Urner Chefarzt: «Viele Magen-Darm-Probleme basieren auf einer psychologischen Ursache»

Nach 25 Jahren am Kantonsspital geht Chefarzt Urs Marbet in Pension. Der Darmspezialist gibt Einblicke in sein Leben und seine Methoden, zu denen auch die Hypnose zählt.

Anian Heierli
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Urs Marbet hat als Chefarzt am Kantonsspital Uri zahlreiche schwere Schicksale miterlebt.

Urs Marbet hat als Chefarzt am Kantonsspital Uri zahlreiche schwere Schicksale miterlebt.

Bild: Anian Heierli

Urs Marbets (64) Leidenschaft gilt den Menschen. Der Mediziner mit dem unverkennbaren Basler Dialekt und der gelassenen Art geniesst einen internationalen Ruf als Magen-Darm-Spezialist. Ein Ruf, der nicht von ungefähr kommt. Denn Marbet ist einer, der für seine Arbeit schwärmt. 17-Stunden-Tage und Dauerschichten gehörten genauso zu seinem Leben wie Frau und Kinder. Ende Oktober geht der Chefarzt für Innere Medizin am Kantonsspital Uri in Pension. 40 Jahre war er Arzt, 25 davon am Kantonsspital Uri (KSU).

Urs Marbet, was verschlägt einen Stadtbasler in den Kanton Uri?

Urs Marbet: In Basel hatte ich mehrere Jahre als Oberarzt gearbeitet und habe keine Möglichkeit gesehen, in absehbarer Zeit eine leitende Stelle zu übernehmen. Also habe ich im Spital Herisau als Co-Chefarzt unterschrieben, worauf einer meiner Basler Vorgesetzten überraschend seine Stelle gewechselt hat. Ich bin dennoch nach Herisau gegangen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich danach aber ein etwas zwiespältiges Verhältnis mit dem Herisauer Chefarzt. Als dann der damalige Urner Regierungsrat Alberik Ziegler auf mich zugekommen ist und mir die Stelle als Chefarzt am Kantonsspital Uri angeboten hat, habe ich zugesagt.

Sie kamen also aus rein beruflichen Gründen nach Uri?

Marbet: Nicht nur. Aber nach Herisau habe ich mir gedacht, es ist einfacher, selber ein Team aufzubauen. Diese Herausforderung hat mich gereizt. Vor 25 Jahren war das Kantonsspital Uri noch sehr klein. Bis auf einen Rheumatologen hat es damals keine Spezialisten gegeben. Für mich war es spannend, etwas Neues zu versuchen und die Versorgung am Spital zu verbessern. Mir gefällt Uri aber auch wegen der Landschaft. Als ehemaliger Windsurfer, aktiver Skifahrer und Wanderer gibt es hier diverse Ausflugsziele. Nur fehlt mir dazu als Chef oft die Zeit. Ich hoffe, das ändert sich nun. Mittlerweile ist auch mein Freundeskreis in Uri, und ich werde hier bleiben.

Sie sind Darmspezialist und eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet. Hätten Sie an einem grossen städtischen Spital nicht mehr erreichen können?

Marbet: Am Unispital Basel hatte ich tatsächlich interessante internationale Projekte durchgeführt – etwa zu Nieren und Hepatitis. Ich muss aber gleichzeitig sagen, dass mir die Arbeit mit Menschen schon immer stärker gefallen hat, als nur hinter dem Reagenzglas oder dem Computer zu sitzen. Es war deshalb gut, vom Unispital wegzugehen und einen anderen Weg einzuschlagen. Und ich habe auch in Uri eine Forschung zu Darmkrebs auf die Beine gestellt. Die Resultate werden heute von Universitäten bis über die Landesgrenzen hinaus anerkannt.

Gibt es dank Ihrem Einsatz und dem Vorsorgeprogramm für Darmkrebs weniger Krankheitsfälle im Kanton Uri als andernorts?

