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URI: In wilden Hängen Heuluft schnuppern

Der Kanton Uri wirbt mit Wildheukursen um dringend nötige Helfer und ein gutes Image. Unter den schwitzenden Kursteilnehmern befinden sich nicht nur Bergler, sondern auch ein Banker aus Zürich.
Elisabeth Flüeler (text und Bilder)
Sieht schwer aus, ist es auch: Ein solcher «Pinggel», wie die Wildheuer ihre Heuballen nennen, wiegt zwischen 50 und 60 Kilogramm. (Bild: Elisabeth Flüeler)

Sieht schwer aus, ist es auch: Ein solcher «Pinggel», wie die Wildheuer ihre Heuballen nennen, wiegt zwischen 50 und 60 Kilogramm. (Bild: Elisabeth Flüeler)

Unternehmungslustig tragen sie Sensen, Wetzsteine, Gabeln und Rechen über den schmalen Pfad. Ein Dutzend Leute, sechs Frauen und sechs Männer, sind aus den umliegenden Kantonen nach Uri angereist. Hoch über dem Urnersee wollen sie das Wildheuen lernen. Sie sind die Teilnehmer eines Kurses, und dieser ist Teil des Förderprogramms «Wildheu Uri». Bei der Wildheuerhütte in den Rüteliplanggen am Rophaien stellen sie die Werkzeuge ab. Es ist 10 Uhr morgens und bereits heiss.

Edy Epp arbeitet beim Kanton und stellt das Förderprogramm vor: «Ziel ist es», sagt er, «die Tradition des Wildheuens in ökologisch wertvollen Gebieten zu pflegen und die Trockenwiesen und -weiden zu erhalten.» Denn Wildheuflächen, die nicht bewirtschaftet werden, verganden und verbuschen über kurz oder lang, die Artenvielfalt nimmt ab, die Erosion durch Risse und Gleitschäden hingegen zu. 280 Hektar, knapp 30 Prozent der Wildheuplanggen schweizweit, liegen in Uri. Eine grosse Verantwortung und Aufgabe für den Kanton. Zur Unterstützung seiner Wildheubauern möchte er eine Drehscheibe von Freiwilligen ins Leben rufen, die gegen Spesen, Kost und Logis bei Bedarf, auch kurzfristig, zwei bis drei Tage beim Wildheuen helfen. «Schwitzen für eine gute Sache», fasst Epp Sinn und Zweck der Drehscheibe zusammen.

Unter den Teilnehmern ist auch Jean-Paul, 42, ein Banker aus Zürich. Er möchte etwas tun für die Landschaft und die Berge und dabei «dem teilweisen Leerlauf der Bank entfliehen». Viele Kollegen würden in einer Sinnkrise stecken und in anderen Berufen Erfüllung suchen, etwa als Bierbrauer oder Beizer. Er selber fährt am Wochenende Kipplastwagen. Als Ausgleich zur Arbeit. Mit dem Wildheuen will er eine sinnvolle, bodenständige Beschäftigung finden, bei der er, im Gegensatz zum Bankenalltag, einfach tun kann, was man ihm sagt. Ohne dass er stets selbst antreiben und entscheiden muss. Der Kurs ist die Voraussetzung für den Freiwilligeneinsatz, «ein Einführungskurs», sagt Epp. Geleitet wird er von Karl Gisler, Wildheubauer am Rophaien. «Er ist mit der Sense auf die Welt gekommen», stellt Epp ihn vor. Ein Schnupperkurs sei es eher, sagt Gisler, lacht und macht sich an die Arbeit.

Schwierige Anfänge

Der Eisenhammer dengelt die Sichel, der Wetzstein schnellt über die Klinge – ein Geräusch, das Jean-Paul mit den Bergen verbindet. Dann geht es ans Mähen. Schwungvoll, im Halbrund, gleitet Gislers Sichel durchs hohe Gras und hinterlässt eine sauber gemähte Fläche. Auch Jean-Paul wagt sein Glück. Mit mässigem Erfolg: Die Sense lässt ganze Grasbüschel stehen, fährt durch die Luft oder bleibt im Boden stecken. Und dennoch kommt er ins Schwitzen. Kurzärmlig und mit kurzer Hose, machen ihm auch die Bremsen zu schaffen. Nach einer knappen Stunde kündigt Gisler die Mittagspause an: «Beim Hinuntergehen zur Hütte worben wir Bauern» und wendet mit jedem Schritt ein Büschel Gras: keine Bewegung ohne das gewünschte Resultat, keine nutzlos und keine zu viel. Der Banker erkennt in der Ökonomie der Bewegungen das Geheimnis der Ausdauer von Gisler.

Bei der Wildheuerhütte ziehen Wandernde vorbei. Hunderte sind an diesem schönen Sommertag auf dem Wildheuerpfad unterwegs. Auch er ist Teil des Förderprogramms von «Wildheu Uri». In der Wildheuerhütte auf den Rüteliplanggen betrachten sie Bilder vom Wildheuen aus früheren Zeiten und den ausgestellten Nagelschuh. Auf dem speckigen, glänzigen Leder hat sich etwas Staub angesetzt.

