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URI: Musiktherapeutin – diese Klänge tun auch Gesunden gut

Verena Gisler (61) ist die erste Musiktherapeutin des Kantons Uri. Sie weiss, wie man ohne Reden ins Innere eines Menschen blicken kann – und was Urner Klienten besonders macht.
Raphael Zemp
Verena Gisler am «Hang», einem von über 100 Instrumenten ihres Ateliers. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 20.11.2017))

Verena Gisler am «Hang», einem von über 100 Instrumenten ihres Ateliers. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 20.11.2017))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Zwischen dem ehemaligen Kapuzinerkloster und dem Resten Altdorfs liegen nur 50 Höhenmeter – und doch eine ganze Welt. Unten, auf der Reussebene, wuseln Mensch und Maschine. Hier oben hat sich die Ruhe eingenistet: Vom Verkehr bleibt bloss ein dumpfes Rauschen übrig, zu dem sich das Bimmeln grasender Schafe gesellt. Die fahle Herbstsonne scheint in die Kloster­reben, und wo am Horizont die Häuserdächer enden, wachsen Berge steil in die Höhe.

Bei aller Idylle: Anderswo hätte es die 61-jährige Musiktherapeutin Verena Gisler wohl einfacher. «Der Urner kennt viele Wörter, um die Natur zu beschreiben, seine Gefühle hingegen äussert er nur sehr zurückhaltend», weiss sie aus langjähriger Erfahrung. Seit 2006 arbeitet Gisler als erste und lange Zeit einzige Musiktherapeutin im Kanton Uri. Zuerst am Heilpädagogischen Zentrum (heute Stiftung Papilio), ab 2010 in ihrer eigenen Praxis im Kulturkloster, in eben jenem Raum, wo bis 2009 die letzten Kapuzinermönche ihre Bücher stapelten und studierten.

«Ich habe die Instrumente nie gezählt»

Um das auszudrücken, was nicht in Worte gefasst werden kann, hat Gisler jede Menge Hilfsmittel: Instrumente in allen Formen und Grössen füllen fast den halben Praxisraum aus und etliche Wandregale. «Es sind bestimmt über hundert, gezählt habe ich sie allerdings nicht.» Kontrabass und Gong findet man ebenso wie Regenrohr und Trommeln. Da ein afrikanisches Xylofon und hier eine Leier. Auch Klangschalen fehlen nicht. «Hauptsache, die Instrumente sind einfach zu spielen», sagt Gisler. Denn so können ihre Klienten trommeln, zupfen und streichen, was sie zu sagen nicht vermögen.

«Jeder Mensch trägt bereits Antworten auf seine Fragen in sich, zu denen er über die Musik gelangen kann», glaubt Gisler. Ihre Klienten seien deshalb gleichzeitig auch die eigentlichen Experten. «Ich begleite sie lediglich bei ihrem lustvollen und neugierigen Experimentieren.» Mal sind es Gruppen, dann wieder Einzelpersonen. «In fünf Minuten kann nichts passieren, oder aber die ganze Welt stellt sich auf den Kopf.» Damit meint Gisler jene Schlüsselmomente, die ihr noch heute Hühnerhaut auf die Arme zaubern. «Plötzlich ist man völlig im Hier und Jetzt, alles andere löst sich auf.» Geht es um ihren «Traumjob», muss man Gisler nicht mit Fragen anschieben. Es sprudelt nur so aus hier heraus. «Mit Esoterik hat das Ganze aber überhaupt nichts zu tun», schiebt Gisler ihren Ausführungen nach, noch bevor man diesen Einwand erst hätte formulieren können. Sie weiss wohl nur zu gut, wie ihre bunt gemusterten Kleider und Birkenstock-Finken auf gewisse Gesprächspartner wirken können. «Dass Musik auf Körper und Geist einwirkt, ist wissenschaftlich bewiesen.»

Umso wichtiger sei es, dass man die Bevölkerung auf diese Therapieform aufmerksam mache, wie etwa mit dem europäischen Tag der Musiktherapie vom vergangenen Mittwoch. Denn von einer Musiktherapie könnten viele profitieren, glaubt Gisler: «Nicht nur wer trauert, sich in einer schwierigen Übergangsphase befindet oder mit psychischen Problemen kämpft, sondern auch wer sich etwas Gutes tun will.» Welch positive Wirkung Musik haben kann, zeige auch die Fasnacht – «der grösste musiktherapeutische Anlass im Kanton», wie Gisler sagt. «Katzenmusikmarsch, Pauken- und Trommelschläge – das tut gut bis in die letzte Zelle. Das wissen auch die Urner.»

Dass Musik guttut, erlebe sie immer wieder am eigenen Leib. Das sei mehr als eine Binsenweisheit. Geboren am Ufer des Zürichsees in Männedorf ZH, begann sie bereits mit zehn Jahren, Geige zu spielen. Eine Liebesbeziehung, die bis heute andauert. Nachdem sie ihre erste Ausbildung zur Primarlehrerin abgeschlossen und erste Erfahrungen auf ihrem Beruf gesammelt hatte, begann sie 1978 ein Studium in Geige und Gesang am Konservatorium Zürich. Abgeschlossen hat sie dieses allerdings nie – auch weil sie aus Konkurrenzstress gar die Freude an der Musik verlor.

Lange Zeit spielte die Familie die erste Geige

«Denn Musik ist mehr als nur eine falsch oder richtig gespielte Note», glaubt Gisler nach wie vor. Nach dem Studienabbruch gab vorerst die Familie den Takt an, bis sie sich schliesslich einen lang gehegten Traum erfüllen konnte und 2008 nach vier Jahren berufsbegleitendem Masterstudium den Abschluss in Musiktherapie in den Händen hielt. Damit hat sie gefunden, wonach sie gesucht hat. Noch heute brennt Gisler für ihre Tätigkeit, die sie immer wieder von Neuem überrascht und fordert. «Keine Sitzung gleicht der anderen, ich bin ständig am Improvisieren.»

Kraft dafür findet Gisler auch in der Urner Natur, wo sie sich oft aufhält – gerne auch ganz allein. Neben ihrem Mann, der sie 1984 ins Urnerland lockte, und ihren vier Kindern, sind es vor allem die hiesigen Berge und Seen, die es der Zugezogenen einfach gemacht haben, hier heimisch zu werden. «Aber auch die Erfahrung, dass viele Urner hinter ihrer Zurückhaltung einen weichen und sensiblen Kern verbergen.»

Hinweis

Weitere Infos finden Sie unter www.musicaverena.ch.

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