Uri
«Ich sehe heute Parallelen zum Tell-Mythos» – Casting-Bewerber in Bürglen gestalten Theater mit

An einem Casting des Schauspielhauses Zürich in Bürglen geht Regisseur Milo Rau auf Tuchfühlung mit Urnerinnen und Urnern. Einige von ihnen könnten bald bei einer neuen Tell-Aufführung dabei sein.

Christian Tschümperlin
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Licht aus, Scheinwerfer an, Vorhang fällt und los geht’s: Die zehnköpfige Jury sitzt irgendwo im Dunkeln und der Schauspieler improvisiert voller Leidenschaft. So stellt man sich das typische Casting vor. Doch das Casting des Schauspielhauses Zürich am Samstag und Sonntag zur geplanten Willhelm-Tell-Inszenierung war hier untypisch. «Es war für mich mehr ein erstes Kennenlernen», sagt Gabriela Arnold aus Bürglen auf telefonische Anfrage. Sie war am Samstagmorgen gleich als Erste dran beim Casting im Tell-Museum in Bürglen. Wie es so sei, in Uri zu leben, was sie beruflich so mache: Das waren die Fragen, die sie so gut als möglich zu beantworten suchte.

Beim Casting zur neuen Tell-Inszenierung des Schauspielhauses Zürich in Bürglen lernte Regisseur Milo Rau (rechts) einige Urnerinnen und Urner kennen.

Beim Casting zur neuen Tell-Inszenierung des Schauspielhauses Zürich in Bürglen lernte Regisseur Milo Rau (rechts) einige Urnerinnen und Urner kennen.

Bild: PD

Arnold war schon bei fünf lokalen Theaterproduktionen mit dabei, beispielsweise beim Tellspiel und Eigägwächs-Theater. «Von daher habe ich schon etwas Schauspielerluft geschnuppert», sagt sie. Es sei jedes Mal eine besondere Atmosphäre, die sie reize. «Nun bin ich gespannt, zu sehen, wie das beim Schauspielhaus Zürich so läuft.» Ansprüche, eine besondere Rolle zu spielen, hat sie nicht. «Ich bin da offen. Ich kann mir sowohl etwas im Ensemble, im Hintergrund vorstellen, als auch in einer Rolle im Vordergrund. Nur den Tell, den würde ich nicht spielen.» Obschon Regisseur Milo Rau im Vorfeld gesagt habe, dass er sich auch eine Tellin vorstellen könnte. Auch zur Coronasituation hat sie sich geäussert: «Ich sehe heute Parallelen zum Tell-Mythos. Den Aufstand gibt es schon und auch den Gessler-Hut, das Zertifikat», sagt sie, ohne zu zögern. Tell, Gessler und sein Hut waren denn auch bei den übrigen Casting-Teilnehmern ein Thema. Ein paar Bewerber waren aufgefordert worden, dazu etwas zu improvisieren. Die Gedanken und Geschichten der Bewerber sollen in das neue Theaterspiel einfliessen.

Auch fiese Rolle interessiert sie

Sarah Hoffmann, aufgewachsen in Schattdorf, war ebenfalls am Casting. Sie arbeitet sonst im Kulturlokal der roten Fabrik in Zürich, eine Einrichtung, die im Kollektiv geführt wird. «Es funktioniert sehr gut ohne Chef», meint sie. Wenn sie mitmachen dürfte, wäre es ihr erster Auftritt bei einer Theaterproduktion: «Ich habe mich um Kopf und Kragen geredet», sagt sie schmunzelnd und relativiert: «Alle waren sehr nett, die Atmosphäre angenehm.» Sie könnte sich sogar vorstellen, eine fiese Rolle zu übernehmen, zum Beispiel im Gefolge von Gessler. Sie sei gespannt, wer ausgewählt werde. Von ursprünglich mehr als 350 Bewerberinnen und Bewerbern wurden 23 zum Casting geladen, an rund ein Dutzend wird eine Rolle vergeben.

Die Qual der Wahl haben nun Regisseur Milo Rau und sein Team. Silvan Gisler vom Schauspielhaus Zürich war dabei und sagt: «Das Tellspiel Uri inszeniert schon seit über hundert Jahren ein Laientheater zu Wilhelm Tell, für uns ist dies eine neue, sehr bereichernde Erfahrung.» Es sei spannend, wie viele verschiedene Menschen bei einem Casting zusammengekommen. «Wenn sich man 45 Minuten lang mit jemanden unterhält, dann kommt man den Menschen nahe. Alle diese Charaktere und ihre Geschichten sind spannend! Es benötigt viel Gedankenarbeit, sich zu entscheiden.»

Beeindruckt zeigt sich Gisler auch vom Tell-Museum in Bürglen, wo das Casting am Samstag stattfand und vom Theater Uri, wo das Team am Sonntag war. «Es macht einen Unterschied, ob man ein Casting in Zürich oder in Uri durchführt, auch vom Gefühl her. Man hat einen anderen Zugang zum Thema. Man spürt, dass man im Zentrum des Mythos ist. Das gibt eine neue Energie und Perspektive, auch für das Stück.» Die Premiere findet im April 2022 im Schauspielhaus Zürich Pfauen statt.

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