Imagepflege für die Landwirtschaft

Rüteli kommt von reuten, was roden heisst. Auf den Rüteliplanggen stand früher flächendeckend Wald, der geschlagen wurde, um neue Einkommensquellen zu schaffen. Die Rechnung war einfach: je mehr Planggen, desto mehr Heu und Tiere, die man überwintern konnte, desto mehr Milch, Käse, desto mehr Verdienst. Auch Karl Gisler geht in die Wildi des Heus wegen. Aber nicht nur. Der Bund unterstützt das Wildheuen der ökologisch wertvollen Flächen mit Direktzahlungen pro Fläche einerseits und die Wirtschaftserschwernis bei der Heuernte andererseits. «Wir müssen bei der Bevölkerung Verständnis schaffen, damit das Geld weiterhin fliesst», sagt Karl Gisler und versteht den Wildheupfad und die Kurse als Imagepflege für die Landwirtschaft. Deshalb zeigt er auch das traditionelle Handwerk, das die Kursteilnehmer sehen wollen. Die Realität sieht oft anders aus. Immer mehr Wildheubauern mähen ihre Planggen nicht mehr von Hand. Wenn möglich kommen Mähmaschinen und Heubläser zum Einsatz. Das Material lassen sie mit dem Helikopter hoch- und das Heu herunterfliegen. «Heuen mit dem Heubläser ist nicht weniger streng», sagt Epp, «aber dreimal so schnell wie mit dem Heurechen.» Effizienz und Effektivität sind in der Berglandwirtschaft längst keine Fremdwörter mehr. Viele Leute klagen, dass die Ruhe am Berg verloren geht. Auch der Kanton sieht die Entwicklung mit Missbehagen und überlegt sich Kürzungen bei den Naturschutzzuschlägen für Bewirtschaftungserschwernisse. «Die Kürzungen waren ein Thema in den Zeitungen», sagt Epp, «eine Lösung des Konflikts steht noch aus.»

50 Kilo schwere Heuballen tragen

Die Sonne sticht inzwischen unerbittlich und heiss. Die Südflanke des Rophaien gleicht einem Brutofen. Doch die Kursteilnehmer schultern Rechen und Gabel und steigen erneut die Plangge hoch. Unter schattigen Tannen steht eine Mähmaschine. Damit hat Gisler die Plangge am Vortag gemäht. Die Schwierigkeit beim Rechen ist, auf dem trockenen Heu im Steilhang nicht auszurutschen. Bald schon rollen grosse Haufen Heu den Hang hinunter. «Wie die Lava eines Vulkans», denkt Jean-Paul und trinkt einen Schluck Wasser. Es ist sonnenwarm, fast heiss und mag dennoch erfrischen. Auf halber Höhe lernen die Kursteilnehmer schliesslich, wie man «Pinggel», Heuballen, schnürt. 13 Pinggel, je 50 bis 60 Kilogramm, liegen nach zwei Stunden zum Abtransport bereit. Mit gestrecktem Rücken tragen die Männer sie zum Heuerseil bei der Wildheuerhütte. Jean-Paul verzichtet – zu schwer ist der Pinggel für seinen Bankerrücken. Das Wildheuen hat an seinen Kräften gezehrt. Er spürt die Müdigkeit in den Knochen, die Füsse brennen, der Kopf ist heiss, und die Glieder schmerzen. Doch er geniesst das Gefühl, körperlich strenge Arbeit geleistet zu haben. Wie er Pinggel um Pinggel am Heuerseil ins Tal sausen lässt, sagt er, das sei so schön wie 1.-August-Raketen abschiessen. Es stärkt seinen Vorsatz, sich so bald wie möglich für einen Freiwilligeneinsatz zu melden. Andere wiederum sehen ihre Grenzen: der mangelnde Stand oder die fehlende Kraft.

Wenige melden sich für den Einsatz

Edy Epp meint zum Abschied unten im Tal, er würde sich freuen, von der einen oder anderen Person zu hören. Denn Hilfe würden die Bauern gerne annehmen, auch wenn der eine Tag noch keine Wildheuer hervorgebracht habe, eben nur ein Schnupperkurs war. Viel Hoffnung schwingt dabei nicht mit. Der Rücklauf aus den Kursen ist gering. Von 37 Teilnehmern der letzten fünf Jahren haben sich trotz guten Vorsätzen nur drei für einen Einsatz gemeldet.

Karl Gisler ist beim Abschied nicht mehr dabei. Er nimmt in den Rüteliplanggen das morgens geschnittene Gras zusammen. Nächste Woche, so das Wetter will, wird er auf die oberen Felsbänder am Rophaien steigen. Die Maschinen hat er schon hochgeseilt. In der sengenden Sonne und bei brütender Hitze werden er und sein Vater 3 bis 4 Hektar mähen. Zwei Wochen brauchen sie dafür. Dann wird Gisler den Heli anfordern, der die Ernte ins Tal fliegen wird: «Man geht halt mit der Zeit.»

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