URI: «In Uri gibt es bewusste Verstösse gegen das Arbeitsrecht»

Thomas Huwyler leitet die Urner Sektion der Syna. Er sagt, wie die Gewerkschaft gegen unfaire Chefs vorgeht und ihren Mitgliedern hilft.

Interview Anian Heierli
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Gewerkschaftssekretär Thomas Huwyler berät Mit­glieder, die sich im Beruf ungerecht behandelt fühlen. (Bild Anian Heierli)

Gewerkschaftssekretär Thomas Huwyler berät Mit­glieder, die sich im Beruf ungerecht behandelt fühlen. (Bild Anian Heierli)

Mindestlöhne, mehr Ferien und limitierte Ladenöffnungszeiten – alles, was die Gewerkschaft Syna in den vergangenen Jahren gefordert hatte, scheiterte am Stimmvolk. Aus politischer Perspektive befinden sich die grossen Schweizer Gewerkschaften in einer Krise. Trotzdem hat Thomas Huwyler im August die Leitung der Syna im Kanton Uri übernommen. Im Interview erklärt der 47-jährige Regionalsekretär, wie die Gewerkschaft Mitgliedern hilft und wie gegen Arbeitgeber vorgegangen wird, die das geltende Recht missachten.

Thomas Huwyler, sind die politischen Schlappen ein Indiz dafür, dass es Gewerkschaften gar nicht mehr braucht?

Huwyler: Solange es Arbeitgeber und -nehmer gibt, braucht es auch Gewerkschaften. Zudem ist Politik nur ein Teil unserer Tätigkeit. Die Syna unterstützt und berät primär ihre Mitglieder. Unsere gescheiterten politischen Forderungen machen aus meiner Sicht aber durchaus Sinn. Die Rückschläge der vergangenen Jahre hängen mit der speziellen politischen Situation in der Schweiz zusammen. Ich vermute, dass kein anderes Volk in Europa mehr bezahlte Ferien ablehnen würde. Ein entsprechendes Umdenken braucht Zeit.

Wer sucht heute noch Hilfe bei Ihnen?

Huwyler: Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten unserer Mitglieder stammen aus dem Baugewerbe und der Industrie. Unterstützung beanspruchen sowohl Lehrlinge, Personen die Mitten im Arbeitsleben stehen oder auch solche im Vorpensionsalter. Insgesamt sind zurzeit rund 2000 Urner bei der Syna Mitglied. Gemessen an der Wohnbevölkerung sind das viele. Überwiegend suchen Leute, die zu uns kommen, Hilfe bei arbeitsrechtlichen Fragen. Wer Mitglied ist, profitiert von einem kostenlosen Rechtsschutz und Beratungen. Etwa wenn Unternehmen gegen das Arbeitsrecht verstossen.

Verstösse gegen das Arbeitsrecht – gibt es das in Uri überhaupt?

Huwyler: Klar, Verstösse gegen das Arbeitsrecht und Gesamtarbeitsverträge kommen vor – bewusst und unbewusst. Beispielsweise gibt es Angestellte, die zulange arbeiten. Wiederum andere bekommen ihre Überstunden nicht ausbezahlt oder können sie nicht kompensieren. In einigen Fällen zahlen die Arbeitgeber auch weniger Lohn, als sie laut Gesamtarbeitsvertrag müssten. Wir helfen aber auch bei Kündigungen. Etwa wenn diese ungerechtfertigt sind oder Löhne nicht ausbezahlt wurden.

Wo treten solche Probleme auf?

Huwyler: Probleme können in jeder Branche auftreten. Ein gutes Beispiel ist bei den Landschaftsgärtnern zu finden. So ist das Einkommen eines Landschaftsgärtners meistens tiefer, als das eines Bauarbeiters. Trotzdem kann es sein, dass ein Landschaftsgärtner wochenlang körperliche Schwerstarbeit leistet wie Gräben ausheben, Betonieren oder Mauern. Für diese Zeit steht ihm mehr Verdienst zu, als wenn er klassische Gartenarbeit durchführt – was in einigen Fällen nicht berücksichtigt wird. Im Kanton Uri ist die Situation aber vergleichsweise gut.

Inwiefern?

Huwyler: Der Kanton ist klein. Ein Arbeitgeber kann es sich hier nicht leisten, seine Leute schlecht zu behandeln. Das spricht sich herum, und er bekommt bald keine Mitarbeiter mehr. Auch Schwarzarbeit kommt bei uns wenig vor. Zudem ist die Arbeitslosenquote gering, und der Arbeitsmarkt ist relativ stabil.

Wie kann die Syna gegen Arbeitgeber vorgehen?

Huwyler: Wir haben eine Rechtsabteilung mit Anwälten, die Mitgliedern kostenlos hilft. Zudem können wir Lohnkontrollen in die Wege leiten und externe Prüfer vorbeischicken.

Wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt, soll er also direkt zu Ihnen kommen?

Huwyler: Vorerst empfiehlt sich natürlich ein Gespräch mit dem Chef. Auch wir müssen immer beide Seiten anhören. Wir wissen ja nicht, ob alles stimmt, was uns die Leute erzählen. Es gibt aber auch solche, die direkt zu uns kommen.

Gehört das Anwerben neuer Mitglieder auch zu Ihren Aufgaben?

Huwyler: Ja, denn ohne Mitgliederbeiträge könnten wir unsere Arbeit gar nicht bezahlen. Dazu gehen wir persönlich auf Baustellen, halten Vorträge oder sind mit Informationsmaterial auf der Strasse unterwegs. Zudem erhalten unsere Forderungen stärkeres Gewicht, wenn mehr Mitglieder hinter uns stehen.

Und welche Reaktionen erhalten Sie auf der Baustelle?

Huwyler: Ganz verschiedene. Es gibt Vorarbeiter, die uns mit einem aggressiven Ton wegschicken. Andere sind selber Mitglied und unterstützen die Tätigkeit der Syna stark. Die Reaktionen der Arbeiter gehen gerade im Hinblick auf die Nationalität auseinander. Italiener, Spanier und Portugiesen sind fast alle in einer Gewerkschaft. In den südlichen Ländern haben die Gewerkschaften eine starke Tradition.

Gewerkschaften werden in der politischen Landschaft der Schweiz meist links eingeordnet. Stimmt das für die Syna?

Huwyler: Die Syna wirkt in der Politik mit, hat aber keine parteipolitische Färbung. Die Vergangenheit der Syna ist eine christlich-soziale. Dagegen hat die Unia eine linke Vergangenheit. Heute wählt der klassische Arbeiter auch nicht mehr wie früher links. Er ist eher in der politischen Mitte oder rechts davon angesiedelt.

Sie selber sind SP-Landrat. Spricht das nicht gegen ihre Aussage?

Huwyler: Nein. Bei der Arbeit bin ich Gewerkschaftssekretär und nicht Politiker. Ich versuche, meine politische Haltung etwas zurückzustellen. Bislang hat es deshalb keine Probleme gegeben. Keiner hat gesagt, zu diesem Linken will ich nicht.

Sie waren Journalist und später Werbetexter. Weshalb haben Sie sich nun völlig neu orientiert?

Huwyler: Ich bin in meiner beruflichen Laufbahn an einen Punkt gekommen, an dem ich mich gefragt habe, ob es das gewesen sei. Die Arbeit als Werbetexter hat mir Spass gemacht. Trotzdem habe ich langfristig keine Perspektive gesehen. Ich wollte nicht in fünf Jahren noch die gleiche Arbeit machen. Deshalb habe ich gewechselt – und bislang gefällt mir die Arbeit bei der Syna ganz gut.