «Es ist dies sein Umgang mit den Schmerzen. Auch bei deutlich starken Schmerzen kommt meistens ein ‹Äs gaht scho›.»

Spezialisierung ist eine Notwendigkeit

Der chirurgische Generalist der «Sorte Burri» gehört zu einer «aussterbenden Spezies». Die Forderung nach hohen Fallzahlen und die Spezialisierung verstärken die Entwicklung hin zu grossen medizinischen Zentren (siehe Box oben). Für Burri ist die Spezialisierung «eine Notwendigkeit, die sich aus der Entwicklung der Medizin heraus ergibt». «Gerade die Bauchchirurgie und die Knochenchirurgie haben sich technisch massiv verändert, die Behandlungsmethoden sind heute derart komplex und anspruchsvoll, dass man sich Ausbildungen in beiden Bereichen gar nicht mehr aneignen kann – allein schon aus zeitlichen Gründen», sagt Burri. «Ich selber habe als Assistenzarzt in den 1980er-Jahren 80 bis 100 Stunden pro Woche gearbeitet. Wissen und Erfahrungen in allen Bereichen sind von Jahr zu Jahr sukzessive hinzugekommen. Heute erlaubt das Arbeitsgesetz für Assistenten maximal 50 Stunden. Weil der administrative Teil der Arbeit mehr als die Hälfte der Arbeitszeit in Anspruch nimmt, ist eine breite generalistische Ausbildung innert nützlicher Frist gar nicht mehr möglich», betont Burri. Und noch eine wesentliche Veränderung erwähnt der Chefarzt: «Ich habe während meiner zehnjährigen Ausbildung zum Chirurgen zirka 10000 Patienten gesehen, bei heutigen Assistenten sind es jeweils nur rund 1000.»

Die logische Konsequenz dieser Entwicklung: Die Spitäler brauchen mehr Personal, die Kosten steigen. Burri nennt eindrückliche Zahlen und Fakten: 1989 arbeiteten am KSU 20 Ärzte – inklusive Assistenten und Chefärzte. Heute sind es rund 60 Ärzte. Vor 28 Jahren deckten drei Kaderärzte und vier Assistenzärzte das komplette Spektrum der Chirurgie ab – inklusive Geburtshilfe. Heute sind in der chirurgischen Abteilung fünf Kaderärzte, sechs Belegärzte und sechs Assistenzärzte tätig. 1989 gab es keine Notfallstation und keine Tagesklinik, nachts waren die Türen geschlossen. Eine einzige Pflegefachfrau betreute sämtliche stationären Patienten und rückte bei allfälligen Ambulanzeinsätzen auch noch mit dem Rettungswagen aus.

Hat das KSU angesichts dieser Perspektiven überhaupt eine Überlebenschance? «Ja», betont Burri. «Wir können nicht einfach Rosinen picken, und wir wollen das auch nicht. Das KSU hat einen Leistungsauftrag zu erfüllen. Wir müssen für die Bevölkerung des Kantons Uri eine bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Spitalversorgung zu tragbaren Kosten sicherstellen», schildert Burri die Ausgangslage. «Unser Ehrgeiz ist es, dass wir in einem breiten Spektrum arbeiten können, möglichst gut ausgelastet sind und nicht nur die Rentabilität vor Augen haben.» Dieser Auftrag und diese Ziele seien aber nur mit Kooperation zu erfüllen respektive zu erreichen. Burri spricht damit die Kooperation mit andern Spitälern an, vor allem mit dem Kantonsspital ­Luzern, etwa in den Bereichen Urologie, Hand-, Fuss- oder Gefässchirurgie, Kardiologie et cetera. «Um die gute Auslastung zu erreichen, müssen wir beispielsweise vermehrt Patienten nachbetreuen, die in Zentren operiert worden sind.»

Gesamtsumme ist ausschlaggebend

Ende November hört Gallus Burri auf – zumindest als Chefarzt Chirurgie. Er ist aber weiterhin am Kantonsspital anzutreffen. Als Senior Consultant wird er noch im Teilbereich Wirbelsäulenchirurgie tätig sein, aber auch prä- und post-operative Behandlungen von Gefässchirurgie-Patienten übernehmen. Und schliesslich will er in der Administration eine Optimierung im Bereich Dokumentationen anstreben. Statt wie bisher 60 bis 80 Stunden pro Woche wird der «Neorentner» nur noch 10 bis 20 Stunden pro Woche im KSU verbringen. «Und nur noch tagsüber», betont er.

Welches Erlebnis hat ihn in seit 1989 am meisten gefreut? «Es gibt nicht ein einzelnes, es ist eher die Gesamtsumme der positiven Erlebnisse», sagt er. «Wenn man aber eine fast hoffnungs­lose Situation antrifft, alles unternimmt und den Patienten nach Jahren noch antrifft, ist das schon speziell erfreulich.»

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