Marbet: Bislang noch nicht messbar. Die Darmkrebsfälle in Uri liegen im Deutschschweizer Durchschnitt. Die Urner gehen im Verhältnis relativ spät mit ihren Problemen zum Arzt, was für ländliche Gebiete typisch ist. Doch wenn man bei Darmkrebs starke Beschwerden spürt, ist die Krankheit oft in einem fortgeschrittenen Stadium. Zurzeit nutzen nur gut ein Viertel der Urner, die altershalber zur Risikogruppe gehören, unser Vorsorgeprogramm am Kantonsspital. Zum Programm gehört ein Stuhltest oder eine Darmspiegelung.

Stuhltest und Spiegelung klingen nicht wirklich attraktiv. Weshalb haben Sie sich auf den Darm spezialisiert?

Marbet: (lacht) Ich habe eine weite Ausbildung genossen. Zuerst habe ich an der Universität Basel zu Nieren studiert und sogar bei Transplantationen mitgeholfen. Später in den USA habe ich mich intensiv mit der Leber beschäftigt und auf diesem Organ auch meine Professur gemacht. Ich bin sicher nicht jemand, der nur Magen-Darm-Spiegelungen durchführt. Mittlerweile ermöglicht aber auch die Endoskopie spannende chirurgische Eingriffe. Gerade heute Morgen habe ich einen 2,5 bis 3 Zentimeter grossen Polypen endoskopisch herausoperiert, was anspruchsvoll war. Ich kann sagen, dass ich am Kantonsspital Uri einen Mix zwischen manuellen, intellektuellen und vor allem auch psychologischen Aufgaben hatte.

Psychologische Aufgaben?

Marbet: Viele Magen-Darm-Probleme basieren auf einer psychologischen Ursache. Aus Interesse daran habe ich in Deutschland eine Hypnoseausbildung abgeschlossen. Ich denke, ein Mediziner darf die Psyche nicht vergessen.

Haben Sie schon selber Hypnose angewandt?

Marbet: Häufig. Ich habe mehrere Patienten mit Reizdarmproblemen hypnotisiert. Hier ist die positive Wirkung wissenschaftlich bewiesen. Mit Hypnose habe ich zudem Menschen geholfen, ihre Chemotherapie besser zu vertragen, respektive die Nebenwirkungen der Bestrahlung zu lindern.

Können Sie auch Tumore weghypnotisieren?

Marbet: Nein. Zwar wird die Hypnose zunehmend ernst genommen, doch es gibt auch Missbrauch. Man muss wissen, was möglich ist. Tumore weghypnotisieren ist Blödsinn. Aber mit Hypnose und überhaupt mit Psychotherapien kann man unterstützend helfen.

Sie haben es auch mit harten Schicksalen zu tun. Können Sie sich da überhaupt auf den Patienten einlassen?

Marbet: Ich muss. Leider wird das zu wenig gemacht. Aus Studien weiss man, dass Ärzte ihre Patienten im Schnitt 18 Sekunden sprechen lassen. Was für mich eine Katastrophe ist. Bezüglich Kommunikation können wir noch viel lernen. Doch gerade bei harten Schicksalen gehört eine gewisse Distanz auch dazu. Manches trägt man dennoch nach Hause.

Zum Beispiel?

Marbet: Wenn ich denke, ich hätte etwas besser machen können. In solchen Fällen schlafe ich schlecht. Zum Glück ist das nicht häufig vorgekommen. Während der Arbeit blende ich aber alle Sorgen aus und konzentriere mich aufs Wesentliche.

Fällt es Ihnen schwer, die Zügel aus der Hand zu geben?

Marbet: Nein. Ich werde weiterhin einen Tag endoskopisch tätig sein. Zudem bin ich stolz auf das Erreichte. Das Darmkrebs-Vorsorgeprogramm findet internationale Anerkennung, und heute sind mehrere Assistenzärzte aus meiner Küche selber erfolgreich. Ein gutes Gefühl habe ich bei Nachfolger Georg Mang, der die Stelle als Chefarzt Innere Medizin antritt.