URI: Mit Lamas gegen den Wolf

Schafhalter handeln jetzt auf eigene Faust. Zum Schutz ihrer Herden setzen sie auf Lamas. Die ersten Tiere sind bereits im Einsatz. Der Bund zahlt aber nichts.

Anian Heierli
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Im luzernischen Entlebuch schützen bereits seit 2012 kastrierte Lama-Hengste Schafsherden vor dem Wolf. (Bild: Keystone / Sigi Tischler)

Im luzernischen Entlebuch schützen bereits seit 2012 kastrierte Lama-Hengste Schafsherden vor dem Wolf. (Bild: Keystone / Sigi Tischler)

Vermutlich ist Anfang Mai eine Gämse unmittelbar beim Dorf Bristen dem Wolf zum Opfer gefallen. Eine DNA-Analyse soll nun Gewissheit bringen (siehe unsere Zeitung vom Mittwoch). Auch im vergangenen Sommer kam es zu Attacken. Der Wolf riss im Etzlital mehrere Schafe von Landwirt Erich Tresch. Damals wollten er und fünf weitere betroffene Schäferkollegen rasch einen Schutzhund anschaffen, der ihre 250 Schafe bewacht. Und obwohl einer der Landwirte bereits die nötigen Hundekurse absolviert hat, kommen die Behörden ihrem Anliegen nicht nach. Noch gibt es zu wenig ausgebildete Schutzhunde. Zuerst werden Herden mit 1000 Schafen und mehr berücksichtigt, hiess es in der damaligen Begründung. «Man hat uns auf 2016 vertröstet», erzählt Tresch. «Sicher ist aber noch gar nichts.» Zuerst möchte man abklären, ob der Einsatz von Schutzhunden im Etzlital nicht zu Konflikten mit Touristen führe.

Starke Tritte zur Verteidigung

Doch Tresch und seine Kollegen wollen ihre Schafe keinesfalls dem Wolf ausliefern. Deshalb handeln sie jetzt auf eigene Faust und haben vier Lamas und zwei Esel als Herdenschutz angeschafft. «Lamas ergreifen bei Eindringlingen nicht die Flucht», erklärt Tresch. Die von Natur aus aufmerksamen und neugierigen Tiere gehen direkt auf Unbekanntes zu. Und bei Gefahr greifen sie sofort an. «Dabei verteidigen sich die bis zu 150 Kilogramm schweren Lamas mit starken Fusstritten», weiss der Landwirt. Deshalb würden sich Lamas auch nicht von Hunden treiben lassen, wie es bei anderen Herdentieren üblich sei. Ähnlich verhalten sich Esel. Diese sind im steilen Gelände aber schlechter einsetzbar. «Die Lamas und Esel haben sich problemlos in die Herde integriert und laufen von sich aus mit», erzählt Tresch. Die sechs Schafhalter haben nun jeweils zwei Lamas am Anfang und Ende des Etzlitals positioniert, die Esel passen in der Mitte auf. Mit ihrem Versuch starten die Landwirte im Kanton Uri ein Pilotprojekt. Weil aber noch eindeutige wissenschaftliche Resultate fehlen, zahlt der Bund nichts.

Wolfsbefürworter sollen zahlen

Die Lamas sind langfristig günstiger als der Einsatz von Schutzhunden. Denn Lamas und Esel müssen weder trainiert werden, noch brauchen sie spezielles Futter. Ihnen reicht das Gras auf der Wiese. Trotzdem sagt Tresch: «Wir wollen nun von Wolfsbefürwortern und Umweltschutzvereinen eine Entschädigung erhalten.» Bislang finanzieren sie ihr Vorhaben selber. Ein Lama kostet rund 2000 Franken.

Forschung bringt erste Resultate

Seit 2012 untersucht die nationale Herdenschutzfachstelle in einem Pilotprojekt unter anderem im Kanton Luzern den Einsatz von Lamas gegen Wölfe. Jetzt liefert der Leiter der Herdenschutzfachstelle Daniel Mettler erste Resultate. «Unsere Erfahrungen widersprechen sich», sagt er. In mehreren Betrieben verlief alles Erfolg versprechend. Dagegen gab es auf der Alp Schrattenfluh im Entlebuch trotz des Einsatzes zweier Lamas vier Wolfrisse. Laut Analyse war die Herde zu heterogen. Das heisst, die 200 Schafe verteilten sich auf einer relativ grossen Fläche. Und wie in Andermatt gehörten die Tiere mehreren Landwirten, weshalb sich die Lamas ungenügend integrierten. Idealerweise bewachen die Tiere kleinere Herden. «Das Urner Projekt kann aber trotzdem funktionieren», sagt Mettler. Im Etzlital kommen vier Lamas und zwei Esel zum Einsatz, die im Gelände strategisch positioniert werden. Zudem haben Lamas verschiedene Charaktere. Der Züchter wählt die geeignetsten aus. In der Regel sind das dominante, kastrierte Hengste, die auf unbekannte Eindringlinge aggressiv reagieren. Mit Hunden wird getestet, welche Tiere sich eignen. Hinzu kommt, dass sich nicht jedes Lama als Teil der Schafherde fühlt. «Es gibt solche, die lieber mit Rindern mitlaufen», erzählt Mettler.

Lamas haben Sympathiebonus

Für den Herdenschutz-Experten haben Lamas gegenüber Schutzhunden aber einen entscheidenden Vorteil. «Sie besitzen ein freundliches Image und stellen kaum ein Risiko für Bergtouristen dar. Ihre Bisse sind weniger gefährlich als die eines Hundes.» Die Tiere aus den südamerikanischen Anden fühlen sich zudem in unserem Klima wohl. In ihrem Herkunftsland werden sie schon länger gegen Kojoten und kleinere Raubtiere eingesetzt. Mettler weiss auch, weshalb Schutzhunde knapp sind. «Es dürfen nur ausgewachsene, ältere Hunde zum Einsatz kommen.» Grossflächig Welpen zu verteilen, sei die falsche Strategie. Der Bund ist daran, Richtlinien für einen sicheren Umgang mit Schutzhunden zu erarbeiten. «Damit soll verhindert werden, dass mit Schutzhunden mehr Probleme auftreten als mit Wölfen», so Mettler.

Kanton hält sich bedeckt

Der Kanton Uri arbeitet zurzeit intensiv an den Herdenschutzmassnahmen. Im Frühling gab es Beratungsgespräche mit betroffenen Schafhaltern. «Jetzt kommen wir in eine zweite Phase und wollen konkrete Massnahmen durchführen», sagt Markus Baumman, Vorsteher des Amts für Landwirtschaft, auf Anfrage. Wie die geplanten Massnahmen im Detail aussehen, will man aber noch nicht verraten. In nächster Zeit werde es eine entsprechende Medienmitteilung geben.